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31.01.2007
Der türkische Autor Orhan Pamuk  (Bild: AP) Der türkische Autor Orhan Pamuk (Bild: AP)

Senocak: Pamuk wird in der Türkei bedroht

Moderation: Stefan Koldehoff

Der deutsch-türkische Schriftsteller Zafer Senocak hat Verständnis für die Absage der Lesereise des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk geäußert. Pamuk werde in der Türkei massiv bedroht, erklärte Senocak.

Stefan Koldehoff: Ich bin verbunden mit Orhan Pamuks Kollegen, dem Schriftsteller Safer Senocak. Herr Senocak: Können Sie die Absage nachvollziehen?

Zafer Senocak: Ich kann die Absage nachvollziehen. Ich denke aber, dass es nichts mit Deutschland zu tun hat, sondern dass Herr Pamuk zur Zeit einfach nicht reisen möchte. Er wird ja massiv bedroht in der Türkei, aber insgesamt, denke ich, ist er ein Mann, der die offizielle Geschichtsschreibung und die offizielle Selbstwahrnehmung der Türkei gefährdet und eben auch junge Türken anspricht, und das macht ihn gefährlich in den Augen der Nationalisten und der radikalen Kräfte in der Türkei.

Koldehoff: Was glauben Sie, diese Menschen, die da Gewalt ausüben bis hin zum Morden, sind das einsame Desperados oder haben die Rückhalt im Staat und in der Bevölkreung?

Senocak: Ich befürchte, sie haben Rückhalt. Das ist eigentlich die Tragik der ganzen Angelegenheit. Die demokratischen, offenen Kräfte in der Türkei haben es bisher nicht geschafft, wirklich Gewicht zu erlangen. Es gibt natürlich viele Stimmen wie Pamuk, die sich kritisch gegenüber der Geschichte äußern, die eine Öffnung der Türkei möchten, die eine Demokratisierung des Landes anstreben. Aber diese Kräfte - so scheint es - sind in der Minderheit, und die Bevölkerung ist entweder indifferent, unbeteiligt, oder sie ist tatsächlich auch radikal, nationalistisch eingestellt.

Koldehoff: Nun sagt ja die Regierung immer wieder, man wolle demokratischer werden, man wolle nicht zuletzt damit auch den Eintritt in die EU schaffen. Warum gelingt es denn nicht, diese nationalistischen Kräfte und auch diese gewaltbereiten Kräfte tatsächlich in engere Grenzen zu zwingen?

Senocak: Die Regierung ist tatsächlich der Schwachpunkt, weil trotz der ganzen Äußerungen verbaler Art und der formalen Reformen, die doch erfolgt sind in der Türkei, hat sie es bisher nicht geschafft, das Klima zu wenden Richtung Europa. Nun muss man auch sagen, der Regierung bläst natürlich auch der Wind ins Gesicht von Europa. Es gibt ja in Europa auch viele kritische Stimmen über eine Mitgliedschaft der Türkei in der Union, und oft haben diese Äußerungen auch dazu geführt, dass die Reformkräfte geschwächt worden sind in der Türkei, und man muss sich in Europa auch überlegen, ob das der richtige Weg ist.

Koldehoff: Nun könnte ja ein erster Schritt oder ein ganz wesentlicher Schritt vielleicht, wie Michael Krüger heute auch im Deutschlandfunk gesagt hat, der Schritt sein, endlich diesen Paragrafen 301, der die Herabwürdigung des Türkentums unter Strafe stellt, abzuschaffen. Ist das eine Möglichkeit?

Senocak: Richtig! Das ist Ausgangspunkt der Problematik gewesen, weil dieser Paragraf zwar nicht zur Verurteilung bisher vor allem in den meisten Fällen der Angeklagten geführt hat, aber, ja, zu ihrer Entblößung und zu ihrer Schaustellung. Die Regierung müsste schleunigst diesen Paragrafen abschaffen oder zumindest so abmildern, dass solche Prozesse wie gegen Pamuk nicht mehr stattfinden können. In der Türkei muss insgesamt nachgedacht werden über einen Wandel, über einen gesellschaftlichen Wandel, der zum Beispiel auch die Schulbücher erfasst. Die Schulbücher sind nach wie vor sehr doktrinär in der Türkei. Es kann nur in einem doktrinären, ideologisch angeführten Staat so etwas kommen, und ein solcher Staat und ein solches Land hat in Europa natürlich keinen Platz.

Koldehoff: Wie kommt es denn überhaupt, dass ein Romancier wie Orhan Pamuk als politische Kraft wahrgenommen wird?

Senocak: Das ist eine interessante Frage, weil Pamuk eigentlich im engeren Sinne kein politischer Schriftsteller ist. Er hat sich selber auch nie so verstanden. Er hat aber Themen angefasst, die hochpolitisch sind. Er hat die türkische Gesellschaft tiefgehend beschrieben - wie kein anderer vor ihm -, und zwar eben mit all ihren Ängsten, ihren Sorgen, ihren, ja, pathologischen auch Selbstbeschreibungen teilweise. Er hat die verschiedenen politischen Lager sehr kritisch unter die Lupe genommen. Er hat Figuren gezeichnet, die eben nicht in Schwarz-Weiß-Bilder und schon gar nicht in ideologische Vorstellungen passen. Er ist ein Kritiker der türkischen Modernisierung, aber eben auf dem Boden der Moderne, insofern ein sehr wertvoller Schriftsteller.

Koldehoff: Nun werden ja solche Schriftsteller - auch Sie nicht zuletzt durch das Gespräch, dass wir jetzt gerade führen - immer wieder nicht als Literat, sondern als politisch denkende Menschen zu Verhältnissen in der Türkei gefragt. Wie fühlt man sich, wie fühlen Sie sich beispielsweise, wenn Sie jetzt nicht als Schriftsteller, sondern als Mensch mit Kenntnissen der Türkei befragt werden?

Senocak: Also das ist eine sehr zweischneidige Sache. Einerseits ist man natürlich gerade in dieser Zeit angehalten, Stellung zu beziehen, und zwar eben auch als ein Mensch, der aus der Türkei stammt, im Falle von Pamuk auch als Bürger der Türkei, in meinem Fall als jemand, der in diesem Land geboren ist, der dieses Land genau beobachtet, über das Land schreibt. Das ist sicherlich nicht zu vermeiden. Die Hoffnung bleibt, dass solche Gespräche irgendwann einmal überflüssig werden.

Koldehoff: Welche Hoffnung bleibt für Orhan Pamuk, wird er irgendwann - es heißt, die Reise sei nicht abgesagt, sie sei nur mal erst verschoben -, wird er irgendwann kommen?

Senocak: Ich denke, schon. Orhan Pamuk muss sich frei bewegen können in der Türkei. Sollte es nicht gelingen, Orhan Pamuks Wort- und auch Bewegungsfreiheit zu garantieren, wird auch die Türkei große Schwierigkeiten bekommen.


 
 

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