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17.05.2010
"Wahre Geschichten" von zu kurzen Gräbern und  billigen Särgen. (Bild: AP) "Wahre Geschichten" von zu kurzen Gräbern und billigen Särgen. (Bild: AP)

Requiem auf Lettland

Alvis Hermanis bei den Wiener Festwochen

Von Christiane Enkeler

"Kapusvetki - Friedhofsfest" ist der letzte Teil einer Serie des lettischen Theatermachers Alvis Hermanis und seinem Ensemble zur lettischen Kultur. Die Schauspieler sammelten die Geschichten selbst, um sie poetisiert auf die Bühne zu bringen.

Lettland. Ein Friedhof. Wichtig ist die Blaskapelle. "Einmal im Leben braucht man Livemusik."

13 Schauspieler sitzen im Halbkreis und spielen - mit fünf Wochen Zeit, die Instrumente zu lernen - diese Blaskapelle. Über ihren Köpfen leuchten Schwarz-Weiß-Fotos. Der Fotograf Martins Grauds hat in Riga und auch in Wien auf dem Zentralfriedhof Gräber, laubüberflutete Wege und vor allem Menschen fotografiert. Sonntags trifft man sich in Lettland zum Picknicken auf dem Friedhof. Die Familien tischen auf, man muss überlegen, bei wem man wohl das beste Essen bekommt. Man trifft auch die, die sonst nicht eingeladen werden, alle Generationen, abends geht man tanzen.

Die Schauspielermusiker erzählen "wahre Geschichten" von zu kurzen Gräbern, billigen Särgen, während des Trauermarsches heulenden Hunden, die die Blechbläser zum Lachen bringen. Ihre Anekdoten, kleine Erzählungen über Nebensächliches, machen Totes vom Rande her lebendig. Ähnlich setzt sich Gundars Abolins nach seinem einleitenden Monolog an den Rand und beginnt die Inszenierung mit seinen Sitznachbarn. Ganz langsam spannt sich der Bogen der Erzählenden von links nach rechts und springt auch wieder zurück. In der Mitte sitzt Maija Apine und ist für die Romantik und das Schöne zuständig: Ihre Musikerin erzählt, wie ihr Ehemann während des Spielens auf dem Friedhof starb - und alle freuten sich über diese schöne Art zu sterben.

"Kapusvētki - Friedhofsfest" ist der letzte Teil einer Serie von Regisseur Alvis Hermanis und seinem Ensemble zur lettischen Kultur. Die Schauspieler sammelten die Geschichten selbst, um sie poetisiert auf die Bühne zu bringen.

Die von ihnen dargestellte Blaskapelle erzählt, dass der Synthesizer inzwischen oft die Livemusik ersetzt. Aus Geldgründen. Alvis Hermanis sieht Lettland in ökonomischer und moralischer Krise - und deshalb, sagt er, sei die Inszenierung "vielleicht eine Art Requiem auf Lettland".

Durch diese Art von mündlicher Literatur weht ein Hauch von Volksfest und Karneval. Deswegen ist man hin- und hergerissen: einerseits Folklore. Andererseits wirklich das Erfrischende einer sinnlichen, verkehrten Welt: betrunkene Musiker, verliebte Mädchen, Familienstreitigkeiten. Es entstehen einerseits warme Typenportraits. Andererseits tut sich auf der Bühne unter den Fotos selbst nicht viel.

Die ganze Zeit ist von Geselligkeit die Rede, sieht man auf den Fotos Wiesen und Gras, die Fliege auf der Halbglatze, Menschen, die familiär nebeneinandersitzen und Alltagsgesichter aufsetzen. Von Alkohol ist die Rede, von Gesprächen und Essen, später werden die Bilder bunt, da zeigen sie das mexikanische Totenfest.

Bei all dem möchte man einfach nicht tief im Theaterdunkel sitzen wie in einer Gruft.

Infos:

Wiener Festwochen


 
 

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