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02.09.2010
Roter Vorhang in einem Theater (Bild: Stock.XCHNG / Nihan Aydin) Roter Vorhang in einem Theater (Bild: Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Afrika meets Schweizer Berge

Das 31. Züricher Theater Spektakel

Von Hartmut Krug

Seit dem 19. August findet zum 31. Mal das Züricher Theater Spektakel statt. Noch bis zum 5. September sind vor allem Produktionen aus Ost- und Südasien sowie zum wiederholten Male Stücke aus Afrika zu sehen.

Eine fremde bunte Theaterwelt aus fernen Ländern, das wird von internationalen Festivals erwartet. Wenn diese dort nicht existiert, wird sie mit europäischem Geld für den Festivalbetrieb geschaffen. Anja Dirks, Leiterin der Braunschweiger Theaterformen, erfuhr von einem Künstler in Abidjan einmal: "Sag mir einfach, welche Art von Stück du suchst, und ich mach es dir."

Festivals wollen authentisches aus der Fremde und schaffen das Fremde oft erst selbst. In den letzten Jahren ist auch Afrika als Lieferant für europäische Festivals erobert worden. Dabei orientieren sich afrikanische Künstler oft, auch oder gerade weil sie Fragen nach Authentizität und Identität stellen, an den transnational durchgesetzten, globalisierten Kulturformen.

Beim Zürcher Theater Spektakel stehen in diesem Jahr Ost- und Südostasien sowie wiederum Afrika im Mittelpunkt.

Die auf allen Festivals vertretenen, bekannten Produktionen aus und über Afrika gibt es auch in Zürich zu sehen: eine zwölf Jahre alte Arbeit der weißen südafrikanischen Choreografin Robyn Orlin, dann die belgische Produktion "Missie Mission", in der ein weißer Missionar auf über fünfzig Jahre Arbeit im Kongo erzählt und dabei zwischen moralischen Sicherheiten und schrecklichen Erfahrungen von Gewalt und Völkermord schier zerbricht, und der in Soweto geborene schwarze Südafrikaner Boyzie Cekwana. Der grandiose Tänzer und Performer, dessen in Paris uraufgeführter zweiter Teil seiner Identitätssuche-Performance mit kulturellen Klischees spielt, tritt als weiß geschminktes Teufelchen zusammen mit einer voluminösen schwarzen Opernsängerin auf.

Der skeptisch-hoffnungsvolle Titel von Cekwanas Performance lautet "On the 12th night of never, I will not be held black."

Auch die dreißigjährige schwarze Südafrikanerin Ntando Cele sucht in ihrer Solo-Performance "Cypher Session" nach einem Weg, sich mit der Geschichte ihres Landes und mit ihrer Identität und Zukunft als schwarze Künstlerin auseinanderzusetzen. Die an der Amsterdamer Theaterakademie studierende Künstlerin hat sich inspirieren lassen von den traditionellen Songlines australischer Ureinwohner und zeigt mit drei Schweizern, einem Komponisten, einem Pianisten und einem Live-Painting-Artisten, eine in ihren Mitteln sehr ausgeklügelt und internationalistisch wirkende Arbeit.

Mittlerweile entwickeln viele europäische Theaterkünstler mit afrikanischen Künstlern gemeinsam Aufführungen. Die deutsche Regisseurin Monika Gintersdorfer zeigt gerade ihre neueste Produktion mit Künstlern der Elfenbeinküste in Berlin, und beim Zürcher Theater Spektakel waren etliche schweizerisch-afrikanische Koproduktionen zu erleben.

"Chouf ochouf" ist arabisch und bedeutet "Schau, aber schau genau". Martin Zimmermann und Dimitri de Perrot zeigten unter diesem Titel einen tänzerischen Zirkusabend mit einer zwölfköpfigen marokkanischen Artistengruppe. Ein furioses Spektakel in der Tradition des Nouveau Cirque, das dem Eingeweihten Bilder aus dem Alltag zeigt.

Schwieriger war es schon, Zugang zu "Poiscaille Paradis" zu finden, einer Produktion des Lausanner Regisseurs Fabrice Gorgerat mit dem Theaterautor Dieudonné Niangouna aus Burkina Faso und Schauspielern aus Belgien, Niger, Togo, der Schweiz und der Elfenbeinküste.

Das in einer Fischhandlung spielende, wild-aggressive Spektakel fügt sexuelle Erklärungen einer Frau, Gewalttätigkeiten und Wassergeplansche mit poetischen Texten über Familie und Tod zu einer Aufführung zusammen, deren inhaltliches und ästhetisches Referenzsystem nicht nur mir verschlossen blieb.

Die "afrikanischen" Aufführungen beim Züricher Theater Spektakel boten nicht mehr das Andere oder angeblich Typische, sondern waren geprägt von multikulturellen Entwicklungen. Dadurch gab es mal weniger, gelegentlich aber auch mehr Verständnishürden.


 
 

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