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09.06.2013
Die Candoco Dance Company, Teilnehmer des Tanzkongresses in Düsseldorf (Bild: picture alliance / dpa / Hugo Glendinning) Die Candoco Dance Company, Teilnehmer des Tanzkongresses in Düsseldorf (Bild: picture alliance / dpa / Hugo Glendinning)

Kreative Kurzschließung

Eine Bilanz des Tanzkongresses Düsseldorf

Von Nicole Strecker

Kritik an kolonialistisch anmutenden Inszenierungen und ein Perspektivwechsel zwischen den Tanzkulturen: Der Tanzkongress ist nicht nur intellektueller Szenetreff, sondern auch Plattform für politische Themen. Bereits zum dritten Mal traf sich die Branche in Düsseldorf.

Auch ein Kongress zum Tanz könnte wie jeder Branchentreff an der Diskurs-Schwere scheitern, gäbe es nicht den Aufreger, das verbindende Thema für den Pausen-Talk. So gesehen fing der diesjährige Düsseldorfer Tanzkongress ziemlich gut an: Der Kongolese Faustin Linyekula zeigte am Eröffnungsabend seine Adaption des 1923 entstandenen Stücks "La Création du Monde", dem ersten Ballet Nègre. Für Linyekula ist das Stück hegemonialer Afrika-Kitsch, und eine Rekonstruktion, wie sie im Jahr 2000 von Tanzexperten durchgeführt wurde, ist für ihn damit mindestens fragwürdig. Eine Kritik, mit der Linyekula in Deutschland, wo man gerade die Auseinandersetzung mit dem Tanzerbe zum Trend gemacht hat, zumindest bei den Aposteln dieser neuen Bewegung auf Empörung stoßen muss - wie die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter erklärt.

"Nun kommt jemand wie Faustin und fragt: Ja, was ist das denn für ein Blickwinkel, den ihr da einnehmt. Welche immer noch westzentrierte, welche immer noch eigentlich kolonialistische und eurozentrierte Praxis wird denn hier verfolgt und welche Bilder von Fremdheit, von ... Unterdrückung ... werden eigentlich verdrängt oder nicht damit hineingenommen. Und diese Frage stellt er, … sodass man auf einem Kongress wie diesem auch nicht drum herum kommt, sich damit auseinanderzusetzen und das ist äußerst produktiv."

"Zeitgenössischer Tanz ist ja eine Ausdrucksform, die in aller Vielfalt trotzdem maßgeblich geprägt ist in Nordamerika und in Europa, also im 20. Jahrhundert,"

sagt die Wiener Tanzwissenschaftlerin Sandra Noeth, eine Expertin für den arabischen Raum, die - analog zu Linyekula - die interkulturellen Dominanz-Verhältnisse und den westlichen Blick auf den dortigen Tanz hinterfragt. Sie möchte den Tanz in den arabischen Ländern als 'Akt der Ermächtigung' verstanden wissen und erkennt im Perspektivwechsel zwischen den Kulturen choreografisches Potenzial. Dé-Position - so eine von ihr mitinitiierte Veranstaltung.

"Dé-Position ist das, was man vor Gericht macht. Man geht zum Gericht und macht eine Aussage. Und Dé-Position, sagt es eigentlich: die Position verlassen. Und was uns interessiert hat, war, dass man eigentlich, um eine Aussage zu machen, erst mal die eigene Position verlassen muss und nicht sie einfach weiter affirmieren. Und das ist natürlich ein choreografisch interessanter Gedanke."

Auf dem Podium sprach man dann etwa über die politische Kraft von versehrten Körpern, wie sie seit dem sogenannten arabischen Frühling auf Fotos und Videos durch die Medien geistern. So zeigte sich die Wissenschaft in den Kongress-Veranstaltungen immer wieder auch als moralische Mahninstanz. Man wurde an das "Ethos der Grenze" erinnert oder daran, dass jedes historisch bedeutsame Kunstwerk auch immer kulturelle Autorität etabliere. Das mag auch am Motto gelegen haben: "Bewegungen übersetzen" - eine gelungene, weil tatsächlich viele Themen umfassende Klammer. Zum dritten Mal fand das Branchentreffen statt, für Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter waren die vorangegangenen Kongresse ein Erfolg in dem Sinne,

"dass sie Bereiche von Personen, Institutionen, die im Tanz arbeiten, enger in Beziehung bringen, das gab es vorher so nicht."

Der Kongress als kreative Kurzschließung von Theorie und Praxis, aber auch ein bisschen als therapeutische Selbstvergewisserung - so lästerte man an Tag Zwei des Branchentreffs, an dem es immer wieder um Praktiken der Konservierung ging. Das digitale Pina-Bausch-Archiv gab Einblick in seine fortschreitende Genesis und projizierte beeindruckende Datenwolken an die Wand. Und Anne Teresa de Keersmaeker erläuterte nicht nur die Strukturprinzipien ihrer Choreografien, sie tanzte sie auch vor.

Und auch wenn man sich innerhalb kürzester Zeit von ihrer choreografischen Mathematik-Lehre vollständig verwirrt fühlte - allein de Keersmaekers Begeisterung für ihre eigenen Erläuterungen faszinierte. Unterhaltsame Überforderung, und damit symptomatisch für einen intellektuellen Szenetreff, dessen theoretischen Input es auch in Zukunft braucht.


 
 

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Bilanz Tanzkongress Düsseldorf

Sendezeit: 09.06.2013 17:52

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