Helmer (Jeroen Willems, l) und sein kranker Vater (Henri Garcin) in einer Filmszene von "Oben ist es still". (Bild: Salzgeber & Co. Medien GmbH)
Regisseurin Nanouk Leopold hat den Erfolgsroman "Oben ist es still" des niederländischen Schriftstellers Gerbrand Bakker verfilmt. Lakonisch erzählt sie die Geschichte des ledigen Bauern Helmer, der mit seinen Kühen und dem kranken, alten Vater einsam auf dem Land lebt.
"Du ziehst nach oben."
Alles soll anders werden im Leben von Helmer, der auf einem kleinen Bauernhof im niederländischen Zeeland lebt. Mit 30 Milchkühen, ein paar Schafen und seinem über 80-jährigen hinfälligen Vater. Er wuchtet seinen Vater die Treppe hoch und schafft ihn nach oben, wo er ihm ein neues Schlafzimmer eingerichtet hat, in dem der Alte seinem Tod entgegendämmern soll. Dadurch wird der Raum unten im Bauernhaus frei. Helmer entrümpelt und streicht die Wände, richtet sich neu ein. Er will ein anderes Leben beginnen. Dazu muss er sich aber erst einmal selber finden und die Schatten der Vergangenheit loswerden. Sein Vater hat ihn nie geliebt, den Zwillingsbruder Gerd immer vorgezogen und ist über dessen Tod nie hinweggekommen.
"Als Gerd ertrunken ist. Das war, als ob ich selbst gestorben wäre." - "Und alles was Du noch hast, ist der falsche Sohn."
Der bittere Sarkasmus der Antwort Helmers charakterisiert sehr genau die Stimmung des Films. Eine bedrückende Schwere liegt über jeder Szene. Mit fahlen Farben und einer Handkamera, die nicht ein Mal den Blick öffnet für Landschaft und Raum wird die geschlossene Gesellschaft dieser beiden Protagonisten und insbesondere Helmers Gefühl des Eingeschlossenseins betont. Die Kamera ist immer nah dran. Am zerfurchten Gesicht des Alten und an der Grübelmiene des Sohnes, der nicht weiß, was er mit seinem Leben noch anfangen soll. Damals - nach dem Tod des Bruders - hat er sein Leben in der Stadt aufgegeben und ist wider Willen Bauer geworden. Über dieser Pflichterfüllung hat er nie zu einem eigenen Leben gefunden. Er weiß nicht einmal, dass er sich nicht zu Frauen, sondern zu Männern hingezogen fühlt. Erst der sympathische Milchfahrer, einer der wenigen ständigen Außenkontakte, irritiert ihn mit seiner Bemühung um Nähe und Vertrautheit. Und er strahlt auch ganz deutlich gleichgeschlechtliches Begehren aus.
"Ich hab Dich vermisst. Ich hab Dich die letzte Zeit nicht gesehen."
"Wahrscheinlich war ich oben."
"Und was macht Du da oben?"
"Nix. Da ist mein Vater, der ist krank."
"Und was hat er?"
"Nix, ist einfach alt."
"Wusst ich nicht."
Regisseurin Nanouk Leopold ist eine kühle filmische Beobachterin. Das hat sie schon mit der unverblümten Studie des Lebens einer Sexsüchtigen "Brownian Movement" bewiesen, in deren Mittelpunkt Sandra Hüller stand. Mit starren Kameraeinstellungen beobachtete sie in diesem Film 2010, wie sich die Hauptfigur ganz bewusst in den Zufällen und Leidenschaften des Lebens verlor. Diesmal hat sich Nanouk Leopold ins Mauseloch des unentrinnbaren Schicksalsfluchs getraut und einen Erfolgsroman des niederländischen Schriftstellers Gerbrand Bakker so verfilmt, dass der Film an Lakonie der literarischen Vorlage in nichts nachsteht. Ganz selten, aber umso eindrucksvoller, sind die tatsächlich intensiven Momente zwischen dem dahinschwindenden Vater und dem orientierungslosen Sohn, etwa wenn der Vater die geheime Anziehung zwischen Milchfahrer und Sohn erkennt.
"Schöne Grüße vom Milchfahrer. Er hat wundervolle Hände. Ich mag seine Hände."
Dann kommt Hank vorbei, ein junger Mann. Der bietet sich als Hilfsarbeiter an und macht Helmer unverhohlen auch körperliche Avancen. Die Falle, in der Helmer sich gefangen fühlt, öffnet sich. Und doch ist der Film nie die Beschreibung eines schwulen Coming-outs. Der Reichtum an Nuancen und Gedanken, die atmosphärische Stimmigkeit, mit der Nanouk Leopold inszeniert, machen den Film zu einem großen künstlerischen Ereignis und Nanouk Leopold zu einer Entdeckung für den europäischen Film, die an Rainer-Werner Fassbinder oder François Ozon erinnert. Die filmischen Mittel, mit denen Sie arbeitet, sind visuell konsequent und dramaturgisch streng. Zwischen Stillleben und Kammerspiel hat sie eine ganz neue Handschrift entwickelt, der man problemlos eine große Zukunft voraussagen kann.
"Das ist also dein neuer Knecht?"
"Ja."
"Kräftiger Junge."
Mit nur 50 Jahren ist Hauptdarsteller Jeroen Willems kurz nach den Dreharbeiten überraschend an einem Herzversagen verstorben. Er konnte nicht einmal mehr der Premiere des Films auf der Berlinale beiwohnen. So ist der Film sein Vermächtnis geworden. Am Ende des Films liegt Helmer im Schilf. Der Vater ist gestorben. Den Milchfahrer und den jungen Knecht hat er als Erfahrungen hinter sich. Er lächelt. Nun kann er ein selbstbestimmtes Leben beginnen.
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Filmkritik "Oben ist es still" von Nanouk Leopold
Sendezeit: 13.06.2013 17:41
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