Das Holland Festival in Amsterdam wagt sich auch an besonders aufwändige Produktionen. (Bild: Stock.XCHNG)
Es gibt nur ganz wenige Komponisten, denen einfach alles gelingt. John Adams ist solch ein Glückskind. Beim Holland Festival gab es sein Oratorium "The Gospel According to the Other Mary".
Es gibt nur ganz wenige Komponisten, denen einfach alles gelingt. John Adams ist solch ein Glückskind. Alles, was er in den letzten Jahren aufs Notenpapier brachte, überzeugte.
Und jedes neue Werk wird von einer ständig wachsenden Gemeinde mit Spannung erwartet. Beim Holland Festival gab es jetzt sein Oratorium "The Gospel According to the Other Mary", Adams' langjähriger Kollaborateur Peter Sellars schrieb das Libretto. Erzählt wird die Passion Jesu' aus Sicht der Maria Magdalena und diese Perspektive unterscheidet sich von den Evangelien der Bibel doch stark.
Die Geschwister Maria, Martha und Lazarus begegnen dem merkwürdigen Fremden Jesus, der zwar höhere Mächte beschwören kann, aber auch sehr verletzlich und instabil wirkt. Spirituelle und erotische Liebe kommt ins Spiel, Lazarus stirbt und wird erst nach erheblichem Zögern von Jesus auferweckt.
Auch in dieser Version endet der Erlöser zunächst am Kreuz, jedoch befreit er sich selbst und reist nach Beirut und Damaskus, um die dort aufbegehrenden Massen anzuführen. Dies ist allerdings nur eine nächtliche Vision von Jesus, Peter Sellars ließ sich hier von einem Gemälde José Clemente Orozcos inspirieren.
Auch die Christusmarxistin und Sozialaktivistin Dorothy Day spielt eine Rolle, dazu integriert Sellars Texte etwa von Primo Levi, Hildegard von Bingen und zeitgenössische Lyrik. Zusammen mit der traumschön funkelnden Musik von John Adams ist ein Passionsoratorium entstanden, das Markus Stenz mit dem Radio Filharmonisch Orkest, dem Groot Omreopkoor und einem exquisiten Solistenensemble im Amsterdamer Concertgebouw zum Triumph werden ließ.
Traditionell gibt es beim Holland Festival immer eine Reihe von besonders aufwändigen Produktionen, vor denen sich andere Festivals oftmals lieber drücken. Sensationell war die Marathonaufführung der "Nine Rivers" von James Dillon. Dillon ist ein 1950 geborener, schottischer Komponist, er schrieb fast 20 Jahre an seinem Zyklus, der auf ebenso komplexe wie direkt sinnlich erfahrbare Weise nachdenkt über Zeitflüsse, Stromschnellen musikalischen Denkens und den reißenden Strom der jeweils gültigen Avantgarde. Denn Dillon reagierte in jedem Stück auf damals aktuelle Kompositionstechniken, kommentiert oder kritisiert sie, aber er schuf auch ein äußerst verzweigtes Referenzsystem innerhalb dieser Ennealogie.
Am Anfang steht ein krachendes Schlagzeugkonzert, später hört man zum Beispiel ausgetüftelte Elektronikklänge oder unglaublich intensive Neogregorianik. Im Aufführungsort, dem Muziekgebouw beim Amsterdamer Stadtfluss Ij, gab es zu jedem Teil immer neue Lichtstimmungen. Alle Musiker waren bestens präpariert.
Auch der kongolesische Regisseur Dieudonné Niangouna fesselte sein Publikum fast sechs Stunden lang mit einer ungewöhnlichen Mischung aus Körpertheater, Konzert und Diskursschlacht. "Shéda" packt ein Dutzend Charaktere der Theatergruppe "Les Bruits de la Rue" - Niangouna nennt sie "gefallene Götter" - in eine staubige Barackenbühnenlandschaft. Vorne steht eine hölzerne Weltachse, ganz rechts gibt es ein Wasserbassin. In atemlosem Tempo wird Politisches wie Religiöses, Triviales wie hoch Geistiges verhandelt, vertanzt, gesungen. Dies alles in einem mit logischen Brüchen und Neologismen nur so gespickten Französisch. Die niederländischen Übertitel blieben da zwangsläufig manchmal auf der Strecke.
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Neue Evangelien und Diskursschlachten - Das Holland-Festival in Amsterdam
Sendezeit: 11.06.2013 17:36
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