Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
10.03.2010
Viele Kunstschaffende  haben Angst, ihre Werke könnten die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen. (Bild: AP) Viele Kunstschaffende haben Angst, ihre Werke könnten die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen. (Bild: AP)

Dänische Selbstverunsicherung

Der Karikaturenstreit in Dänemark und die Frage nach den Grenzen der Kunst

Von Marc-Christoph Wagner

Die Debatte um die Mohammedkarikaturen in Dänemark geht weiter. Die einen sehen nicht weniger als die Freiheit der Kunst in Gefahr, die anderen fordern Rücksicht auf die Gefühle von Gläubigen in einer globalisierten Welt - ein Nachbeben ohne Ende.

Die Sprache des dänischen Schriftstellers Kristian Ditlev Jensen bezeichnete Hans Magnus Enzensberger als meisterlich und leicht wie eine Feder. In der öffentlichen Debatte seines Heimatlandes hingegen formuliert Jensen immer wieder scharfe, ja schlagkräftige Argumente - insbesondere wenn das freie Wort durch Islamismus und radikalen Fanatismus bedroht ist.

"Was wir beobachten, ist ein skandalöses Abgleiten. Als ich Kind war, durfte man über Jesus schreiben, was man wollte, oder meinetwegen Gott darstellen mit zwei Hörnern auf der Stirn. Das Heftigste, was passierte, waren Leserbriefe in der Zeitung oder dass man ausgebuht wurde bei einer Lesung. Niemand wäre je in ein Haus eingedrungen mit einer Axt oder hätte Molotowcocktails durch die Fenster geworfen."

Jensen spielt an auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard, der am Neujahrstag in seinem Haus mit einer Axt überfallen wurde. Kürzlich hat eine Untersuchung belegt, dass viele dänische Kunstschaffende Selbstzensur ausüben - aus Angst, ihre Werke könnten die religiösen Gefühle von Muslimen verletzen. Vor diesem Hintergrund bedauert, ja kritisiert Flemming Rose, ehemaliger Feuilletonchef von Jyllands-Posten und Initiator der zwölf Mohammedkarikaturen, dass nun auch die liberale Tageszeitung Politiken den Abdruck von Kurt Westergaards Zeichnung öffentlich bedauerte:

"Die Karikaturen waren eine Reaktion auf Gewalt und Einschüchterung. Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh war seinerzeit ermordet worden, es gab die Anschläge in Madrid und London - und bitte, was ist zivilisierter, als auf Terror und Gewalt mit dem zu antworten, was einer Zeitung als Mittel zur Verfügung steht - der Macht einer Zeichnung und der Macht des Wortes?"

Doch eben diese Haltung ist längst nicht mehr Konsens im Staate Dänemark. Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Realität, sagt Johannes Riis, Literaturchef im Hause Gyldendal, dem größten Verlag des Landes. Auch in einer Dorfgemeinschaft nehme man Rücksicht, sage nicht alles, was man prinzipiell sagen dürfe.

"Sowohl Rushdie wie auch Westergaard sind ja Anzeichen dafür, dass wir in einer neuen Welt leben - und da müssen wir im Westen an den Bastionen festhalten, die wir uns im Laufe der letzten Jahrhunderte erkämpft haben, gleichzeitig aber erkennen, dass die Welt größer geworden ist, als sie einst war. Das Schlimmste meiner Meinung nach ist, dass wir im Westen zwar den Dialog mit der muslimischen Welt predigen, jedoch selbst kaum wissen, wer uns dort eigentlich gegenübersteht und warum unser Handeln immer wieder als Provokation verstanden wird."

Zumal immer wieder mit doppelten Maßstäben gemessen wird, fügt Emmet Feigenberg, Schauspielchef des Königlichen Theaters und somit verantwortlich für die dänische Nationalbühne, hinzu:

"Wir haben erst kürzlich ein Stück gespielt, das sich kritisch mit der dänischen Ausländerpolitik auseinandersetzt. Und da stellten gerade Vertreter der Dänischen Volkspartei, die ja gegenüber den Muslimen das Recht auf Meinungsfreiheit ohne Wenn und Aber verteidigen, mehrfach die Frage, ob so ein Stück überhaupt gespielt werden dürfe."

Weder Feigenberg, Riis oder die Tageszeitung Politiken stellen die Freiheit der Kunst oder die redaktionelle Unabhängigkeit in Abrede. Alle drei aber betonen die Verantwortung, die mit der freien Meinungsäußerung verbunden ist - zumal in einer globalisierten Welt. Eben diese Selbstbeschränkung aber nimmt der Kunst ihre Konturen, ihr provokatorisches und somit gesellschaftsveränderndes Potenzial, so die Kritiker - darunter Christian Gether, Direktor des Arken-Museums für Moderne Kunst:

"Tatsache ist doch: Künstler haben stets verletzt - denken Sie an Goyas Schwarze Bilder, die er verstecken musste, um nicht hingerichtet zu werden. Wir müssen an der offen, freien Kunst festhalten, die jegliche Probleme thematisiert und dadurch auch hin und wieder verletzt."

Am Ende aber hat die dänische Selbstverunsicherung im Kielwasser des Karikaturenstreites vielleicht doch ihr Gutes. Nirgendwo sonst wird die Debatte über die Grenzen von Kunst und Meinungsfreiheit derzeit so intensiv geführt.


 
 

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 07:05 Uhr
Presseschau
Nächste Sendung: 07:15 Uhr
Interview

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kultur heute

Das Barents Spektakel in Norwegen

Sendezeit: 12.02.2012, 17:52

Auerbach-Requiem Frauenkirche Dresden

Sendezeit: 12.02.2012, 17:46

Rossinis "Otello" an der Oper Zürich - Thomas Voigt im Gespräch

Sendezeit: 12.02.2012, 17:41

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link