Seit sich nach der Wiedervereinigung die Ansichten über die Moderne allmählich relativiert haben, wird die Geschichte nach und nach neu geschrieben, und auch diese Ausstellung über Joseph Maria Olbrich gehört in die Reihe von Neuentdeckungen vermeintlich altbekannter Werke.
Zu Zeiten der letzten Olbrich-Retrospektive vor 27 Jahren war das moderne Weltbild noch fest gefügt, die Namen von Gropius, Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Frank Lloyd Wright standen für die Väter des Neuen Bauens. Olbrich galt damals eher als ein versprengter Jugendstilarchitekt, der es nie so recht geschafft hatte, in Deutschland, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte, Fuß zu fassen. Ein Bild, das nach den Worten von Ralf Beil, Direktor der Mathildenhöhe, korrigiert werden muss:
"Wenn Sie hier die Häuser Feinholz oder auch den Hochzeitsturm sehen, dann kann man sich auch da vorstellen, wenn der Mann zwanzig Jahre länger gelebt hätte, dann wäre er sozusagen Teil der Geschichte geworden. So ist er aber überrollt worden von dieser Welle natürlich erst des klassizistischen und dann natürlich des modernen Bauens. Dann hat man eigentlich nur noch gesehen, dass das eben Ornament ist."
In der Tat beschert einem diese Ausstellung das seltene Vergnügen, lieb gewonnene Stützen des Lehrgebäudes über die Geschichte der Moderne nacheinander wie Streichhölzer umknicken zu sehen. Schon länger war bekannt, dass das Gebäude der Wiener Sezession nicht von Olbrichs Wiener Mentor Otto Wagner stammt, sondern von Olbrich selbst. Es bildet 1897 den Auftakt einer geradezu unheimlichen, zehn Jahre währenden Phase der Produktivität, in deren Verlauf Olbrich nach Darmstadt auf die Mathildenhöhe wechselt und dort, als führender Kopf der Künstlerkolonie, den Jugendstil hinter sich lässt und zahlreiche Ideen und Gedanken der Moderne antizipiert, die sich eigentlich später mit anderen Namen verbinden.
Er entwirft früh ein Flachdachhaus nach nordafrikanischem Vorbild, lange vor Mies van der Rohe oder Frank Lloyd Wright. Er propagiert um 1900 Jahre vor Le Corbusier das Haus als Maschine, in dem der Architekt von der Fassade bis zum Einbauschrank und zum Teeservice alles aus einer Hand gestaltet. Bislang galt eigentlich Peter Behrens als Erfinder des Corporate Design. Nun zeigt sich anhand der Recherchen der Mainzer Architekturprofessorin Regina Stephan, die die Ausstellung kuratiert, dass Behrens in seinen Ideen von Olbrich angeregt worden sein könnte.
Auch erweist Olbrich sich gegen Ende seines Lebens durchaus nicht mehr als der Ornamentiker, der er noch zu Zeiten der Wiener Sezession war, sondern mit dem Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe als Antizipator expressionistischer Architektur.
Nach einem Rundgang durch vierhundert Exponate, vor allem Möbel und Architekturmodelle und die großartigen Architekturzeichnungen des begnadeten Grafikers Olbrich gelangt man am Ende in einen Saal mit dem Bauhaus-Manifest. 1919 verfasst von Walter Gropius, dem genialen Eklektizisten, enthält es denselben Aufruf an Architekten und Gestalter, wieder zum Handwerk zurückzukehren und eine neue Zunft, den zwanzig Jahre vorher Joseph Maria Olbrich in einem Text niedergelegt hatte. Für Regina Stephan führt daher eine direkte Brücke von der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nach Weimar und zur Gründung des Bauhauses 1919.
Sollte sich diese These wissenschaftlich weiter erhärten lassen, wofür schon seit Längerem einiges spricht, wären die Geschichte der modernen Architektur neu zu justieren. Der Name Olbrich stünde plötzlich als eine zentrale Quelle zahlreicher Ideen da, die später andere für sich reklamiert haben. Als ein solcher Inspirator war Olbrich freilich nach seinem frühen Tod an Leukämie 1908 seinen Zeitgenossen durchaus bekannt, wie sich an den zahlreichen internationalen Nachrufen jener Zeit zeigt.
Beiträge zum Nachhören
Kultur heute
Das Barents Spektakel in Norwegen
Sendezeit: 12.02.2012, 17:52
Auerbach-Requiem Frauenkirche Dresden
Sendezeit: 12.02.2012, 17:46
Rossinis "Otello" an der Oper Zürich - Thomas Voigt im Gespräch
Sendezeit: 12.02.2012, 17:41
dradio-Recorder
im Beta-Test: