Die neue Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) wurde in den Medien meist freudig begrüßt. Der Historiker Jürgen Kocka, Mitglied der Sachverständigenkommission fürs DHM, hält die Ausstellung für einen großen Erfolg. Kocka verweist dabei auf die anfänglichen Befürchtungen, es solle eine "Ruhmeshalle des deutschen Volkes" errichtet werden. Stattdessen gebe es nun viel Zustimmung.
Karin Fischer: Die neue Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum, die am vergangenen Freitag eröffnet wurde, hat ein Medienecho gefunden, das zunächst einmal nach Überschwang und großer Freude klang, (weil eine riesige Aufgabe endlich sichtbare Ergebnisse zeitigte); das außerdem vom historischen Ort im Zeughaus schwärmte, den Meinungsstreit ums "Kohl"-Museum für beendet erklärte und überhaupt bereit war, in der Ausstellung eine historische Wunderkammer für ein neues, europäisch orientiertes Deutschland zu sehen.
Doch jetzt sind die geladenen und geführten Gäste erstmal weg, und jetzt werden interessierte Touristen, ausländische Gäste und Schülergruppen den Weg der Erkenntnis beschreiten, und genau da setzt auch die Kritik an. Etienne Francois sagte in unserer Sondersendung zur Eröffnung, die Ausstellung nehme einen "nicht an die Hand". Man könnte auch umgekehrt formulieren, die Ausstellung lasse einen ganz schön allein.
Die Frage geht an Jürgen Kocka, Historiker an der FU Berlin und Mitglied der Sachverständigenkommission fürs DHM, lässt diese Ausstellung den vor allem nicht-sachkundigen Besucher allein?
Jürgen Kocka: Ich denke nicht, dass das Museum die Besucher alleine lässt. Aber es verzichtet darauf, sie behutsam an der Hand zu nehmen. Es verzichtet darauf, eine große Meistererzählung darzubieten, und es verzichtet darauf, durch Inszenierungen die Eingängigkeit der dargestellten Objekte zu vergrößern. Aber das sollte man doch hauptsächlich als Vorteil sehen. Es ist eine ehrliche Ausstellung, die auch einiges an Selbstständigkeit vom Besucher erwartet und es ihm überlässt zu urteilen.
Fischer: Sie sagen, Herr Kocka, es gibt keine Meistererzählung. Andererseits gibt es ja doch starke Setzungen, die man anzweifeln kann. Ihr Kollege Hans Ulrich Wehler zum Beispiel sagt, die Deutschen um 9 nach Christus haben noch nicht existiert. Warum beginnt man diese Ausstellung etwa mit der Varusschlacht? Das ist so eine sozusagen Großkritik, die das ganze System der Ausstellung in Frage stellt, die ja 2000 Jahre Geschichte abbildet.
Kocka: Das kann man in der Tat ganz anders sehen, als es die Ausstellung tut. Anfänge der deutschen Geschichte, den Anfang der deutschen Geschichte zu setzen, das enthält immer ein ganzes Stück Willkür. Andere würden vielleicht ins 9. Jahrhundert gehen, oder noch später. Das ist ein Stück Konstruktion. Die Ausstellung hält sich auch einigermaßen zurück und ist da nicht sehr explizit, was die Setzung der Anfänge angeht. Man kann ihr aber vorwerfen, dass sie über diese Entscheidungen zu wenig Auskunft gibt, zu wenig reflektiert, zu wenig Reflexion in die Ausstellung selbst hineinbringt. Das hätte man sich wünschen können.
Fischer: Also ein schöner Bilderreigen, aber zu wenig Leitfaden, sozusagen.
Kocka: Mehr als ein Bilderreigen. Doch eine erstaunlich umfangreiche, auch gut ausgesuchte Kollektion von Bildern, von Gegenständen, von Exponaten, auch mit vielen kleinen Erklärungen im Einzelnen. Aber in der Tat, wenn wir vergleichen, mit dem, was ursprünglich die Zielsetzung in dem Konzept von 1986/87 war, fällt auf, dass die Ausstellung auf die Nennung großer, dann sich durchhaltender Fragestellungen verzichtet und sich damit doch sehr in Einzelheiten manchmal verliert. Wir hatten damals Fragestellungen wie, wie verändert sich das Verhältnis des Menschen zur Natur? Wie bildet sich Nation heraus und was hält sie zusammen? Wie verändern sich Muster sozialer Ungleichheit? Und Ähnliches mehr. Solche Fragen werden zwar am Anfang kurz an die Wand projiziert, aber man hat den Eindruck, sie treten dann sehr in den Hintergrund. Und es wäre auch vielleicht sehr schön gewesen, wenn die Ausstellung mit solchen Fragen an die Zukunft geendet hätte. Das tut sie nicht.
Fischer: Man könnte auch in Sachen Kulturhistorie noch einiges anmerken. Auch ganz detaillierte Kritik. Mir zum Beispiel waren die Bildunterschriften zu Portraits von Schiller, Goethe oder Kloppstock in einem Bereich der "Die Entstehung der deutschen Kulturnation" heißt, völlig schleierhaft, weil da bei Goethe zum Beispiel beschrieben wird, was er auf diesem Portrait für Orden und Abzeichen trägt. Ich bin mir nicht sicher, ob das einem ausländischen Touristen irgendwie wertvoll sein kann.
Kocka: Es kann gut sein, dass die einzelnen Unterschriften und Erklärungen verbesserungswürdig sind. Das wird auch geschehen und für jeden Hinweis wird die Ausstellungsleitung da auch dankbar sein. Aber im Großen und Ganzen soll man doch sehen, wie viel Zustimmung, auch von Fachwissenschaftlern, diese Ausstellung gefunden hat. Sie ist ein Erfolg. Sie ist ein großer Erfolg, wenn man vergleicht mit der Skepsis, mit der Kontroverse, mit der Ablehnung, die vorgeherrscht haben, als das ganze Unternehmen vor 20 Jahren auf den Weg gebracht wurde. Und es ist auch bedeutsam, dass die Zustimmung auch von ausländischen Rezensenten, beispielsweise in der Jerusalem Post sah ich kürzlich, gekommen ist. Erinnern Sie sich daran, dass damals gefürchtet wurde, dass da nationale Entsorgung der eigenen Geschichtslast betrieben würde und so etwas wie eine Ruhmeshalle des deutschen Volkes aufgebaut wird. Nichts davon ist der Fall, im Gegenteil. Also insgesamt doch eine sehr erfolgreiche Leistung.
Fischer: Dank an den Historiker Jürgen Kocka, er nimmt Stellung zur Kritik an der neuen Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin.
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