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24.01.2010
Anhänger der Opposition im Iran werden von Polizei verfolgt (Bild: AP) Anhänger der Opposition im Iran werden von Polizei verfolgt (Bild: AP)

Fahrbare Kunst

Eine Installation vor dem ZKM Karlsruhe zur aktuellen Lage im Iran

Von Christian Gampert

Die deutsch-iranische Künstlerin Myriam Schahabian will die Öffentlichkeit in Deutschland für die Lage im Iran sensibilisieren. Dazu hat sie ein Kunstwerk geschaffen, das beweglich ist - ein zum Multimedia-Objekt umgebautes Auto.

Es ist bitterkalt in Karlsruhe. Auf dem Marktplatz steht ein kleines Häuflein iranischer Migranten, 70, 80 Personen, Intellektuelle zumeist, dazu einige deutsche Sympathisanten. Die Solidaritätskundgebung für die Menschen im Iran, die das "Komitee zur Verteidigung und Unterstützung der Freiheit und Menschenrechte im Iran" organisiert hat, bedient sich allerdings ungewöhnlicher Mittel: In einem verbeulten alten Audi 100 hat die Künstlerin Myriam Schahabian zwei Monitore installiert. Der eine Film zeigt eine lange Kamerafahrt auf Teherans berühmter, fast 20 Kilometer langer, aus politischen Gründen mehrfach umbenannter Prachtstraße, die aus dem ärmeren Süden der Stadt in den reichen Norden führt.

Mit eingeblendeten Rolltexten macht Schahabian aus der Fahrt eine Zeitreise durch die - katastrophengezeichnete - persische Geschichte: von den blutigen Straßenschlachten der sogenannten "konstitutionellen Revolution" gegen die vorletzte Schah-Dynastie im Juli 1906 bis zum 27.Dezember 2009, als am schiitischen Trauertag "Ashura" die Demonstrationen in Teheran Tote und Verletzte forderten.

Wie die Stimmung während dieser Proteste gegen die religiösen Machthaber aussieht, macht besonders der Soundtrack des zweiten Films deutlich, der aus lauter Handyaufnahmen zusammengesetzt ist: Hier herrscht nackte Panik und Todesangst.

Schahabian hat die grausamsten Dokumente, wenn Leute schwer verletzt werden oder sterben, aus dem Film herausgelassen. Und trotzdem zeigt diese Collage filmischer Partikel, die auch im Internet stehen, einen veränderten Umgang der Unterdrückten mit der Macht - sagt die Kuratorin Schoole Mostafawy: Der Film zeige eben "The Limits of Control":

"Es handelt sich hier um die erste virtuelle Revolution der Weltgeschichte, auch Internetrevolution genannt. Weil es eben so viele Menschen auf der Straße gegeben hat, die mithilfe ihrer Handys der Außenwelt gezeigt haben, was wirklich im Iran geschieht. Es handelt sich hier nicht um eine chronologische Abfolge der Ereignisse, sondern im Grunde genommen ist es ein Zufall, wenn die Abfolge der Ereignisse übereinstimmt mit der zunehmenden Radikalisierung im Iran."

Myriam Schahabians Installation besteht aber noch aus weiteren Elementen, die alle auf persische Traditionen zurückgreifen: auf dem Beifahrersitz eine wie ein Perserteppich gewirkte Collage aus Porträts von Getöteten, Vermissten, Verhafteten; hinter dem Lenkrad eine anscheinend klassische persische Buchmalerei - hier aber mit Folterszenen; und auf Armaturenbrett und Rückablage eine große Anzahl von Tonfiguren, die Kampfszenen der Demonstrationen nachstellen.

"Der Iraner denkt bei Ton und Erde sofort an einen berühmten Dichter aus dem 12. Jahrhundert. Der heißt Omar Khayyam, der in berühmten Vierzeilern von der Vergänglichkeit des irdischen Lebens erzählt. Und darin wird immer wieder der Mensch auf den Urstoff zurückgeführt, aus dem er gemacht wurde, und zu dem er zurückkehrt. Und Sie sehen jetzt aufgrund dieser kleinen Figuren, die hier aufgestellt wurden, nicht nur die Unruhen der Gegenwart und der Vergangenheit, sondern eine ganze Mentalität widergespiegelt, die sich darin äußert, dass identitätslose, entindividualisierte Geschöpfe einander gegenüberstehen und immer wieder denselben Zyklus des Werdens und Vergehens vergegenwärtigen."

Dass Schahabian ausgerechnet ein Auto als Ort ihrer Installation wählte, hat nicht nur mit der leichten Beweglichkeit des Objekts zu tun: die ersten Demonstranten in Teheran waren systematisch hupende Autofahrer, und auf die Autos prügeln die sogenannten Sicherheitskräfte immer wieder ein, bis die Scheiben bersten.

Schahabians Wagen wird demnächst vor dem ZKM aufgestellt. Gestern stand es noch auf dem Marktplatz, umringt von johlenden Karlsruher Jugendlichen, die sich auch an der Gewalt der Prügelszenen ergötzten. Man musste sie darauf aufmerksam machen, dass Ähnliches auch in Deutschland geschah, vor nicht allzu langer Zeit.


 
 

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