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25.09.2006
An vielen Schulen ist Gewalt ein beinah schon alltägliches Phänomen.  (Bild: AP) An vielen Schulen ist Gewalt ein beinah schon alltägliches Phänomen. (Bild: AP)

Fernsehfilm "Wut" wird verlegt

Autor Max Eipp zeigt alltägliche Gewalt an Schulen

Interview mit Uwe Kammann, Leiter des Grimme-Instituts in Marl

Ein jugendlicher Schüler tyrannisiert einen Mitschüler. Als das 16-jährige Opfer schließlich irgendwann ohne die neuen Turnschuhe nach Hause kommt, greift sein Vater ein und setzt damit eine Spirale der Gewalt in Gang. Den Fernsehfilm "Wut" wollte die ARD eigentlich am Mittwochabend um 20 Uhr 15 zeigen. Jetzt wurde der Film auf den späten Freitagabend verlegt.

Koldehoff: Möglicherweise weil der Film eine Realität zeigt, die einigen Verantwortlichen nicht politisch korrekt vorkommt. Der Tyrann in diesem Film ist nämlich ein türkischer Jugendlicher, heißt Can und werde, so die Einwände, zu roh und zu einseitig dargestellt. Frage an Uwe Kammann, den Leiter des Grimme-Instituts in Marl: Ist solch eine Verlegung auf den späten Freitag auch ein Verstecken?

Kammann: Man muss den Verdacht haben, dass er der Aufmerksamkeit zum Teil entzogen werden soll. Der offizielle Grund, der genannte jedenfalls, war ja, es ist zu gewalttätig an der Stelle, und das wäre dem Publikum zu einem früheren Zeitpunkt nicht zuzumuten. Dann gibt es ja bestimmte Direktiven für den Umgang mit Gewalt. Der wichtigste Punkt ist der, sie darf nicht spekulativ sein, wenn man sie zeigen will, zu einer früheren Zeit, sondern sie muss dramaturgisch begründet sein. Nach alledem - ich habe den Film leider noch nicht gesehen im Muster - aber nach dem, was ich darüber weiß und höre, ist die Gewalt dort überhaupt nicht spekulativ. Also sie wird nicht gezeigt, um aufzukitzeln, sondern sie ist tatsächlich aus der Handlung heraus begründbar. Insofern finde ich die Entscheidung an der Stelle falsch.

Koldehoff: Der WDR-Intendant Fritz Pleitgen hat ja heute der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sogar gesagt, er sei zornig über diese Entscheidung. Und dann hat er wörtlich gesagt, "der Film zeigt eine Realität, wie sie vielen Kindern und Jugendlichen begegnet, aber die wir Erwachsenen nicht wahrhaben wollen." Ist denn so etwas, Gewalt, alltägliche Gewalt, brutale alltägliche Gewalt, Stoff für die Prime Time?

Kammann: Ich finde ja. Man kann es ja schon sehen an allen Tatort-Terminen, die sind ja zum Teil auch mit Gewalt nicht gerade sparsam umgegangen, Regisseure und Autoren dort, in der Regel finde ich allerdings auch ganz berechtigt, indem man auch natürlich Situationen zuspitzen kann, aber immer eher aus der Handlung heraus gerechtfertigt. Also ich kann Fritz Pleitgen da verstehen.

Ob es, wie gesagt, die Angst ist, etwas politisch nicht korrektes zu zeigen, wenn man sagt, von ausländischen Jugendlichen geht solche Gewalt aus, das ist Spekulation für mich, aber man kann es natürlich ein bisschen so vermuten. Ich finde, dass solche Stoffe, die ja viele Menschen, die davon umgetrieben werden, richtig beschäftigen, genau an diese Stelle gehören. Und da können sie im besten Sinne dazu beitragen, dass Fernsehen etwas über unsere gesellschaftliche Befindlichkeit sagt.

Das hat ja auch der Regisseur des WDR, Wolf-Dietrich Brücker, als sein Ziel ausgegeben und er hat natürlich auch gesagt, das ist kein Bügelfernsehen, man muss hinkucken, auch wenn es schwer fällt. Aber das genau, finde ich, ist die Aufgabe von einem Fernsehen, das gesellschaftlich etwas Bedeutsames darstellen will und das ja auch zur Diskussion auffordern will, das sagt, man darf nicht wegkucken. Man muss sich dieser Dinge bewusst werden. Und die Vorgänge an der Rütli-Schule in Berlin, die dann auf einmal so wie ein Feuerwerk nach außen geplatzt sind, jetzt im negativen Sinne, zeigen, dass es da natürlich etwas gibt, wo die meisten erst einmal erschrocken tun. Aber sie haben vorher entweder nicht genau hingeschaut, oder sie haben aus bestimmten Gründen weggeschaut. Beides, finde ich, ist falsch.

Koldehoff: Nun ist ja das öffentlich-rechtliche Fernsehen, wie auch der Rundfunk, dem Proporz, also der Ausgewogenheit verpflichtet. Kann es denn sein, dass es da einfach nicht sein darf, dass thematisiert wird, jugendliche Ausländer üben Gewalt aus?

Kammann: Nein, also das hat mit Proporz nichts zu tun. Das geht ja in der Regel um politische Positionen und das heißt ja auch nur, dass das gesamte Programm in sich vielfältig sein muss. Also das ist hier kein Gesichtspunkt, der in irgendeiner Weise zu bedenken wäre.

Koldehoff: Aber man könnte ja zum Beispiel verlangen, es müsste dann auch darauf hingewiesen werden, dass natürlich der überwiegende Teil der ausländischen Jugendlichen nicht gewalttätig ist.

Kammann: Das ist so eine besänftigende Debatte, die finde ich ganz falsch. Das hat man bei anderen Problemen ja auch nicht, dass man immer gleich die Gegenmuster mit vorführt, um das zu entschärfen. In diesem Falle soll ja auch eine Diskussion im Anschluss an den Film gesendet werden. Das war übrigens auch schon vor der Verlegung beabsichtigt. Ich kann mich erinnern, dass es bei dem Film "Schande", vor einigen Jahren, wo es um Inzest ging und dann um den Selbstmord eines Mädchens darauf, auch eine Diskussion in der ARD gab. Der Film wurde auch spät gezeigt und er wurde dann auch mit einer Diskussion begleitet. Da allerdings hat die Diskussion dem Thema eigentlich ganz gut getan, weil man sagt, für die Zuschauer, die Näheres wissen wollen, man kann es dann hinterher einordnen, man bietet eine gewisse Orientierung.

Also das muss nicht unbedingt ein pädagogischer Notbehelf sein, um etwas zu entschärfen und dann hinterher totzureden. Sondern das, finde ich, sollte eher viel öfter im Programm sein, dass man sagt, eine Diskussion ist nicht punktuell, sondern sie hat einen Rahmen. Und man kann daraus bestimmte Schlüsse ziehen und man kann auch ganz verschiedene Standpunkte dazu einnehmen. Aber bitte eben nicht, um politisch korrekt zu sein und Phänomene schönzureden, oder in einem anderen Licht darzustellen, die tatsächlich viele in unserer Gesellschaft beschäftigen.

Koldehoff: Uwe Kamman, vielen Dank, Leiter des Adolf-Grimme-Instituts in Marl, über die Entscheidung der ARD, den Fernsehfilm "Wut" lieber am späteren Abend zu zeigen.


 
 

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