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06.10.2009
Eine Pflegerin hält im Pflegeheim der Else-Heydlauf-Stiftung in Stuttgart die Hand einer Heimbewohnerin. (Bild: AP) Eine Pflegerin hält im Pflegeheim der Else-Heydlauf-Stiftung in Stuttgart die Hand einer Heimbewohnerin. (Bild: AP)

"Unterstellt wird, dass das jeder will"

Was die Philosophie über das "Unsterblichkeitsgen" denkt

Thomas Schramme im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Ewige Jugend und Unsterblichkeit - diese Worte fielen bei der Vergabe des Nobelpreises für Medizin. Der Medizinethiker Thomas Schramme stellt dagegen die Frage, ob eine Verlängerung des Lebens überhaupt wünschenswert sei.

Doris Schäfer-Noske: Ewige Jugend und Unsterblichkeit - diese Worte fielen gestern nicht bei einem philosophischen Kolloquium, sondern bei der Vergabe des Nobelpreises für Medizin. Die ausgezeichneten Genforscher haben nämlich ein Enzym entdeckt, das eine erfolgreiche Zellteilung ermöglicht, ohne dass dabei die Enden der Chromosomen kürzer werden, wodurch die Zellen irgendwann absterben. Zunächst verspricht man sich davon vor allem Fortschritte in der Krebstherapie, denn das Enzym führt in Krebszellen zu deren quasi Unsterblichkeit. Aber vielleicht könnten wir irgendwann unser Leben durch eine Förderung dieses Ewige-Jugend-Enzyms immer weiter verlängern. Ein Menschheitstraum ginge in Erfüllung oder auch ein Albtraum. Frage an Thomas Schramme, Medizinethiker an der Uni Hamburg: Herr Schramme, Sie haben an einem Buch mitgeschrieben, das trägt den Titel "Länger leben?". In den USA wird die Debatte um die Unsterblichkeit seit ein paar Jahren unter dem Stichwort "war on aging" geführt, also der Krieg gegen das Altern - sollen wir uns denn tatsächlich Unsterblichkeit wünschen?

Thomas Schramme: Ich denke, viele Menschen wünschen sich vermutlich ein längeres Leben, und zwar nicht nur einfach im Sinne ein paar mehr Lebensjahre, sondern einfach auch natürlich ein Leben mit einer guten Qualität. Ich denke, ein unsterbliches Leben wirft ganz andere Fragen auf als einfach ein Leben, was meinetwegen um 40 Jahre verlängert wäre, denn das können wir uns noch irgendwo vorstellen, was das heißen würde. Wir könnten sehen, wir unsere Ururenkel aufwachsen, solche Dinge eben, die uns sicherlich interessieren würden, aber ein unsterbliches Leben scheint darüber doch weit hinauszugehen. Und da fragt man sich dann schon natürlich, ob das noch erwünscht wäre. Und es gibt auch einige Philosophen, die dazu sich geäußert haben. Und einer zum Beispiel hat gesagt, das würde irgendwann langweilig werden, weil wir eigentlich keine neuen Ideen mehr hätten, was wir machen wollen mit unserem Leben.

Schäfer-Noske: Wenn man an der Unsterblichkeit arbeitet, medizinisch, damit wäre ja das Altern quasi eine Krankheit, die man behandeln kann. Andererseits würde ja auch keiner mehr an Altersschwäche sterben, was sich ja viele Menschen wünschen: Man schläft nach einem langen und erfüllten Leben friedlich ein.

Schramme: Ja, also das mit dem Krankheitsbegriff ist so eine Sache. Also man würde sicherlich nicht sagen, dass das Altern als einfach Addition von Lebensjahren eine Krankheit ist, aber natürlich wissen wir, dass der Verfall oft mit altersbedingten Dingen einhergeht. Aber dieser Verfall der Fähigkeiten im hohen Alter ist auch irgendwo was Normales, was wir eigentlich nicht als Krankheit als solche ansehen. Etwas anderes wäre es dann, wenn es eben möglich wäre, unsere menschliche Natur so zu ändern, dass vielleicht das eben nicht mehr normal wäre, dass wir so verfallen. Und die Frage ist natürlich insbesondere, ob wir das sollen, und ich denke, das muss nicht unbedingt so sein, dass der Verfall der Fähigkeiten unbedingt nur schlecht sein muss im Alter. Wir haben natürlich die Vorstellung, ein langes, selbstbestimmtes Leben ist das Beste für uns, aber warum sollen nicht auch Abhängigkeiten im Alter, die Abhängigkeiten vielleicht von seinen eigenen Kindern, die wir großgezogen haben, nicht auch gut für uns sein. Bestimmte Beziehungen verbessern, vielleicht erst neue schaffen auch.

Schäfer-Noske: Wenn man nun versuchen würde, den gesunden, erwachsenen Körper ewig jung zu halten, welche Folgen hätte das denn für die Gesellschaft?

Schramme: Na ja, ein wichtiges Problem ist natürlich das Ressourcenproblem. Also stellen wir uns vor, jeder von uns würde meinetwegen 40 Jahre länger leben, dann hätten wir einen sehr viel längeren Ressourcenverbrauch in unserem Leben. Und was natürlich jetzt schon ein Problem ist, zum Beispiel in Bezug auf Umweltfragen, wären praktisch mehr Menschen gleichzeitig auf der Erde. Das ist natürlich ein gigantisches Problem. Ein zweites Problem ist, denke ich, dass diese Technik, wenn sie denn möglich wäre, eben nur einigen vermutlich zur Verfügung stünde, denn es ist kaum anzunehmen, dass die Krankenkassen für solche Dinge bezahlen würden. Und insofern wäre es dann eben nur für einige, eben reiche Leute möglich vermutlich, diese Technik auch zu nutzen.

Schäfer-Noske: Das heißt, es wäre eine Fortsetzung der Zweiklassenmedizin, die Unsterblichkeit als Luxusgut?

Schramme: Ja, in der Tat. Also man kann natürlich sagen - diesem Argument würde ich auch zum Teil zustimmen -, dass dann langfristig diese Behandlungen billiger würden, wie bei anderen Technologien auch, und natürlich könnte man sagen, na gut, sollen die Leute doch sparen auf diese Dinge. Einige kaufen sich Häuser oder große Autos, andere kaufen sich ein längeres Leben, warum sollte man das nicht sagen, dass das eben auch fair wäre. Aber grundsätzlich wäre es natürlich erst mal so, einige könnten sich das leisten, länger zu leben. Und es ist sicherlich auch grundsätzlich erst mal erwägenswert, ob man das dann nicht für alle verbieten sollte, weil doch diese Dinge einen etwas anderen Stellenwert haben, als dass sich einige ein Auto leisten können und andere nicht.

Schäfer-Noske: Nun wird ja das, was medizinisch möglich ist, meist auch irgendwann gemacht, man denke nur an Schönheitsoperationen. Ist denn die Vergabe des Medizinnobelpreises damit eigentlich auch eine schlechte Meldung, weil sie ja die Diskussion um diese ganze Unsterblichkeit und die Möglichkeiten vorantreiben wird?

Schramme: Es ist schon erstaunlich, finde ich, dass bei vielen Dingen, die so in der Medizin und in der Medizintechnologie passieren, einfach davon ausgegangen wird, dass das alles so toll ist und dass wir dieses Ziel verfolgen, also zum Beispiel, dass auf jeden Fall es gut ist, an der Verlängerung des Lebens zu forschen, weil einfach unterstellt wird, dass das jeder will. Leider findet wenig Diskussion darüber statt, ob wir das überhaupt wollen. Vielleicht ist jetzt die Angelegenheit, dass mal diese Frage gestellt wird und die Geisteswissenschaftler auch mal gefragt werden. Vielleicht ist das so ein Thema, wo man auch als Geisteswissenschaftler was Sinnvolles zu sagen kann und nicht einfach immer nur voraussetzen sollte, dass das alles so sinnvoll ist, was da passiert.

Schäfer-Noske: Das war der Medizinethiker Thomas Schramme über die Entdeckung des Ewige-Jugend-Enzyms.


 
 

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