Die Bibliotheken sind im Wandel begriffen: Ihre klassische Rolle noch ausfüllend, setzen sie zugleich zunehmend auf Digitalisierung. Moderne Technologie und weltweite Verzahnung sind die Themen beim diesjährigen Weltkongress des Bibliothekenverbandes in Durban. Claudia Lux, deutsche Präsidenten des Weltverbands der Bibliotheken, äußert sich zu den wichtigsten Fragen.
Doris Schäfer-Noske: Zweimal schon kamen die Präsidenten des Weltverbandes der Bibliotheken aus Deutschland. 1958 bis ‛63 war Gustav Hofmann an der Spitze des Verbandes, von 1985 bis ‛91 dann Hans-Peter Geh. Diesmal ist eine Frau gewählt worden: die Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Claudia Lux. Sie soll das Amt zunächst bis 2009 bekleiden, und zurzeit nimmt sie im südafrikanischen Durban am diesjährigen Weltkongress des Verbandes teil, bei dem sie am Donnerstag dann in ihr neues Amt eingeführt wird. Ich hab sie zunächst nach den dringlichsten Aufgaben gefragt, vor denen der Weltverband der Bibliotheken zurzeit steht.
Claudia Lux: Also, ich denke, es sind drei wesentliche Bereiche. Das eine ist die Herausforderung natürlich immer noch auch der Technologie und das Umsetzen eben nicht nur in den entwickelten Ländern, sondern auch gerade in den in Entwicklung sich befindenden Ländern. Das Zweite ist auf jeden Fall die Frage: Wie können wir es erreichen, dass man in vielen Bereichen - nicht nur im Bereich von Kultur und Bildung - auf die Tagesordnung der Politik kommt? Denn Information ist eigentlich überall gefragt, und Bibliotheken haben genau dieses anzubieten. Und das Dritte ist, dass wir stärker auch auf die Vielsprachigkeit in der Welt und auf die kulturelle Vielfalt achten wollen.
Schäfer-Noske: Wie weit ist man denn weltweit bei der Digitalisierung bei den Bibliotheken?
Lux: Es wird ganz, ganz viel digitalisiert, in allen Ländern, auch in vielen Entwicklungsländern. Und man kann sehr deutlich sagen, dass das Entscheidende aber ist: Wie wird das Ganze miteinander verbunden, welchen Zugriff wird man in Zukunft auf diese Digitalisate haben und was wird zur Digitalisierung ausgewählt? Denn etwas zu digitalisieren ist der eine Schritt, ist dann aber so zu organisieren, dass es auch zugänglich wird, das ist das, was im Moment auch hier Diskussionsthema ist.
Schäfer-Noske: Welche Rolle spielt denn das Internet mit seinen Suchmaschinen, mit seinen Foren und auch Online-Lexika wie Wikipedia zum Beispiel für die Bibliotheken heute?
Lux: Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind ganz aktiv in Wikipedia eingebunden. Sie schreiben selber, sie nutzen es natürlich, es ist ein ganz wichtiges Instrument. Und auch bei den anderen Bereichen gibt es jetzt so was, wir nennen es "Library 2.0", also "Bibliothek 2.0", die genau diese Elemente aufgreifen. Es gibt also schon Bibliotheken, die natürlich ihre eigenen Blogs haben, die Podcast machen, und es gibt sehr gute Beispiele.
Zum Beispiel, es ist eine Bibliothek für die Aborigines in Australien, die normalerweise ihre Geschichte mündlich weitergeben, die also gar nicht eine Schriftkultur in dem Sinne entwickelt haben. Und mit Büchern kann dort eine Bibliothek natürlich auch ausgestattet sein, aber sie bringt dann gleich eine andere Kultur rein. Und wenn man sich identifizieren möchte, dann ist das heute möglich, dass man eben die aus den Familien dort befragt, dass man diese Geschichten aufnimmt und dass sie dann im Podcast in dem Internet zur Verfügung stehen und damit eine neue Art von Bibliothek aufgebaut wird. Und solche Beispiele hier, das ist das Besondere, was diesen Weltverband auch ausmacht.
Schäfer-Noske: Sie haben schon über die Schwierigkeit der Auswahl gesprochen, denn durch das Internet, aber auch durch die steigende Zahl von Veröffentlichungen gibt es immer mehr, was eigentlich von den Bibliotheken ausgewertet werden muss. Wie geht man damit um?
Lux: Ja, das ist eine große Herausforderung, und wir gucken nach den Möglichkeiten: Was kann man automatisieren, was kann man vereinfachen? Wir tauschen unsere Systematisierung, unsere Überlegungen dazu auch, das tauschen wir untereinander aus. Und wir versuchen natürlich auch vieles von anderen Bibliotheken zu übernehmen, sodass man eben sehr, sehr stark kooperativ arbeitet.
Schäfer-Noske: Früher gab es ja manche Werke, die man nur über die Fernleihe von einer anderen Bibliothek bekommen konnte. Wie funktioniert das heute?
Lux: Auf der einen Seite zum Beispiel, wenn es jetzt ein gedrucktes Werk ist, dann ist es immer noch so, dass man das über die Fernleihe bestellt. Aber gerade mit den digitalen Werken ist es ja so, dass es am günstigsten wäre, diese würden direkt zugänglich im Internet sein und die Bibliothekare würden nur drauf hinweisen: Dort und dort kann man sie herunterladen. Das Problem ist im Wesentlichen: Was kostet das denjenigen, der es benötigt, und wie frei ist sozusagen diese Information?
Und wenn Bibliotheken es wie vorher die Bücher gekauft haben, jetzt dieses Elektronische kaufen, das heißt, sie zahlen dann eine gewisse Art von Lizenzen, und da muss es eine vernünftige Abstimmung geben, dass eben Bibliotheken auf der einen Seite das Recht haben, zumindestens ihren Nutzern vor Ort alles, was elektronisch vorhanden ist, auch voll zur Verfügung stellen zu können. Wir versuchen natürlich auch, uns da international zu vernetzen und die positiven Ergebnisse zu nutzen und für andere Länder dann wieder auf die Tagesordnung zu bringen.
Schäfer-Noske: Das war die neue Präsidentin des Weltverbandes der Bibliotheken, Claudia Lux. Sie ist Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die in ein paar Jahren im Humboldt-Forum eine Dependance erhalten wird.
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