Der Golem ist eine Figur aus Lehm, die der Rabbi Loew im alten jüdischen Prag zum Leben erweckt - so die Geschichte. Die Regisseurin Andrea Schwalbach hat nun in Bonn Eugen d'Alberts "Golem"-Oper modernisiert - angesichts der Tiefendimensionen von Stoff und Stück allerdings zu ängstlich.
Es "wagnert" - und nicht zu knapp - in der Partitur für den "Golem" von 1926: Adaptiert wurden von Eugen d'Albert verschiedene Motive aus dem "Ring des Nibelungen" und den "Meistersingern". Doch immer wieder bricht der tonale Strom des Musikdramas aus den wahrlich nicht mehr sonderlich frischen Bahnen des Wagnerismus aus und entwickelt, bereichert durch rhythmische Deklamation oder eine nur vom Schlagzeug unterlegte Soprankantilene, gestützt auf tritonusgeschärfte Harmonik oder flirrende Sechzehntelfiguren durchaus eigenständige Züge. Stefan Blunier lässt das Beethoven Orchester Bonn die als "spätromantisch" begriffenen Grundgesten des Tonsatzes in recht vollen Zügen auskosten. Die Momente der Brechung bleiben diskret.
Das Textbuch von Ferdinand Lion, der auch das Libretto zu Paul Hindemiths "Cardillac" verfasste und in dem sowohl der Duktus der Wagnerschen Dichtungen wie die Sprache des Expressionismus nachhallen, führt ins frühneuzeitliche Prag, zu Rabbi Loew und zum Kaiserlichen Hofastronomen Tycho Brahe: da geht es nicht nur darum, dass der Natur Geheimnisse entrissen werden, sondern auch um die Nutzanwendung von geheimem gelehrtem Wissen: Um die Beseelung von unbeseelter Natur, um die Erweckung einer Portion Lehm zu Leben.
Von einer Gelehrtenstube ist in der Bühneninstallation von Anne Neuser wenig zu erkennen. Sie etablierte für den Rabbi und seine Laboratoriums-Anordnungen eine "heilige Halle": Unter einer Kuppel wie der des Pantheon oder auch gegenreformatorischer Kirchbauten agiert der geistliche Führer der Prager Juden und befasst sich mit seinen Menschenversuchen. Personal für die Gaukelei, die er Kaiser Rudolf II. vorführt, kauert am Fuße der halbrunden Wand.
Die Regisseurin Andrea Schwalbach wollte dem "Golem" den spätmittelalterlichen Odem nehmen und abstrahierte von Prag, vom Getto, vom jüdischen Gelehrtenhaushalt und von der Ankunft der aus Spanien vertriebenen Juden, überhaupt vom fernen Jahrhundert. Abstrahierend stellt sie die Frage, ob der Zweck wirklich die Mittel heiligt und wie teuer Freiheit die Opfer zu stehen kommt - und sie zeigt Figuren, die auf unterschiedliche Weise in den Versuch des Rabbi Loew involviert werden; dabei deutet sie lediglich an, wie der zu Riesenkräften erwachende Golem von einer potenziell segensreichen Schöpfung zu einer zerstörerischen Kraft mutiert. Und gar nicht gut bekommt auch Lea, der Tochter, die Einbindung: Sie hilft der Beseelung des Kunstprodukts und opfert sich, um es wieder zu entseelen. Ingeborg Greiner gestaltet die Partie der Lea mit deren höchst differenzierten Anforderungen. Mark Morouse verleiht dem Golem Stimme und Gestalt.
Rabbi Loew, der Vater, ausgestattet mit Alfred Reiters profunder und wunderbar ruhig geführten Stimme, ist Opfer und Täter zugleich. Dass dieser Aspekt hervorgehoben wird, entbehrt nicht der Aktualität. Freilich bleibt es angesichts der Tiefendimensionen von Stoff und Stück doch etwas flach. Welch merkwürdige Angst vor historisch Konkretem hat das Gegenwartstheater befallen - gerade auch hier, wo es um ein so wundersam vielschichtiges Sujet geht?
Theater Bonn: Der Golem
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