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09.02.2010
Außenansicht des Münchner Prinzregententheaters (Bild: AP) Außenansicht des Münchner Prinzregententheaters (Bild: AP)

Szenisch kommt von zäh

Peter Eötvös' Oper "Tri Sestri" am Prinzregententheater in München

Von Jörn Florian Fuchs

Der Ungar Eötvös nähert sich Tschechows "Drei Schwestern" auf radikale Weise. Dazu erfindet er einen Soundtrack, der Bartóks Volksliedton ebenso integriert wie lange ariose Bögen. Das gelingt in München - wenn nur das Szenische nicht wäre.

Gleich zwei Orchester benötigt man für Peter Eötvöss Tschechow-Veroperung "Tri Sestri", eines ist für die Begleitung oder Erweiterung der Sänger zuständig, ein anderes ist idealerweise hinter der Bühne positioniert. Von dort aus sorgt es für rauschhafte musikalische Hintergründe, asiatische Rhythmen und einen fein ausgesteuerten Raumklang.

In Rosamund Gilmores Münchner Inszenierung sitzt der fürs Atmosphärische zuständige Klangkörper an zentraler Stelle, nämlich unter einer großen Kuppel. Das funktioniert akustisch zwar auch recht gut, aber der Sinn dieser Orchesterskulptur mag sich nicht wirklich ergeben.

Vor den Musikern wird viel gelaufen, gezappelt und minimalistisch agiert. Irina, Mascha und Olga - Tschechows klassisch gewordene Melancholieschwestern - klagen ihr Leid, ein etwas irrer Arzt schwadroniert, mehrfach trifft man sich zum Tee und setzt die Tassen dabei als recht originelle Instrumente ein.

Der Ungar Eötvös nähert sich dem Russen Tschechow auf ziemlich komplexe Weise, der Theaterklassiker wird dramaturgisch radikal aufgebrochen, in einem Prolog und drei Sequenzen durchlaufen die Protagonisten das Geschehen mehrfach, einmal steht die nicht ganz so eskapistische Irina im Zentrum, dann der mit Natascha unglücklich verehelichte Andrej, schließlich folgt Maschas rasch beendete Affäre mit Verschinin. Dazu erfindet Eötvös einen Soundtrack, der Bartóks Volksliedton ebenso integriert wie lange ariose Bögen und eine stupende Zahl von Schlagwerkeinsätzen.

Bisweilen wird es sogar etwas humorig, wenn etwa der krachlederne Arzt vokal herumpoltert oder gestandene tenorale Mannsbilder mal eben ins Falsett wechseln. Wer die Handlung nicht kennt, dem bietet die Musik allerlei Orientierungspunkte durch Wiederholungen oder durch 'verschmierte' Glissandi, die sehr gut Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht vermitteln.

Besonders eindrücklich tönt auch das mittels Elektronik in den Raum hinein erweiterte Akkordeon. Sehr reizvoll ist Eötvöss Idee, die drei Frauenrollen mit Countertenören zu besetzen, was man in München allerdings wohl aus besetzungstechnischen Gründen vermied. Hier sangen echte Damen die Damen, was im Falle von Elvira Hasanagić als Irina und Anna Lapkovskaja als Mascha zu einer Fülle des Wohllauts führte.

Bei den Herren ragte Andreas Burkhart als Andrej aus dem insgesamt sehr homogen besetzten Ensemble heraus. Mit Ulf Schirmer und Joachim Tschiedel gab es außerdem zwei exzellente Dirigenten für's aufgeteilte Münchner Rundfunkorchester. Musikalisch also vermeldet München einen Glanzpunkt neuer Musik, der vom Publikum ausführlich und heftig gewürdigt wurde.

Bleibt das Szenische. Bisher dachte man eigentlich, dass "szenisch" nicht von "zäh" käme. Leider wird man nun eines Besseren belehrt, denn Rosamund Gilmores ebenso aufgekratzte wie zugleich lähmende Regiearbeit enerviert doch arg. Ein Bett hängt in der Luft, Menschen mit Zylindern stehen herum, Statisten zucken mit ihren Gliedmaßen, man räkelt sich autistisch oder verkriecht sich gar in einen Stuhl hinein - und kommt dann naturgemäß nicht recht vom Fleck.

Das Gesten- und Bewegungsrepertoire entstammt fast gänzlich der Mottenkiste einer vermeintlich avantgardistischen, in Wirklichkeit jedoch sturzbiederen Regieauffassung vom Ende des letzten Jahrhunderts. Als man noch glaubte, mit solch düsterem Betroffenheitspathos Betroffenheit zu evozieren. Eötvös und seine hervorragenden Münchner Mitspieler hätten wahrlich Besseres verdient.



 
 

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