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12.04.2007
Joshua Bell (Bild: Brandenburgische Sommerkonzerte) Joshua Bell (Bild: Brandenburgische Sommerkonzerte)

Wenn Kunst aus dem "Rahmen" fällt

Zu den neuen Erfahrungen des Geigers Joshua Bell als Straßenmusikant in der Metro von Washington

Von Burkhard Müller-Ullrich

Im Himmel werden öfters solche Experimente gemacht: Gott steigt herab auf die Erde, mischt sich unerkannt unter die Menschen und ist dann meist ziemlich frustriert von ihrer Dummheit und Gemeinheit. Die Dichter und Schriftsteller berichten seit Jahrtausenden von solchen Vorkommnissen. Und die Washington Post hat solch eine Szene kürzlich mit eigenen Mitteln nachgestellt. Sie hat einen der größten Geiger unserer Zeit, Joshua Bell, an einem Werktagmorgen um kurz vor acht in eine Washingtoner U-Bahn-Station geschickt und gebeten, Bach zu spielen. Er tat das 43 Minuten lang, 1097 Menschen liefen an ihm vorbei, die meisten ohne ihn und seine Arpeggios zu beachten, ganz wenige zuckten kurz zusammen und griffen nach dem Portemonnaie. Im Geigenkasten landeten 32,17 Dollar.

Das alles wurde von einer versteckten Kamera aufgezeichnet und zu einer großen Reportage für das Sonntagsmagazin der Washington Post aufbereitet. Nur: was kann man aus der ganzen Konstellation lernen? Dass die meisten Leute Bachs Partita Nr. 2 in d-moll nicht kennen und daher auch nicht erkennen? Das bedarf wohl keines derart aufwendig geführten Beweises. Oder Dass weder die künstlerische Qualität noch die schiere Virtuosität der Darbietung einem unvorbereiteten Publikum irgendwie auffallen? Das ist zweifellos ein trauriger Befund, aber bittesehr: niemand hatte mehr als ein paar Sekunden, um das Außerordentliche zu entdecken, und selbst wenn jemandem etwas aufgefallen wäre, pünktliches erscheinen am Arbeitsplatz geht vor. Schon der Prediger Salomo wusste, es gibt eine Zeit zu lieben und eine Zeit zu hassen und eine Zeit, um klassische Musik zu hören.

Irgendwie jedoch scheinen diejenigen, die sich diese Versuchsanordnung ausgedacht haben, der Auffassung zu sein, Dass große Kunst eine Art Wunderwirkung haben müsse: Werktätige bleiben verzaubert stehen, der Nebel des Alltags reißt auf, die Diamantstrahlen der Musik verwandeln einen scheinbaren Straßengeiger zurück in Joshua Bell. Diese Auffassung ist sympathisch, aber obsolet. Seit rund hundert Jahren wissen wir, Dass Kunst zu einem wesentlichen Teil in ihrer Behauptung besteht. Die Konzertkarte ist der Garantieschein für das Musikerlebnis, das Museum macht die ausgestellten Werke erst bedeutsam. Daraus folgt umgekehrt, Dass große Kunst zur Straßenmusik wird, wenn sie auf der Straße oder in einer U-Bahn-Station dargeboten wird.

Immerhin dürfen jetzt alle Straßenmusiker davon träumen, für Joshua Bell gehalten zu werden. Denn solche himmlischen Inkognito-Geschichten dienen immer dazu, die Menschen aufzufordern, besser auf einander zu achten. Dabei könnte sich sogar herausstellen, Dass der eine oder andere Joshua Bell tatsächlich unentdeckt an Straßenecken spielt.


 
 

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