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09.06.2013
Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk starb am 8. Juni 2013 in Tel Aviv. (Bild: Friedrich Ebert Stiftung) Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk starb am 8. Juni 2013 in Tel Aviv. (Bild: Friedrich Ebert Stiftung)

Vom Kriegshelden zum Friedenskämpfer

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk ist mit 84 Jahren in Tel Aviv gestorben

Frauke Meyer-Gosau im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller Israels: Yoram Kaniuk hat in seinen Werken immer wieder das deutsch-jüdische und deutsch-israelische Verhältnis thematisiert. In seiner Heimat wurden seine Bücher jedoch lange unterschätzt. Am 8. Juni 2013 erlag Kaniuk in Tel Aviv seinem Krebsleiden.

Burkhard Müller-Ullrich: Zunächst erinnern wir an den israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk, der im Alter von 83 Jahren in Tel Aviv gestorben ist. "Adam Hundesohn" lautet der Titel des Buchs, das ihn - nicht zuletzt durch die Verfilmung Paul Schraders - weltbekannt machte: die Geschichte eines KZ-Häftlings, der gezwungen wird, Geige zu spielen, während seine Frau und seine Tochter vergast werden, der den Holocaust überlebt, aber daran wahnsinnig wird und in einer psychiatrischen Anstalt in Israel landet. Kaniuk wurde in Tel Aviv geboren, nachdem seine bereits nach Palästina emigrierten Eltern 1929 noch eine Deutschlandreise unternommen hatten. Er selbst sagte deshalb von sich, er sei zwischen Weimar und Buchenwald gezeugt worden.

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Frauke Meyer-Gosau, Redakteurin der Zeitschrift "Literaturen", hat Kaniuk unlängst noch besucht. Frau Meyer-Gosau, "zwischen Weimar und Buchenwald gezeugt", das ist ja schon starker Tobak und verrät eine gewisse Lust an grellen Pointen. War Kaniuk denn so ein ironischer Mensch auch im Privaten?

Frauke Meyer-Gosau: Absolut! Ich habe es zu meiner eigenen Verwunderung erlebt. Ich habe ihn ja Anfang Mai in Tel Aviv besucht und sagte ihm, ich würde mir jetzt diese ganzen Untergrundarmee-Museen angucken, die es da in Tel Aviv gibt, und er hat ja seinen bei uns jüngsten Roman "1948" genau über die Zeit des Unabhängigwerdens des Staates Israel geschrieben. Ich sagte ihm das am Telefon und hörte nur ein sehr trockenes Hüsteln oder Lachen. Am nächsten Tag sagte er: "Na, waren wir heldenhaft? Konnten Sie das im Museum sehen?" - Also das war ein Mensch, der eine wirklich heilsame Distanz zwischen seinen Erfahrungen, den Erfahrungen seines Landes, seinen Hoffnungen und sich selbst gelegt hatte. Das war sehr beeindruckend.

Müller-Ullrich: Sie haben ja gerade auf dieses Buch "1948" angespielt. Da berichtet er von seinen eigenen Erlebnissen kurz vor der Gründung des Staates Israel im Unabhängigkeitskampf, wo er ja doch, kann man sagen, eine Heldenrolle gespielt hat.

Meyer-Gosau: Er war ein Kriegsheld und ist als solcher auch gefeiert worden. Er hat aber diese Rolle benutzt für politische Interventionen, die den herrschenden Kräften in Israel schwerstens gegen den Strich gingen. Er war vom Kriegshelden zu einem Friedenskämpfer geworden.

Müller-Ullrich: Was war der Kern dieser Ambivalenz, die ja doch darin liegt, dass er einerseits selbstverständlich den Staat Israel verteidigt hat, in jedem Fall auch zum Zionismus stand, und auf der anderen Seite einer der schärfsten Kritiker der israelischen - zum Beispiel - Besatzungspolitik ist oder war?

Meyer-Gosau: Ich glaube, das hat alles sehr viel mit seinem Aufwachsen zu tun. Er gehörte in seiner Generation zu den wenigen späteren Literaten und Künstlern, die in Israel geboren waren, und lebte aber dieses Israeli-Leben in einer westeuropäischen Kulturszenerie. Sein Vater war Gründer des Kunstmuseums in Tel Aviv, seine Mutter war Schulinspektorin und es wurde sehr darauf geachtet, dass man humanistische Werte nicht vor sich hinplappert, sondern ihnen entsprechend lebt. Vor diesem Hintergrund hat er an dem Unabhängigkeitskrieg teilgenommen, hat aber aus diesen Erfahrungen und seinem familiären Hintergrund die Konsequenz gezogen, wir Israelis, wir Zionisten in seinem Fall, müssen einen Weg finden, mit den Palästinensern in Frieden zu leben, denn sonst bedeutet das für beide Seiten letztlich den Untergang.

Müller-Ullrich: Ambivalent war sein Verhältnis auch zu Deutschland, verständlicherweise, oder unverständlicherweise, dass es überhaupt ambivalent ist, für jemanden, der jetzt mit 84 Jahren gestorben ist, also die ganze Nazi-Zeit und was danach kam miterlebt hat. Wie kam sein Verhältnis überhaupt zustande? Er ist ja relativ spät nach Deutschland gekommen.

Meyer-Gosau: Ja. Er wollte zunächst überhaupt nicht dieses Land betreten, eher sehr geprägt von diesem deutschen Kulturhintergrund, den er über seinen Vater kennen lernte, hat auf der anderen Seite natürlich nicht verwinden können, was der Holocaust angerichtet hat in der Welt der Juden. Deswegen hatte er zwar immer Kontakt - er war ja befreundet mit seinem Kriegskameraden Rolf Eden, dem Berliner Playboy-König, könnte man sagen -, aber er hat sich sehr gescheut, in dieses Land zu kommen.

Müller-Ullrich: Er war ja sehr produktiv als Schriftsteller. Es ist ein großes Werk, was da zusammengekommen ist: Romane, Erzählungen, auch Kinderbücher und Etliches mehr. Wie anerkannt war er in Israel als Schriftsteller im Verhältnis zum Kriegshelden?

Meyer-Gosau: Das war, glaube ich, ein Lebensproblem für ihn, dass er in Israel erst seit ungefähr zehn Jahren als Schriftsteller die Anerkennung findet, die er weltweit ja längst gefunden hatte. Er selbst führte das darauf zurück, dass er einfach immer und immer und immer mit seiner pazifistischen Haltung provoziert hat und dass die Leute hinter dem politischen Provokateur den Weltschriftsteller nicht haben zur Kenntnis nehmen wollen. Und erst mit der neuen jungen Generation heute in Israel hat er Anerkennung erfahren, die ihn sehr glücklich gemacht hat. Er sagte zu mir, es ist ja schon ein (Glück), aber auch ein Trauerspiel, dass ich so alt werden konnte und musste, um zu erleben, dass meine Werke in Israel auch wahrgenommen werden.

Müller-Ullrich: Frauke Meyer-Gosau - vielen Dank für Ihr Zeugnis. Wir sprachen aus Anlass des Todes von Yoram Kaniuk mit der Redakteurin der Zeitschrift "Literaturen".