Unter dem Titel "Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht" hat Christoph Frick die Erzählung "Das Deutschlandgerät" von Ingo Schulze am Staatsschauspiel Dresden inszeniert. Die Schauspieler überzeugen, der Text des Stücks ist jedoch langatmig und teilweise kurz gedacht.
Im März vergangenen Jahres veröffentlichte Ingo Schulze die Erzählung "Das Deutschlandgerät - Brief an einen Museumsdirektor", die jetzt unter dem Titel "Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht" im kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden auf die Bühne kam. Doch zu einem Theaterstück ist der Text auch durch den neuen Titel leider nicht geworden. Die Dresdner Bühnenversion beginnt damit, dass drei Personen, die mit ihren wuscheligen Perücke Ingo Schulze ähneln, die schmale Spielfläche umrunden. Sie stellen die großen Buchstaben um, die die Bühne mit dem Titel des Stückes ausfüllen. Dabei werden spielerisch neue Wörter geschaffen, und neue Buchstabenkonstruktionen schaffen reale Funktionen, werden zu Waschbecken oder Computern.
Ein schönes Bild, mit dem die berichtende Erzählung von Ingo Schulze zu Beginn für einen Moment einen theatralen Ausdruck findet. Dann aber rauschen die Wörter, erst aus dem Off, dann aus den Mündern der drei Schauspieler. Die nehmen ihre Ingo-Schulze-Perücken ab und werden zu Figuren aus einem Brief, den sie gemeinsam, mal direkt, mal konjunktivisch, mal in kleinem Dialog, vom Vortrag ins Spiel zu überführen suchen. Ein junger, erfolgreicher Schriftsteller schreibt einem Museumsdirektor, warum er einen Text über ein Kunstwerk bisher nicht geliefert habe. Der Text ist nicht nachdenklich und offen, sondern abgeklärt räsonierend und resümierend. Er bedient Leser und Zuhörer mit Meinung, statt sie mit Widersprüchen zu fordern. Es geht um die Rolle des Schriftstellers, um seine Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Ein junger Autor bewundert einen älteren namens B. C., der vor der Wende aus der DDR nach einem Gefängnisaufenthalt in die Bundesrepublik ausgereist war. Dort wurde er für immer in die Rolle eines Dissidenten gedrängt, - mit der Einspielung einer Anne-Will-Talkrunde zum Unrechtsstaat DDR demonstriert die Inszenierung, was von B. C. erwartet wurde. Doch der fand weder seinen Platz noch sein Thema in der neuen Gesellschaft. Genaueres, Tieferes, Präziseres, über diese irgendwie recht bekannte Abnick-Aussage Hinausführendes aber erfährt man nicht. Allenfalls, dass es mit dem Widerspruch jetzt so eine Sache sei.
"Ja, es hat massenhaft mit Anpassung zu tun. Gerade unter den Literaten.
Vielleicht ist es einfach zu viel, wogegen man sich auflehnen müsste (….)
Die moderne freiheitliche demokratische Industriegesellschaft bringt uns um. Nicht mehr und nicht weniger. Und nicht nur allegorisch, sondern wortwörtlich.
(….) Die Menschheit geht unter, und man weiß nicht recht, was zu tun ist."
Der junge Schriftsteller namens Ich, ebenfalls ehemaliger DDR-Bürger, hat nach der Wende einfach Erfolg. Klar, weil er den Marktgesetzen folgt. Nachdem die beiden Schriftsteller sich bei einer Lesung kennengelernt haben, bleiben sie in distanziertem, seltenem Kontakt.
So weit, so bekannt und nicht ohne Klischees. Nun aber würden wir gern mehr wissen, jetzt müsste der eigentliche Text beginnen. Er könnte Individuelles wie Gesellschaftliches über die beiden Autoren und ihre Erfahrungen mit dem Kultur- und Literaturbetrieb vermitteln. Das heißt: Die beiden Schriftsteller müssten sinnlich lebendig werden. Doch sie bleiben Thesenfiguren, auch wenn Holger Hübner als freundlich nachdenklicher B. C. und Matthias Reichwald als Ich ihren Figuren durchaus lebendige Prägnanz zu geben vermögen. Christoph Fricks Inszenierung von Schulzes eher geschwätzig schwachem Text ist, trotz manch medialer Garnierung, vor allem szenisches Referat. Wenn B. C. langwierig Reinhard Muchas monumentales Kunstwerk "Das Deutschlandgerät" erklärt, wird seine Demonstration zur schweren Bedeutungsmetapher. Dieses Kunstwerk bezieht sich auf ein technisches Gerät, mit dem die Bahn Dinge wieder aufs richtige Gleis heben kann. Also hebt sich die Bühne hydraulisch, bis sie, schräg gestellt und Schwarzrotgold gefärbt, die Menschen abrutschen und B. C. unter ihr sein Grab finden lässt.
Etwas Genaueres erfahren wir über B. C. erst nach seinem Tod, - in einem langen Monolog seiner Lebensgefährtin Elzbieta. Auch wenn Sonja Beißwenger diese Figur mit schöner, distanzierter Offenheit ausstattet, wirkt ihr Erklärungstext nur spannungslos lang. Was bleibt von dieser Uraufführung, ist die Freude über drei Schauspieler, die Schulzes langatmigem, aber oft kurz gedachtem Text etwas spielerische Lebendigkeit einhauchen.
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Christoph Frick inszeniert nach Ingo Schulze in Dresden
Sendezeit: 08.06.2013 17:38
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