Nach den neuen Zahlen des Instituts für Museumsforschung kauften erstmals bundesweit 2,3 Prozent weniger Menschen eine Eintrittskarte in ein Museum. Im klaren Aufwärtstrend liegen dagegen - bundesweit und in Berlin - Gedenkstätten und zeitgeschichtliche Museen.
Es ist fast schon gleichgültig, welche Ausstellung man sich ansieht. Im zeitgeschichtlichen Bereich steigen die Besucherzahlen in den letzten Jahren zweistellig. 1994 startete die Stasigedenkstätte Hohenschönhausen, ein abgelegenes, unbekanntes ehemaliges Gefängnis im Osten Berlins mit 3096 Besuchern im Jahr. Mit einem nur minimalen Werbeetat hat sich diese Zahl inzwischen verhundertfacht. Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe:
"Wir haben einen starken Anstieg der Besucherzahlen von etwa 20 Prozent pro Jahr gehabt, sind jetzt bei etwa 300.000 Besuchern, über 300.000 in diesem Jahr. Das spricht sich einfach herum, dass das hier ein sehr eindrückliches Erlebnis ist."
Ein erstaunliches Unternehmen ist auch das völlig privat finanzierte "DDR-Museum", das mit seinem für den begehrten Museum-of-the-year-Preis nominierten Ausstellungskonzept dem in Sichtweite liegenden Deutschen Historischen Museum im Bereich DDR-Geschichte frech den Schneid abkauft. Nach nur drei Jahren Ausstellungsbetrieb hat Museumschef Robert Rückel alle Kredite für das Unternehmen abbezahlt.
"Wir haben in diesem Jahr, ich hab die Zahlen von Montag, da waren es 357.000 in diesem Jahr, also circa 25 Prozent Steigerung gegenüber 2008. In 2008 waren es 308.000, in 2007 245.000. Dadurch dass die Investitionen wieder drin sind seit über einem halben Jahr auch, was an der Besuchersteigerung liegt, investieren wir jetzt wieder neu und planen gerade, was wir nächstes Jahr machen wollen."
Seit Jahrzehnten vorn liegt mit 850.000 Besuchern auch das Mauermuseum am Checkpoint Charlie, von dem früher aus aktiv Fluchthelfer mit diversen Tricks DDR-Bürger durch die Grenze schleusten. Besitzerin Alexandra Hildebrandt:
"Unser Museum hat die Geschichte der deutschen Teilung mitgeschrieben und ist authentisch. Wir zeigen die Fluchtautos oder Fluchtflugzeuge, um den jungen Menschen zu vermitteln, wie riskant war das, in die Freiheit zu entkommen, aber der Freiheitswille war größer als die Angst, umgebracht zu werden oder verhaftet zu werden. Das ist die Botschaft, die die Menschen mitnehmen."
Authentische historische Orte, Ausstellungen mit klaren, fassbaren Botschaften oder neue Ausstellungskonzepte, bei denen die Besucher aktiviert werden, selbst etwas zu tun, um sich in die Zeit hineinzuversetzen, das sind nach Auffassung vieler Ausstellungsmacher die Faktoren für den Erfolg bei den heutigen Besuchern, die zur reinen Informationsgewinnung nicht mehr die großen Institutionen, sondern das Internet nutzen. In der Gedenkstätte Hohenschönhausen führen ehemalige Häftlinge durch die ihnen noch vertrauten Zellentrakte.
"Sie haben sich immer was einfallen lassen, die Atemnot, Handschellen zugedrückt lassen im Winter 83, dass die Blutzufuhr stoppte. Man fühlte sich immer an Leib und Leben und Gesundheit bedroht - ich hatte Angst."
Im Mauermuseum lockt die Atmosphäre der agentenkrimigleichen Fluchtplanung. Und das DDR-Museum bietet, was sich kein öffentliches Museum der Welt erlauben würde: das selbstständige Entdecken und Kruschen in den dargebotenen Gegenständen. DDR-Forscher und Chefkurator Stefan Wolle:
"Sie sehen Küchengeräte, wir haben ja da die Küche in unserem Museum und man machte die Schubladen auf und findet da was über die Rolle der Frau im Sozialismus, auch über den Frauentag, wie der gefeiert wurde in dieser etwas merkwürdigen Art und Weise. Oder wir machen den Schrank im Wohnzimmer auf und finden da was über Liebe, Sexualität, diese Dinge. Man macht die Schublade auf, Volksbildung und findet da eine Schulmappe, da kann man die Hefte rausnehmen, das Hausaufgabenheft, das berühmte Mutti-Buch und das ist dann schon sehr politisch, was da steht. Das sind also Originale. 'Robert tanzte aus der Reihe, steht da.' Also die Erziehungsideale des Sozialismus kommen da gut zum Ausdruck."
Auf die Jahrzehnte gesehen ist ein solcher Umgang mit der eigenen Sammlung, der übrigens auch gegen die Vereinbarungen des internationalen Museumsverbandes Icom verstößt, natürlich verschleißend und selbstzerstörerisch. Allerdings, argumentieren Stefan Wolle und Robert Rückel, ist ihre Sammlung von Alltagsgegenständen aus der DDR so gewaltig, dass abgenutzte Dinge noch über Jahre hinaus ausgetauscht werden können. Sie setzen daher weiter auf das lebendige, anti-museale Konzept des Selberanfassens. Ähnlich geht es der Gedenkstätte Hohenschönhausen mit dem Umgang der Zeitzeugen, sagt Leiter Hubertus Knabe:
"Das Problem ist, dass die Zeitzeugen aussterben werden. Aber im Moment stellt sich das Problem nicht. Die DDR hat leider ausreichend politische Gefangene produziert, sodass wir keinen Mangel an Nachwuchs haben."
Die klassisch arbeitenden Museen spüren die Konkurrenz der unkonventionellen anderen übrigens deutlich. In der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums zum Beispiel ging die Zahl der Besucher von 2007 auf 2008 gegen den allgemeinen Trend um 80.000 oder 12 Prozent zurück.
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