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25.05.2006
Das Libretto zum Kammermusiktheater "Da gelo a gelo" basiert auf dem aus dem Jahr 1002/03 stammenden Tagebuch der japanischen Dichterin Izumi Shikibu. (Bild: AP) Das Libretto zum Kammermusiktheater "Da gelo a gelo" basiert auf dem aus dem Jahr 1002/03 stammenden Tagebuch der japanischen Dichterin Izumi Shikibu. (Bild: AP)

Liebe im alten Japan

Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "Kälte" bei den Schwetzinger Festspielen

Von Frieder Reininghaus

Der Komponist Salvatore Sciarrino, 1947 in Palermo geboren, ist Autodidakt und sagt deshalb über sich selbst: "Ich musste ganz von vorne beginnen, mir den Umgang mit den Instrumenten mit Hilfe einer unberührten Hand und eines jungfräulichen Ohrs auf der Grundlage eines Experiments zwischen Primitivismus, Ordnung und Futurismus erfinden." In einer Inszenierung der Choreographin Trisha Brown hatte jetzt ein neues Stück von Sciarrino, die Oper "Kälte", beim nordbadischen Festival des SWR Premiere.

Es blüht der Park, es balzt der Pfau. Allein schon die weiten Gärten und stolzen Baumbestände rings um die Sommerresidenz der pfälzischen Kurfürsten sind im Frühjahr einen Ausflug wert. Erst recht, wenn die Exkursion durch einen abendlichen Besuch im Rokoko-Theater getoppt wird - mit der frischen Wiedererweckung der "Porserpina" (angerichtet einst vom Schwedenkönig Gustav III. und seinem Hofkapellmeister Joseph Martin Kraus anno 1781), einem aparten Liederabend, filigraner Kammermusik oder jetzt auch der neuen "Kälte" von Salvatore Sciarrino, die Tito Ceccherini dirigierte. Das Libretto zum Kammermusiktheater "Da gelo a gelo" basiert auf dem aus dem Jahr 1002/03 stammenden Tagebuch der japanischen Dichterin Izumi Shikibu - den 100 Miniatur-Szenen zum Leben der Lyrikerin und Mätresse wurden vom Komponisten für die neue Liebesgeschichte 65 Gedichte nach beinalter Manier zu Grunde gelegt.

Sensible Wege geht der 1947 geborene sizilianische Autodidakt Sciarrino. Die um eine Liebesgeschichte der Poetin Izumini kreisende, vorwaltend langsame Episodenmusik folgt dem Jahreskreis: im Frühling bahnt sich mit zart erblühendem Schriftverkehr das Verhältnis an, von dem man ahnt, dass es problemgeladen sein und um die Frage kreisen wird, wie sich zwei Seelen treffen. Sciarrinos Instrumentaltupfer und die heruntersurrenden, ins Nichts wegrollenden Klangfiguren einer in nervöser Ruhe gespannten Kammermusik exponieren hohe Erwartungen: die extrem artistische Stimmbehandlung, die der begehrten Hofdame, dem als Boten fungierenden Pagen und dem Prinzen zuwuchs, lässt italienische Sätze immer wieder wie altjapanische Lyrik klingen.

Die Angst vor Banalität, auf die auch Izumis Gedichte anspielen, führt nicht nur zur Literarisierung der Liebesaktivitäten (und mehr noch der Pausen in ihnen), sondern rechtfertigen auch den gesteigerten Manierismus der Vokal-Partien, dem sich Anna Radziejewska und Otto Katzameier mit Hingabe widmen.

Sciarrinos kleingliedriger Tonsatz strichelt und klöppelt sich auch durch den Sommer, taucht mit Trisha Browns lammfrommer Inszenierung in die Bangigkeit und die Sturmböen des Novembers - ist im Text vom "Traurigen Herbsthimmel" die Rede, zeigt ihn Daniel Jeanneteaus schlichte Bühne auch schon artig. Im Winter überwiegt dann das Warten: "Süß sind die Versprechen der Männer, aber wie anders sind ihre Herzen". Der Prinz holt die Geliebte in sein Haus, was aber ihr erkältetes Herz nicht wirklich erwärmt. Im Gegenteil: indem die fürstliche Gattin mit Auszug und Trennung droht, ihr Gatte kuscht, geht es zu wie bei den Kleinbürgern heute. Leise und langsam surrt die Windmaschine und es schneit vom Bühnenhimmel in die anbrechende Traurigkeit. Ganz offensichtlich wollte der Komponist neben der von ihm entwickelten speziellen Kunstfertigkeit auch die klassische Ehemänner-Rolle vorführen. Das Publikum goutierte die in die Länge gestreckte Kurzatmigkeit einer Produktion, die an schärferen oder gar dramatischen Reizen so arm ist wie an Erkenntnis zur gefesselten Leidenschaft eines verheirateten Liebhabers. Im Kern handelt es sich bei Sciarrinos neuer Kammeroper um ein stockkonservatives Produkt mit gelegentlichen Rückgriffen auf Schubert-Militärmarsch oder Mozart-Alla-turca in heiter verzerrter Form: alles zehrt von der Aura der Künste, die einst ungebrochen schöner waren und nun mit dem Widerschein alten Glanzes die Postmoderne erleuchten helfen.


 
 

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