Der Publizist Michael Braun glaubt an die Zukunft der deutschen Lyrik. Auch wenn sich in den Programmen der großen Verlage derzeit kaum junge Lyriker fänden, so sorgten doch einige wenige Pioniere dafür, dass jungen Autoren eine Plattform geboten werde, sagte Braun. Die großen Verlage indes hätten Nachholbedarf.
Stefan Koldehoff: In neuen Tagen beginnt die Leipziger Buchmesse. Also freut sich die Literaturwelt schon jetzt auf schöne Lesungen und auf leckere Empfänge mit Schnittchen und Sekt. Da kommt einer, ein Literaturkritiker einer großen Tageszeitung noch dazu, und läutet das Alarmglöckchen: Richard Kämmerlings heißt er, ist Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung! und warnt in dieser nun vor dem drohenden Bedeutungsverlust einer ganzen Gattung, nämlich der Lyrik. Ein Blick in die Frühjahrsprogramme der großen Verlage zeige, so Kämmerlings weiter, dass junge Lyrik keine nennenswerte Rolle mehr spiele im deutschen Literaturbetrieb. Frage an den Publizisten und ausgewiesenen Lyrikkenner Michael Braun, hat Kämmerlings Recht?
Michael Braun: Dieses Totenglöcklein wird ja alle Jahre wieder geläutet und natürlich hat Richard Kämmerlings Recht, wenn er sich die Verlagsprogramme dieser Saison anschaut und sagt, wo ist hier die so genannte junge Lyrik? Dann hat er natürlich gleich eine Verlustanzeige zu vermelden. Natürlich muss man wieder weiter fragen, was meint er mit junger Lyrik in Deutschland. In der deutschen Lyrikszene dürfen ja Lyriker bis 50 als junge Lyriker gelten und gehen danach nahtlos ins Alterswerk oft über. Aber junge Lyrik meint in diesem Fall natürlich Autoren bis 35 Jahre alt. Und da gibt es eben nur sehr wenig, tatsächlich nur wenig Verlage, eigentlich nur zwei, oder drei, die solche Autoren aufnehmen in ihr Programm.
Koldehoff: Jetzt kommen wir natürlich notwendigerweise auf die Frage nach dem Huhn oder dem Ei. Sind denn möglicherweise auch gar keine jungen Lyriker da, die es Wert wären in den großen Verlagen publiziert zu werden?
Braun: Es sind durchaus doch einige, sehr bedeutende junge Autoren da, die es sehr wohl Wert wären, in die bedeutenden Literaturverlage aufgenommen ...
Koldehoff: Beispielsweise ...
Braun: Diese jungen Lyriker tummeln sich, da hat ja Kämmerlings auch angedeutet, eigentlich in einem kleine Verlag, der sich Kookbooks nennt, von einer Frau Daniela Seel geführt wird, sehr erfolgreich seit drei Jahren. Und die hat in der Tat gleich mit ihren ersten zwei Programmen drei, eigentlich sogar vier Preisträger, also jetzt zu Preisträger gekürten Autoren, aufgenommen. Diese Autoren nennen sich Daniel Falb oder Hendrick Jackson, Ron Winkler, Steffen Popp oder, die allerjüngste, Uljana Wolf, eine kleine Sensation, der ist vor kurzem der renommierteste deutsche Lyrikpreis, der Peter-Huchel-Preis, verliehen worden. Also das war schon eine Sensation im kleinen Lyrikbetrieb.
Koldehoff: Wenn wir das mal mit der bildenden Kunst vergleichen, ein Künstler muss sich erst in der Galerie bewähren, dann wird vielleicht ein Kunstverein auf ihn aufmerksam und irgendwann führt dann auch der Weg ins Museum. Ist das in der Literatur ähnlich, dass man mal erst einen kleinen Verlag wie Kookbooks braucht, um später irgendwann mal bei Suhrkamp landen zu können?
Braun: Das war früher so, dass kleine Verlage, wie eben Kookbooks jetzt, oder auch der von Kämmerlings leider nicht erwähnte Verlag Urs Engeler Editor aus Basel, dass solche kleinen Verlage früher immer so ein Art Sprungbrett waren, eine Plattform, um dann später, ja, damit man dann später bei Suhrkamp oder bei Luchterhand, oder bei Fischer oder bei Rowohlt landen kann. Jetzt ist es aber umgekehrt so: Bis vor wenigen Jahren war die Edition Suhrkamp das Mekka der jungen Dichter, dass sich jeder dort tummeln wollte, inzwischen ist es aber so, dass diese Edition Suhrkamp an Bedeutung verloren hat. Und tatsächlich Kookboos und Urs Engeler bilden die, ja die Basisstation für junge bedeutende Autoren.
Koldehoff: Reicht es denn, Herr Braun, wenn Lyrik in diesen kleine Verlagen, kleinen in Anführungszeichen, stattfindet, um das Argument zu entkräften es drohe ein Bedeutungsverlust der Gattung Lyrik, oder wäre es nicht kulturpolitisch doch wünschenswert, wenn nicht wichtig, dass auch weiterhin bei Suhrkamp, bei Luchterhand, bei DuMont, bei Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen Lyrik einen prominenten Platz im Programm hat?
Braun: Und dieser doch wichtige Artikel von Richard Kämmerlings, dient ja auch dazu, mal wieder die großen Verlage aufmerksam zu machen: Folgt doch bitte nicht so sehr euren ökonomischen Imperativen, schaut nicht ständig auf eure Renditeerwartung! Natürlich, Gedichtbände werden nie Mega-Bestseller werden, Verleger werden immer glücklich sein, wenn sie 1500 Exemplare eines Gedichtbandes eines jungen Lyrikers verkaufen können. Diese Zahlen allerdings hat nun inzwischen Daniele Seel mit Kookbooks in Reichweite. Das muss man ganz deutlich sagen, und das sollte auch die etwas träge gewordenen Großverlage daran erinnern, dass sie doch auch hier Nachholbedarf haben mit junger Dichtung.
Koldehoff: Das bedeutet also, das Glöcklein klingelt mal wieder, aber der Sarg bleibt noch zu?
Braun: Der Sarg wird noch lange nicht geöffnet werden, dank eben solcher Pioniere wie eben Daniela Seel einer ist und auch Urs Engeler aus Basel einer ist.
Koldehoff: Der Publizist Michael Braun zum angeblich drohenden Bedeutungsverlust der deutschen Lyrik. Na dann.
Deutschlandfunk
Seit 21:05 Uhr
Konzertdokument der Woche
Nächste Sendung: 23:00 Uhr
Nachrichten
Beiträge zum Nachhören
Kultur heute
Das Barents Spektakel in Norwegen
Sendezeit: 12.02.2012, 17:52
Auerbach-Requiem Frauenkirche Dresden
Sendezeit: 12.02.2012, 17:46
Rossinis "Otello" an der Oper Zürich - Thomas Voigt im Gespräch
Sendezeit: 12.02.2012, 17:41
dradio-Recorder
im Beta-Test: