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28.06.2007
Literarische Lesung oder "Internationaler Frühschoppen"? (Bild: AP) Literarische Lesung oder "Internationaler Frühschoppen"? (Bild: AP)

Auftakt zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt

Moderation: Karin Fischer

Der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt wird geliebt, von den Scouts und Experten der Branche, wenn sie ihren Kandidaten oder ihre Kandidatin hin- oder sogar durchbringen. Klagenfurt wird gehasst - immer von denen, die in diesem Jahr nicht dabei sind. Was aber schlimmer ist: Klagenfurt gilt als zäh und langweilig.

Karin Fischer: Kein größerer Unterschied ist denkbar zwischen den inzwischen ins Mythische gewachsenen Erzählungen von den Debatten etwa einer "Gruppe 47" und dieser Vorleseveranstaltung, die nicht unbedingt besser davon wird, dass sie - trickreich mit Spiegeln versehen - im Fernsehen übertragen wird. Buchauszüge vorgelesen bekommen im Fernsehen, das muss für den Literaturkritiker ungefähr so anregend und instruktiv sein, wie die Übersetzung der Nachrichten in Gebärdensprache für uns Normalhörer. Frage an meinen Kollegen Denis Scheck: Sie waren schon in Klagenfurt als Juror, leiden Sie jetzt sehr vor dem Fernseher?

Denis Scheck: Im Gegenteil, ich amüsiere mich wie Bolle. Wenn natürlich die mediale Übertragung von Texten nur Schmerzen auslösen würden, dann, Frau Fischer, müssten wir in Deutschlandfunk natürlich jegliche, literarische Lesungen ebenfalls einstellen. Also, nein, nein, das kommt schon auf die Qualität des Textes und die Qualität des Vortrags an, ob man sich da - ob vor dem Fernseher oder vor dem Internet oder dann eben vor den Radio - amüsieren kann oder nicht. Man kann sich eigentlich sehr gut amüsieren in Klagenfurt. Ich habe mich ja immer gewundert, warum die Organisatoren dieser Tage der deutschsprachigen Literatur nicht RTL verklagt haben für "Deutschland sucht den Superstar", denn ganz offenbar wurde ja da ihr Erfolgsmodell schamlos plagiiert. Und nun, ist doch schön, wenn es das auch in der intellektuellen Ausspielversion gibt.

Fischer: Im letzten Jahr hat zu Beginn des 30. Bachmann-Wettbewerbs unter dem Titel "Kritik ohne Kriterien" Raul Schrott mit dem Klagenfurter Betrieb abgerechnet und prompt wurde Kathrin Passig gekürt, die ihr Talent vor und nach Klagenfurt im Netz auslebt. Frage: Wem nützt dieser Betrieb eigentlich?

Scheck: Damit sagen Sie das so, dass diese Kathrin Passig im Netz geschrieben hat, als würden wir vor 100 Jahren reden und es käme raus, die Preisträgerin sei früher mal auf den Strich gegangen, um Gottes Willen.

Fischer: (lacht)

Scheck: Ich habe nichts gegen Autoren, die ihr Geld im Internet verdienen. Das ist ein ganz wunderbares Medium, einige meiner besten Freunde haben da schon veröffentlicht. Nur kein Mediendünkel! Wissen Sie, es gibt natürlich immer einen Weg, ...

Fischer: Natürlich nicht. Es war eine Premiere, sagen wir es mal so.

Scheck: ... in den deutschen Literaturbetrieb, der über Klagenfurt, über die Teilnahme führte, und es gibt, wie bei allem, einen Weg drum herum. Beides hat sehr gute Gründe. Man muss wissen, auf was man sich einlässt, Naivität wird, wie meistens im Leben, bestraft. Mit anderen Worten: Natürlich produziert Klagenfurt wie jede derartige Veranstaltung mehr Verlierer als Sieger. Folglich wird im Laufe der Jahre die Zahl der Klagenfurt-Kritiker ganz einfach schon wachsen dadurch, dass die Zahl derjenigen, die da leer ausgehen oder in der Jury vielleicht nicht ganz so bella figura machten, logischerweise wachsen.

Fischer: Einfache Rechnung.

Scheck: Das ist eine einfache Rechnung. Aber ich bin seit jeher ein großer Anhänger von diesem Klagenfurt gewesen, weil es mir einen sehr demokratischen Zugang zum Betrieb ermöglicht, sowohl für die Teilnehmer, wie auch für Menschen, die einfach sich mal ein Bild davon machen wollen, wie denn eine literarische, ästhetische Auseinandersetzung auch in den Diskussionsrunden der Jury abläuft. Das ist jeweils eine sehr schöne Stimmprobe sowohl von der Literatur, einer, ja, meistens dann doch jungen Autorengeneration, wie auch des kritischen Bestecks sozusagen, das von Literaturkritikern gerade benutzt wird. Man muss es allerdings vielleicht ein bisschen abgerüstet, ideologiefrei und vorurteilsfrei sehen, man darf sich nicht mehr davon erwarten wie von einer, ja, anderen Art von Fernsehsendung, dem schon erwähnten "Deutschland sucht den Superstar" vielleicht.

Fischer: Nun haben Sie sich, laut eigener Aussage, heute schon vor dem Fernseher amüsiert. Dann müssen Sie auch noch erzählen worüber, über wen, über was für eine Art von Text?

Scheck: Ich habe mich sehr amüsiert heute Morgen über einen Text von Thomas Schmid, der ein Kosmonautenschicksal beschrieb, das war jemand, der mit großem Wortwitz - Formulierungen, die mir in Erinnerung sind, wie "die meisten Menschen sind noch nicht an ihre Grenzen gegangen, denn sonst hätten sie mich da gefunden" - operierte und eine schöne, anrührende Liebesgeschichte schrieb, die mich so ein bisschen erinnerte an die amerikanische Autorin, James Tiptree, hatte so etwas leicht sciencefictionhaft Verspieltes. Heute Nachmittag zu hören war Erik Albrecht, der "Performance spoken words slam poetry"-Elemente in seinen Text brachte, zum ersten Mal mit großem, technischem Aufwand da las. Und da war es doch sehr interessant zu sehen, wie die Jury auf diesen medialen Angriff für die Form Klagenfurt in meinen Augen sehr souverän reagierte, wie ich überhaupt diese Jury in diesem Jahr sehr angenehm, sehr stark empfinde, jedenfalls am ersten Tag.


 
 

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