Holger Noltze: Wie eine offene Wunde liegt das Nationalmuseum von Bagdad vor den Augen der sogenannten Weltöffentlichkeit oder doch dem Teil, der sich noch für die Zeugnisse der Menschheitskultur und Kunst interessiert. An den Plünderungen und Zerstörungen dieses hervorragendes Institutes entzündete sich, jedenfalls bei den Interessierten, ein Empörungsfeuer, das nun länger zu lodern scheint als das über die Bombardierung der irakischen Hauptstadt insgesamt. Dass die Amerikaner das Museum nicht beschützt haben, gerät ihnen mittlerweile zum nachhaltigen Imageschaden. Kommen wir aber zu den materiellen Schäden in Bagdad. Am Wochenende erreichten uns zwei Berichte von Augenzeugen, die auf den ersten Blick nun gar nicht zusammenpassen. Ein Altorientalist aus Marburg bezifferte die Größenordnung verschwundener und zerstörter Objekte auf etwa 100.000, ein Kollege des British Museum auf 29. Am Telefon ist Michael Müller-Karpe vom römisch-germanischen Zentralmuseum in Mainz. Er kennt das Museum in Bagdad gut, weil er seit 30 Jahren jedes Jahr dort arbeitet. 100.000 zu 20, Herr Müller-Karpe, bewegen wir uns schon wieder im Feld der Propaganda? Kann man den Widerspruch auflösen?
Michael Müller-Karpe: Ja, ich glaube, den kann man recht leicht auflösen. Zunächst einmal habe ich am vergangenen Dienstag mit dem Direktor des Irak-Museums, Doktor Donny George, in London gesprochen. Er sagte, dass zweifellos eine ganze Reihe von Objekten fehle. Er hat zusammen mit einem Kollegen vom britischen Museum, mit John Curtis, eine Liste der Stücke erstellt, die nun ganz offensichtlich fehlen. Darauf bezieht sich die Zahl 29. Das ist eine DIN-A4-Seite. Die hat man mit Objekten gefüllt. Das heißt aber nicht, dass nicht mehr fehlt. Die Zahl 100.000 ist geschätzt. Man hat noch keinen richtigen Überblick. Man war zwar im Keller des Magazins. Es gibt aber noch keinen Strom, so dass man nur mit Taschenlampen einen ersten Eindruck gewinnen konnte. Die genaue Zahl wird man erst nach einer exakten Inventur feststellen können, und das wird viele Monate dauern.
Noltze: Der Marburger Kollege berichtet von chaotischen Zuständen in dem Museum, Sie schildern das jetzt auch. Aber das große Fragezeichen, was diese Inventur betrifft, ist doch wohl immer noch: Was liegt in den Tresoren der irakischen Zentralbank eingelagert? Warum weiß man das noch nicht.
Müller-Karpe: Im Prinzip weiß man das schon. Mitte der 90er Jahre haben Kollegen des Irak-Museums die Goldfunde und all das, was man unmittelbar für besonders gefährdet hielt, dazu gehört auch der sogenannte Sargon-Kopf aus Ninive aus dem 23. Jahrhundert vor Christus, in die Zentralbank gebracht. Das sind also die Goldfunde aus Nimrud. Da hat man vor Ausbruch der Kuwait-Krise drei unversehrte Gräber assyrischer Königinnen mit atemberaubendem Goldschmuck gefunden. Da sind die Funde aus dem Königsfriedhof in Ur, die in den 20er Jahren ausgegraben wurden und eben dieser besagte Sargon-Kopf. Doktor Donny George hat nun gesagt, dass er selbst die Eingänge zu diesem Tresor und die unbeschädigten Siegel gesehen habe.
Noltze: Sie fahren in der nächsten Woche nach Bagdad. Was ist Ihre Aufgabe? Was ist das Interesse des römisch-germanischen Zentralmuseums in Mainz in Bagdad?
Müller-Karpe: Unser Museum hat seit mehr als zehn Jahren eine sehr enge Kooperation mit dem irakischen Antikendienst. Wir sind dabei, Grabungen aufzubereiten, die irakische Kollegen in den letzten zwanzig Jahren durchgeführt haben, und diese dann für die Wissenschaft verfügbar zu machen. Der wesentlichste Aspekt ist aber die Restaurierung. Wir haben ein Ausbildungsprogramm bei uns in den Werkstätten, in denen irakische Kollegen zu Restauratoren ausgebildet wurden. Diese sind auch jetzt da vor Ort tätig. Bei diesem Besuch geht es darum, einfach mal zu sondieren, wie die Lage ist.
Noltze: Welche Strukturen erwarten Sie denn dort? Mit wem haben Sie es tun?
Müller-Karpe: Wir gehen zunächst einmal davon aus, dass die Kollegen, die vorher dort tätig waren, auch weiterhin dort in irgendeiner Form tätig sein werden. Im wesentlichen ist man auf die Personen angewiesen, denn andere stehen nicht zur Verfügung.
Noltze: Sie sagen, Sie seien auf sie angewiesen. Sie haben auch erwähnt, dass Sie den Direktor des Nationalmuseums kennen. Ist denn auszuschließen, dass es bei dieser Plünderung, die ja mit viel Know-how vonstatten gegangen ist, nicht doch eine Art von Kooperation oder Koordination von Seiten der Verantwortlichen gegeben hat? Kann man den Leuten trauen?
Müller-Karpe: Für die Leute, mit denen ich unmittelbar zu tun gehabt habe, würde ich die Hand in das Feuer legen. Zum Teil bin ich persönlich seit fast 30 Jahren mit ihnen befreundet und kann derartige Dinge völlig ausschließen.
Noltze: Aber es sind Leute, die auch das Vertrauen von Saddam Hussein genossen haben.
Müller-Karpe: Was heißt Vertrauen? Diese Leute waren natürlich unter dieser Regierung tätig und waren zum Teil auch auf Anweisungen angewiesen. Dass da allerdings Anweisungen in dieser Richtung gekommen sind, dazu habe ich im Moment keine Erkenntnisse.
Noltze: Inzwischen gibt es eine Koordination zwischen Interpol und UNESCO. Morgen wird der US-amerikanische Justizminister über die Bemühungen zur Wiederbeschaffung berichten. Gibt es da aus Ihrer Sicht Hoffnung? Was wäre zu tun?
Müller-Karpe: Da will ich Ihnen nur eine Zahl nennen. Nach dem letzten Krieg 1991 sind etwa acht Provinzmuseen im Irak geplündert worden. Das war in den Tagen unmittelbar nach dem Krieg, als die staatliche Ordnung zusammengebrochen war. Seither fehlen 4.000 Objekte. Von diesen 4.000 Objekten sind 54 wieder aufgetaucht. Die große Masse ist also nach wie vor verschwunden. Wir haben natürlich die Hoffnung, dass einige Objekte wieder auftauchen, aber das kann lange dauern.
Noltze: Vielen Dank, Herr Müller-Karpe!
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