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07.03.2006
Der Philosoph Peter Sloterdijk. (Bild: AP Archiv) Der Philosoph Peter Sloterdijk. (Bild: AP Archiv)

"Europäisierung des Islam"

Anmerkungen zu Peter Sloterdijks These

Von Tomas Fitzel

Folgt man dem Philosophen Peter Sloterdijk, dann gibt es im deutschen Kulturjournalismus ein "exzessive Panikbereitschaft". Sloterdijk sieht vor dem Hintergrund des Karikaturenstreits und seiner Auswirkungen nicht die Gefahr einer allmählichen Islamisierung Europas. Auf der "Langzeitagenda" stehe "die Europäisierung des Islam".

Der Philosoph Peter Sloterdijk überrascht immer wieder aufs Neue. Jetzt rät er im Gegensatz zur mentalen Aufrüstung vieler Intellektueller in der Auseinandersetzung mit der islamischen Welt zur souveränen Gelassenheit. Don't panic, relax! Die europäische Aufklärung, schreibt er, habe sich so stark erwiesen, dass sich zuletzt sogar der Vatikan als einer ihrer zuverlässigsten Verbündeten herausstellte. In aller Ruhe überblickt Sloterdijk den Weltenlauf und sieht: Nicht die Islamisierung Europas, sondern die Europäisierung des Islams steht auf der Langzeitagenda des Weltgeistes.

Manch einem klingelt hier vielleicht noch seine wuchtige Elmauer Rede in den Ohren: "Regeln für den Menschenpark." Damals tönte Sloterdijk noch ganz anders und verabschiedete den Humanismus und die Aufklärung gleich mit. Aber das war auch ein anderes Jahrhundert oder besser Jahrtausend. Doch die listige philosophische Kehre sowie das Unterlaufen von hoch gespannten Erwartungen gehören zu seinen Markenzeichen. Denn als Trendscout des Zeitgeistes muss er wendig den Markt der Eitelkeiten gegen seine Konkurrenten verteidigen. Ohne dass er ihn mit Namen oder Zitat nennen würde, ist dieser Artikel eine direkte Antwort auf die markigen Worte von Botho Strauß. Beide waren seit jeher für einen Skandal immer gern zu haben. Botho Strauß begrüßte im "Spiegel" vor einigen Wochen erleichtert das Ende der liberalen Unübersichtlichkeit, eine Zeit der Schwäche, so sein Urteil. Der Islam lehre uns gewissermaßen als Vorbereitungsgesellschaft "die Nicht-Gleichgültigkeit, die Regulierung der Worte und die Hierarchien der sozialen Verantwortung".

Dieser von Botho Strauß ersehnten "Nicht-Gleichgültigkeit" setzt Sloterdijk das von Friedrich Nietzsche bekannte Pathos der Distanz entgegen. Unsere kulturellen Konflikte rühren aus zu großer Nähe, bedingt durch das Tempo der Globalisierung, meint zumindest Sloterdijk. Der Abrüstung der hoch geschürten Emotionen entspricht jedoch keineswegs eine Abrüstung seiner Sprache. Hier lässt sich Sloterdijk nicht lumpen und nennt den Defätismus als die eigentliche Bedrohung. Der Feind lauert wieder einmal im Innern.

Und wer sind die Defätisten und Vaterlandverräter heute? Es sind jene melancholischen und untergangsverliebten Zeitkritiker aus dem deutschen Feuilleton, die nach so viel Unglauben und Liberalität im Westen jetzt das Fracksausen bekommen haben und es auch noch an die große Glocke hängen müssen. Dabei gilt es Haltung, Distanz, Takt und Stil zu wahren, den Code der Diskretion, befiehlt Oberfeldwebel und Sphärenphilosoph Sloterdijk. Da erscheint dann doch wieder das gerüstete, männliche Subjekt. Es ist doch ein Jammer, dass selbst die Konservativen inzwischen zu solchen Jammerlappen wurden, so dass sogar Peter Sloterdijk wieder in die Rüstung der guten alten Aufklärung schlüpfen muss - vorgeblich wenigstens.

Denn bei ihm ist sie nur noch aus Pappmaché. Ihr wesentlichstes Rüstzeug fehlt: Kommunikation. Da kehrt doch sein altes Konzept zurück: der Mensch eine narzisstische Monade, eingeschlossen in seiner Blase, unfähig zur Gemeinschaft. Das Einander-aus-dem-Weg-Gehen sei ein ausgezeichnetes Äquivalent für das Einander-Verstehen, behaupte er, und das ist wohl sein zynisches Modell für eine Europäisierung beziehungsweise Zivilisierung des Islams. Pathos und Distanz, in diesem Begriffspaar bei Nietzsche meinte das Pathos jedoch keineswegs nur erhabene Leidenschaft, sondern auch Leiden, Mitleiden, die Voraussetzung für Kommunikation überhaupt. Was aber Sloterdijk völlig verkennt, im Islam selbst steckt der Kern seiner ganz eigenen Aufklärung, dazu muss er nicht erst europäisch werden, sondern nur sich selbst wieder finden.


 
 

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