Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
30.04.2007
Der mit britischem Pass in New York lebende Schriftsteller Salman Rushdie. (Bild: AP) Der mit britischem Pass in New York lebende Schriftsteller Salman Rushdie. (Bild: AP)

"Heimat und Ferne"

Eine Bilanz des Literaturfestivals des US-amerikanischen PEN in New York

Von Max Boehnel

Das Motto des Festivals "Home and Away" - Heimat und Ferne oder genauer "Daheim und weg von daheim" rief Assoziationen wie "Exilschriftsteller" und "Exilliteratur" wach. Doch das Schicksal des Schriftstellers, der aus politischen Gründen sein Herkunftsland flieht und sich im Ausland mühsam zurechtfinden muss, blieb als Gegenstand der Betrachtung eine Ausnahme. Der amerikanische PEN hatte unter der Leitung des umtriebigen Salman Rushdie Selbstbespiegelungen, die Schriftsteller auf Literaturfestivals gerne betreiben, einen Riegel vorgeschoben und das Motto "Home and Away" so weit gefasst, dass die thematische Bandbreite von postkolonialer Literatur und Kriegsjournalismus über Erotik und politische Gefangene bis zur Klimapolitik reichte. War das World Voices Festival nach dem 11. September 2001 ins Leben gerufen worden, um isolationistischen Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft symbolisch entgegenzutreten, so dominierten fünfeinhalb Jahre später globale Themen. Eine Podiumsdiskussion zum Thema Umweltschutz leitete Salman Rushdie beispielsweise so ein:

Für viele Schriftsteller sind Begriffe wie Heimat, Ferne, Zugehörigkeit und Ort wichtige Motive ihrer Arbeit geworden. Es ist das Zeitalter der Migrationsbewegungen. Von daher bietet sich als Auftakt die Beschäftigung mit der Heimat aller an, mit dem Planeten, und wie wir damit umgehen.

Im amerikanischen Kontext ist grünes Umweltbewusstsein freilich neu. Die Themen Klimaschutz und globale Erderwärmung spielen in der breiten Öffentlichkeit erst seit Al Gores Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" vor eineinhalb Jahren eine Rolle. Amerikanische Schriftsteller geben sich dabei noch etwas unbeholfen, wie etwa Jonathan Franzen, der durch seinen Roman "Die Korrekturen" vor wenigen Jahren weltweit Furore machte, in Punkto Umwelt aber noch um Worte ringt.

Menschen haben die ethische Verpflichtung, sich auch mit anderen Tieren als nur mit sich selbst zu beschäftigen, der Planet ist noch nicht ganz tot, aber der Klimawandel wird viele Gattungen ausmerzen, wenn wir nicht mehr tun.

Der Neu-New-Yorker Schriftsteller Gary Shteyngart gab sogar zu, sich als Stadtbewohner erst seit einem Jahr mit dem Thema Umwelt zu befassen. Wie sich globalisierte Städte auf das Bewusstsein ihrer Bewohner und auf den Heimatbegriff von Weltbürgern auswirken - darüber reflektierten die beiden Jungschriftsteller Pico Iyer und Suketu Mehta, beide aus indischen Elternhäusern stammend, aber seit zwei Jahrzehnten in den USA beziehungsweise Japan zuhause. Mehta, der eine amerikanische Greencard besitzt, repräsentiert eine kleine, aber wachsende Schar von Schriftstellern, die den Nationalstaaten und dem traditionellem Heimatgefühl bewusst ihr Weltbürgertum entgegenstellen.

Home - das ist für uns kein geographisch zusammenhängendes Gebiet, wir haben vielleicht ein Zimmer in NY, eine Unterkunft in Bombay, ein kleines Büro in Paris und einen Schreibtisch in London. Das heißt nicht, dass wir Millionäre sind, die überall ein Haus besitzen, weil wir uns vielleicht nur auf der Couch eines Cousins niederlassen. Bildlich gesprochen können wir und zwischen all den Zimmern in diesen Grosstädten hin-und herbewegen. Der Begriff Exil verliert schlichtweg an Bedeutung, wenn man für 800 Dollar nachhause und wieder zurück fliegen kann.

Pico Iyer, der indische und britische Wurzeln hat, lebt seit zwei Jahrzehnten in Japan mit einem Touristenvisum und ist Reiseschriftsteller. Heimat und Ferne stellen sich für ihn so dar:

Ich fühle mich wirklich zur Hälfte überall zuhause, und zur anderen Hälfte dort, wo ich gerade lebe. Es gibt ja diesen Satz, der besagt, jeder hat zweierlei Heimat, den Ort, wo er geboren ist, und Amerika. Ich würde Amerika ersetzen mit New York und ein paar weiteren globalen Städten, wo jeder Kosmopolit immer auf Gleichgesinnte stößt.

Schreibende Kosmopoliten mit gültigen Reisedokumenten repräsentieren freilich nicht die große Mehrzahl der Migranten, die ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen eines Kriegs verlassen, und laufen Gefahr, die globalen Städte zu glorifizieren, statt ihren sozialen Verwerfungen auf den Grund zu gehen. Das Festival-Motto und die Auswahl der Themen zog dieses Jahr eine überraschend große Zahl von Zuhörern aus dem Spektrum von Nichtregierungsorganisationen an. Yifat Susskind, die die New Yorker Menschenrechtsorganisation "Madre" vertritt, hält das Pen-Festival für einen viel versprechenden Versuch, Schriftstellerei wieder zum politischen Vehikel zu machen.

Die meisten Themen seien politischer Art gewesen und hätten mit ihrer internationalen Besetzung hervorgestochen, sagt Susskind - was für sich genommen schon ein politische Akt sei, angesichts der Tatsache, dass nur drei Prozent der Buchveröffentlichungen in den USA Übersetzungen ausländischer Autoren sind. Schriftsteller hätten in den USA außerdem nicht den gesellschaftlichen Stellenwert wie in Europa. Das Festival, lobt sie zurecht, sei ein Weg, um Schriftsteller auf die politische Bühne zu bringen.




 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 21:05 Uhr
Konzertdokument der Woche
Nächste Sendung: 23:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kultur heute

Das Barents Spektakel in Norwegen

Sendezeit: 12.02.2012, 17:52

Auerbach-Requiem Frauenkirche Dresden

Sendezeit: 12.02.2012, 17:46

Rossinis "Otello" an der Oper Zürich - Thomas Voigt im Gespräch

Sendezeit: 12.02.2012, 17:41

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link