Das Rechteck und der Kreis waren es, die die Werke des Malers Rupprecht Geiger so unverwechselbar gemacht haben - später noch die Farbe Rot. Nun ist der Künstler im Alter von 101 Jahren gestorben. Bis zum Ende war er im Besitz seiner schöpferischen Kraft.
So, wie es die Gnade der späten Geburt gibt, so gibt es ganz offenbar auch eine Gnade des späten Todes, jedenfalls dann, wenn man bis zum Schluss geistig rege und auch noch weitgehend im Besitz seiner schöpferischen Kraft geblieben ist. Rupprecht Geiger wurde dieser Gnade teilhaftig. Denn selbst all die musealen Feiern zu seinem 100. Geburtstag durfte dieser zeitlebens, zierlich, zerbrechlich und asketisch wirkende Farbmagier und -absolutist noch miterleben und sogar auch mitgestalten. Welche Farbe es ihm ganz besonders angetan hat, beschrieb sein Dichterfreund Helmut Heißenbüttel 1976 in der folgenden Hymne:
"rot wie ausgeschütteter Wein
rot wie Rosenblätter die der Wind zerstreut hat
rot wie der Pfefferbaum im Oktober
roter Oktober
rot wie die untergehende Sonne
eine leuchtende Barke auf dem Horizont des Meeres
das Rot eines Buntspechts im Schnee
Rot ausgequetschter Johannisbeeren
schwarz getrocknetes Blut
roter Mond
blutrot
kupferrot
ziegelrot
dies ist ein Rotdorn
ein Rotspiel
ein Rotspruch
ein Rottext
dies ist ein Kauderrot für Rupprecht Geiger"
Anlass für diesen literarischen Lobgesang war der Abschied Geigers von der Düsseldorfer Kunstakademie, an der er elf Jahre lang als Professor für Malerei gewirkt hatte. Der damals 68-Jährige kehrte anschließend wieder zurück in seine Geburtsstadt München, in der er in den 20er-Jahren Architektur studiert hatte. Nach seinem Wehrdienst als Kriegsmaler in der Ukraine und in Griechenland, führte er gemeinsam mit seiner Frau bis 1962 ein eigenes Architekturbüro. Und erst jetzt, mit 54 Jahren, verwirklichte er seinen Traum, sich als freischaffender Künstler ganz der Malerei zu widmen. Und er tat dies als Autodidakt, der er zeitlebens auch blieb.
Bevor sich Rupprecht Geiger ganz auf die Farbe konzentrierte, experimentierte er noch eine Zeit lang mit surrealen Kompositionen, um dann aber zu erkennen, dass die Vielfalt abstrakter Formen nur von der Farbe ablenkt, während sie hingegen bei Formen wie Rechteck und Kreis unbeeinflusst hervortreten kann. Diese Formen bestimmten denn auch als monochrome Farbfelder seit Beginn der 60er-Jahre sein Werk.
Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein anerkannter Maler, der gemeinsam mit anderen renommierten Kollegen wie Willi Baumeister etwa oder Fritz Winter aus der "Gruppe der Gegenstandslosen", wie sie sich zunächst nannten, in München die Gruppe "Zen 49" gegründet hatte. Und auch die Liste seiner Ausstellungen im In- und Ausland, darunter die documenta 2 in Kassel, die erste von vieren, zu der man ihn eingeladen hatte, war schon beachtlich. Aber noch war er nicht der Rotmaler, als der er in die Kunstgeschichte eingehen sollte. Zuvor untersuchte er über Jahre hinweg in vielen Bildern erst einmal die Wertigkeit und Wirkung von Farben im Nebeneinander, ließ Farben gegeneinander kämpfen und suchte nach Harmonien im Gegensatz.
Er sprühte Leuchtfarben mit der Spritzpistole auf die Leinwand, die sich dort nebelartig auflösten, er benutzte die Farbe in ihrer pastosen Erscheinung, wobei die Bilder dann eine reliefartige Struktur bekamen, oder er stupfte sie locker mit dem Pinsel auf die immer größer werdenden Bildträger. In seinem Spätwerk entfielen schließlich alle Formen als Träger von Farbe, weil sie sich nur dann, wie Geiger sagte, unschuldig entfalten könne und nur so objektiv erlebbar sei, und dies umso stärker, je größer die Fläche sei. So entstanden bis zu fünf Meter hohe Orgien aus Rottönen und ganze Farbräume aus riesigen roten Stoffbahnen, die einen ebenso meditativen wie gleichzeitig aggressiven Charakter in sich trugen. Anlässlich seiner großen Retrospektive 1985 in der Düsseldorfer Kunsthalle schrieb mir Rupprecht Geiger in den Katalog als Widmung: "Um Rot wirklich zu sehen, muss man die Augen schließen." Nun hat er seine für immer geschlossen und uns mehr als nur dieses Rot zurückgelassen.
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