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18.09.2003

''Begehren''

Beat Furrers Kreation ''Begehren'' und ein RuhrTriennale-Résumée

Ein Beitrag von Frieder Reininghaus

Sie und Er. Auch Eurydike und Orpheus genannt.

Dass Sie und Er irgendwie zusammengehören, wird nicht kenntlich gemacht. Derweil sind die beiden von Duos umgeben. Die gepaarten Bewegungs-Akteure arbeiten sich in vehementer Langsamkeit aneinander ab. Sie erstarren im Zerren und Anschieben, in der Bewegung des Wegtragens oder Zurückhaltens. Sie postieren sich als Statuen à la Rodin. Oder muten an wie die mit Gips ausgegossenen Hohlformen, welche die Menschen hinterließen, die auf der Flucht vom Ascheregen des Vesuvs überrascht wurden. Solches Bewegungspotential ist als Ausdruckstanz zu nehmen, der überwiegend des Ausdrucks entkleidetet wurde. Reinhild Hoffmanns Choreographie korrespondiert dem ruhig-gemessenen Grund-Tempo wie den mitunter eruptiven Aktivitäten der vom Komponisten angeleiteten Musiker.

Beat Furrer hat sich eine knapp formulierte Szenenfolge aus Texten von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich kompiliert. Sie deutet den Gang zur Unterwelt an, den verbotenen Blick und die Konsequenz der unwiderruflichen Trennung. Daher also die Inszenierung der unerbittlichen Vereinzelung. Kein rettendes Textufer. Nirgends.) Nur einzelne Satzfetzen setzen semantische Spotlights: "Was gewesen ist" - es bleibt dunkel. "Es ist nichts" und andere Stichworte der programmierten Hoffnungslosigkeit: "Liegt doch die Nacht zwischen uns wie ein schwarzes Gebirge". Der Text, als bestünde ein weitreichendes Misstrauen gegen alle Semantik, bleibt ganz überwiegend im Hintergrund der kargen szenischen Aktion. Er geistert als abgründiger Untergrund herum. Aus dem realen Boden der Produktion, den die Architektin Zaha Hadid entwarf, werden immer wieder einzelne Teile hochgestemmt: weiße Stege und Brückchen, leuchtende Liege oder eine monumentale Tiergestalt. Es handelt sich um einen technizistischen Hades der Postmoderne.

(Er und Sie, die als ziemlich autistisch dargestellten Protagonisten, sind Passanten einer unbestimmten Vergangenheit. Mit dem womöglich als "wirklich" zu erfahrenden Präsens draußen in Bochum haben sie sichtlich nichts zu schaffen.) Eine gewisse szenische Konkretion stellt sich durch die zu Bacchantinnen mutierenden Chordamen ein: mit langen Stangen bringen sie Orpheus zu Tode. Und Eurydike behält, wie es sich gehört, das letzte Wort: "Nie konnte ich so zu dir sprechen wie jetzt".

So bleibt, bis zum bitteren Ende, dem "iam frigida cumba", alles Verlangen in dieser Produktion sehr sehr subtil. Keine Gesten der heftigen Begehrlichkeit, kein großer Durst oder Mordshunger, nicht die Spur von Erfüllung eines Begehren. Das schon gar nicht. Das Ganze ist recht alert extremistisch pointiert in der intendierten negativen Dialektik und kreiert ein hohes Lied der Vergeblichkeit aller Liebeswünsche. So einfach also ist Beat Furrers Sache, diese komplexe Stillhaltemusik mit Körpertraktat, bei genauerem Hinhören dann doch nicht.

Die Serie der Kreationen im Rahmen der RuhrTriennale, bei denen sich Musik, Bewegungstheater und neue Medien in neuen Zusammenhängen ausleben sollten, ist mit diesem experimentellen Import-Produkt zunächst einmal abgeschlossen. In diesem Parcours mit höchst unterschiedlichen Sprungweiten schnitt "The Woman Who Walked into Doors" besonders gut ab, eine gleichfalls importierte Video-Oper der Theatertruppe Trans-parant aus Belgien. Ebenso Alain Platels Tanzrevue "Wolf" mit Sylvain Cambrelings pfiffigem Mozart-Verschnitt. Und auch wenn die Triennale-Betreiber mit den hausgemachten Produktionen teils weniger Fortune hatten: ihr großer Versuch hat sich insgesamt gelohnt. Der Musik- und Theaterbetrieb braucht Motoren wie diese Reihe, wenn er weiterkommen will. (Und wenn es mit dem einen oder anderen Projekt auch nicht so recht vorwärtsgehen wollte, weil die Schubkräfte zu schwach blieben und die Untiefen des Sentiments zu klebrig, so sollte es doch jetzt eigentlich kein Zurück mehr geben zu gemütlicherer Stadttheatrigkeit). Die von Gérard Mortier auf den Weg gebrachten Produktionen haben der kulturellen Zukunft der Region (und über sie hinaus) eine Schneise geschlagen.

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