Alles ist gezirkelte Klarheit, schön choreografierte Harmlosigkeit und fest in den Gender-Studies verankerte Theoriebebilderung: Barbara Freys Inszenierung der Liebeskomödie "Was ihr wollt" verharrt in schematischer Leblosigkeit.
Vor genau neun Jahren hat Christoph Marthaler die Züricher Pfauenbühne in ein trunkenes Schiff verwandelt, das mehrere Stunden, von der Bühnenmaschinerie in zeitlupenhafte Bewegung versetzt, sanft vor sich hintaumelte und auch die Gefühle der auf ihm schippernden Menschen gehörig in Schräglage brachte.
Marthalers "Was ihr wollt"-Inszenierung gehörte zu den besten seiner Züricher Zeit, mit einem tollen Ueli Jäggi als Malvolio; und natürlich ist es ungerecht, Barbara Freys Aufführung desselben Stücks nun an Marthaler zu messen. Aber hier sieht man paradigmatisch den Kampf der beiden unterschiedlichen Systeme.
Wo bei Marthaler alles Anarchie, Traum, Müdigkeit und - in dieser depressiv-komischen Grundstimmung - trotzdem Glücksverlangen bleibt, ist bei Barbara Frey alles gezirkelte Klarheit, schön choreografierte Harmlosigkeit und fest in den Gender-Studies verankerte Theoriebebilderung. Das muss nicht falsch sein, aber irgendwann möchte man dann doch ein bisschen Fleisch am Knochen haben statt der ständigen, frugal-calvinistischen Mangelernährung.
Bei Shakespeare werden einige Schiffbrüchige der Liebe an Land gespült und kennen sich in ihren Gefühlen nicht mehr aus: Mann liebt Mann und Frau liebt Frau, und dann doch nicht - oder lieber kreuzweise. Das Beruhigende an Barbara Frey ist nun, dass wenigstens sie sich zurechtfindet im Innenleben ihrer Figuren - und uns sagt: das Geschlecht ist optional. Man wählt sich seine sexuelle Orientierung und ändert sie bei Bedarf ein bisschen, ganz unabhängig von der biologischen Grundausstattung.
Die amerikanische Modephilosophin Judith Butler, die Ähnliches vertritt, würde Freys Inszenierung sicher klasse finden - nur das Theater verzeiht solchen Schematismus nicht: Die Aufführung ist gediegen, aber sofort durchschaubar, und das einzige Vollweib auf der Bühne, die sexuell eindeutig gepolte Olivia der grandiosen Caroline Peters, spielt die mehrfachverwendbaren androgynen Hänflinge ziemlich an die Wand.
Das Problem an Barbara Freys Inszenierung ist nicht nur diese dekorative Schaufenster-Ästhetik, die eine halb durchsichtige Spiegelwand in den leeren Raum stellt (Bühne Penelope Wehrli) und sich dann an sich selber ergötzt. Das Problem ist vor allem ihre Leblosigkeit: da lodert nichts, keine Verzweiflung, keine Leidenschaft, da wird nur schau-gespielt. Der Herzog Orsino ist bei Frank Seppeler ein theatralischer Schwuler, der aus unerfindlichen Gründen für die Gräfin Olivia entflammt ist, dann aber doch lieber dem Lustknaben Cesario erliegt, der nun aber in Wahrheit eine besonders jünglingshafte Frau ist und Viola heißt, womit man im Freyschen Ringelpiez aber keine Schwierigkeiten hat. Violas Zwillingsbruder Sebastian ist konsequenterweise gleich mit einer Frau besetzt, mit Franziska Machens, womit das sexuelle Cross-over auf die Spitze getrieben wird. Viola selber, die Filmschauspielerin Nina Hoss, die das erotische Karussell am Laufen halten müsste, agiert erstaunlich schwach und unterkühlt.
Zwei Figuren stechen hervor: der gefoppte Malvolio, der vergeblich Liebende in den lächerlichen gelben Strümpfen, ist bei Michael Maertens eine virtuos-verklemmte Nummer im Strickjäckchen und mit Hitlerfrisur; das ist schon eine Analyse des Kleinbürgers, aber leider eine sehr äußerliche. Und der Narr des dunkel-distanzierten Robert Hunger-Bühler geistert wie eine Mischung aus Teufel, Gruftie und Reineke Fuchs durch die Szenen, er ist neben der Olivia die einzige Figur, die nicht am Reißbrett entworfen, sondern die erspielt wurde.
Am Ende versackt die Inszenierung in einem kollektiven Liebesreigen. Der ist schön anzusehen, auch fürs Abonnement; in Wahrheit aber ist all das nur Schein und Tand.
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