Die Oper in Frankfurt ist spitze. Das ergab eine Umfrage des Theatermagazins "Deutsche Bühne". Noch nie hat sich ein Haus so regelmäßig auf einem der vorderen Plätze behauptet. Auch das Schauspiel in Köln schneidet sehr gut ab. Warum das so ist, weiß der Chefredakteur des Magazins, Detlef Brandenburg.
Dina Netz: Wenn wir mit Frankfurt anfangen, was macht Bernd Loebe dort richtig, sodass das Haus in Ihrer Umfrage fünf Nennungen in der Rubrik "überzeugende Gesamtleistung" bekommt und noch drei weitere?
Detlef Brandenburg: Ja, da fallen mir zunächst mal ganz, ja fast altmodische Tugenden ein. Also Bernd Loebe ist einfach ein Intendant, der unglaublich sorgfältig ist. Er wendet wahnsinnig viel Zeit für seine Tätigkeit auf, er ist unglaublich präsent am Haus, das heißt, er hat auch intensiven Kontakt zu den Produktionsteams. Und dazu kommt dann noch eine große künstlerische Sensibilität. Ganz wichtig ist, glaube ich, aber auch noch etwas anderes: Er ist ein Intendant, der reist. Er schaut sich Regieteams an, und das führt einfach dazu, dass er eine unglaubliche Sensibilität dafür entwickelt hat: Welcher Regisseur passt zu welchem Bühnenbildner, wie muss eine Oper besetzt werden, damit Regiekonzepte auch wirklich über die Sängerdarstellung aufgehen, welches Team passt zu welcher Oper? Und das freut mich auch, dass sich das dann irgendwann mal auszahlt. Also es ist jetzt nicht so der bunte Hype, sondern wirklich ein ganz genaues, sehr dramaturgisch geprägtes Arbeiten.
Netz: Klingt so, als könnte man das nicht so ohne Weiteres kopieren. Das Gleiche gilt, glaube ich, auch für Karin Beier, das Kölner Schauspiel kommt auf sechs Nennungen bei Ihnen unter "überzeugende Gesamtleistung". Was ist Ihrer Einschätzung nach der Grund für Karin Beier? Sie hat ja wirklich riesigen Erfolg in Köln.
Brandenburg: Na ja, also wenn man jetzt mal von unserer Umfrage absieht, es ist natürlich so, jeder Erfolg schafft Aufmerksamkeit und schon damit neue Erfolge. Wenn die Arbeit stimmt. Und die stimmt natürlich bei Karin Beier. Wobei man sagen muss, Karin Beier und Bernd Loebe sind völlig unterschiedliche Charaktere, also auch Künstlertypen. Bernd Loebe ist so der Dramaturgenintendant, der unglaublich gut organisieren kann, der unglaublich gut Menschen zusammenbringen kann, und Karin Beier ist zumindest von der äußeren Wahrnehmung her natürlich die Künstlerintendantin par excellence, die sehr lebendig, sehr temperamentvoll in der Öffentlichkeit steht und die - das muss man sagen - ihr Haus ja auch durch ihre eigenen Inszenierungen ganz stark und künstlerisch sehr hochwertig prägt. Aber das Erstaunliche bei ihr ist - und da trifft sie sich dann wieder mit Bernd Loebe -, sie hat auch diese künstlerische Sensibilität, verschiedene Handschriften zuzulassen. Wenn man die Begründungen liest, die unsere Autoren geben, warum sie fürs Schauspiel Köln votiert haben, dann sagen die immer wieder, das Tolle ist, dass sie eine Vielfalt ganz starker Handschriften da hat. Und das stimmt ja auch.
Netz: Lassen Sie uns noch einen Blick auf die Kategorie "ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren" werfen: Da hat bei Ihrer Umfrage nämlich das Anhaltische Theater Dessau am besten abgeschnitten. Können Sie sagen, warum, ist es da die gleiche Kombination von Kommunikation und Idee?
Brandenburg: Das kann man so natürlich schon deswegen nicht über einen Kamm scheren, weil das ja ein Mehrspartenhaus ist und da sozusagen unterschiedliche Sparten miteinander interagieren. Da wird es eigentlich noch mal komplizierter. Aber es ist, glaube ich, schon auch eine Gemeinsamkeit da, und zwar auch wieder in dieser künstlerischen Präsenz in der Stadt und im kommunikativen Umfeld - das haben, glaube ich, tatsächlich alle drei Häuser gemeinsam. Da ist ja ein neues Team gestartet, nachdem ein Intendant sehr lange da war, und der neue Intendant, André Bücker, und auch seine Opernregisseurin, Andrea Moses, die haben sich einfach unglaublich intensiv in die Arbeit eingebracht, haben auch teilweise tolle Produktionen gemacht - ohne das geht es nicht, wir reden ja immer über Kunst, das ist schon klar -, aber haben es auch wirklich vermittelt, dass sie es ernst meinen. Und das ist da einfach rübergekommen. Und dann schafft auch so ein kleines Haus plötzlich eine sehr, sehr große Aufmerksamkeit, was uns bei der Umfrage ja auch sehr wichtig ist, wir haben ja ausdrücklich sogar eine Kategorie dafür.
Netz: In Köln ist es ja so, dass seitdem das Kölner Schauspiel von Karin Beier geleitet wird, auch die Zuschauerzahlen wieder erheblich steigen. Wie ist das denn in den anderen Häusern, die bei Ihnen gut abschnitten, wissen Sie da etwas über die Korrelation von einer guten Kritikerbewertung und Interesse beim Publikum?
Brandenburg: Ja, das ist ja immer das Klischee - also wenn die Kritiker Hurra schreien, dann murrt das Publikum. Da muss ich sagen, das ist nach meinen Erfahrungen eigentlich völliger Unsinn. Wir können fast durchweg von den Häusern, die jetzt relativ weit oben in der Umfrage stehen - wenn man jetzt mal von den Spitzentheatern weggeht, weiß ich nicht, das Staatsschauspiel Stuttgart zum Beispiel hat sehr gut abgeschnitten, das Theater Aachen hat sehr gut abgeschnitten, Staatstheater Saarbrücken und so weiter und so fort -, die haben eigentlich alle auch eine große Akzeptanz beim Publikum. Und wenn da wirklich einer mit Intensität hintersteht und er hat nur ein bisschen Talent, das auch nach außen zu tragen, dann überzeugt er auf Dauer zumindest auch sein Publikum.
Netz: Detlef Brandenburg, Chefredakteur der "Deutschen Bühne" über gutes Theater und gute Oper.
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