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06.12.2007
Justitia. (Bild: Stock.XCHNG / joana franca) Justitia. (Bild: Stock.XCHNG / joana franca)

"Es gibt weiterhin Übergriffe"

Halberstädter Intendant Bücker in Sorge über Rechtsradikalismus

Moderation: Karin Fischer

Der Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters, André Bücker, hat sich schockiert geäußert über die Aufhebung der Haftbefehle gegen drei der vier Angeklagten im Prozess um den Schauspielerüberfall in Halberstadt. Der Prozess sei von Anfang an eine Farce gewesen, sagte Bücker.

Karin Fischer: Gestern sollte Jürgen Scheer, der Oberstaatsanwalt, der im Freistaat Sachsen für die Strafverfolgung rechtsextremer Strukturen verantwortlich ist, ist, in der TU Dresden einen Vortrag über die juristischen Möglichkeiten des Umgangs mit dem Rechtsextremismus halten. Die Veranstaltung wurde von 40 Anhängern der rechten Szene, darunter mehrere NPD-Funktionäre, massiv gestört.

Heute erreicht uns die Meldung, dass im Prozess um den Überfall auf Theaterschauspieler im Juni in Halberstadt, bei dem fünf Schauspieler des Nordharzer Städtebundtheaters schwer verletzt wurden, die Haftbefehle gegen drei der vier Angeklagten aufgehoben worden sind. Das ist eine zumindest merkwürdige Wende in einem Verfahren, das von Anfang an unter merkwürdigen Vorzeichen stand.

Am Telefon verbunden bin ich mit André Bücker, dem Intendanten des Nordharzer Städtebundtheaters. Herr Bücker, wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

André Bücker: Ja, wir sind geschockt ein bisschen, aber auch nicht wirklich überrascht, weil: Sie haben das eben schon gesagt, der Prozess war von Anfang an eigentlich nicht so, dass man jetzt vermutet hätte, dass da besonders viel bei rauskommt im Sinne der Opfer. Also letztlich ist es nicht wirklich eine Überraschung.

Fischer: Woran liegt das eigentlich?

Bücker: Ja, das liegt an mehreren Faktoren, sage ich mal. Das Gericht hat zunächst überhaupt die Klage auf gemeinschaftliche Tat nicht zugelassen. Damit waren die Weichen für den Prozess schon gestellt. Und ab da war eigentlich nicht mehr zu erwarten, dass irgendwas dabei rauskommen würde.

Fischer: Es hat ja seit dem Vorfall im Juni etliche Initiativen gegeben gegen rechts, gerade aus dem Kulturbetrieb, aus der Kulturszene. Sehen Sie da irgendwelche Erfolge oder Ergebnisse?

Bücker: Tja, wir haben hier ja selber eine große Initiative gestartet, das "Auf die Plätze!"-Projekt, wo wir öffentlichen Raum bespielt haben. Ich sehe es im Moment so, dass eigentlich die Kulturschaffenden so die sind, die am meisten bewegen, weil: Polizei und Justiz bewegt nicht so viel.

Fischer: Wen bewegen Sie? Wen erreichen Sie? Erreichen Sie diejenigen, die immer schon Bescheid wissen, oder dringt das tatsächlich, kommt das an die Stelle, an die Sie es haben wollen?

Bücker: Na ja, das hoffen wir natürlich immer, dass es an die Stelle kommt, an die wir es haben wollen, dass wir eben die erreichen, die sonst eigentlich so die eher uninteressierte Masse bilden und wo man hofft, dass man die vielleicht noch aufrütteln und erreichen kann und dazu bringen kann, sich zu positionieren oder sich zumindest Gedanken zu machen. Das ist sicherlich hier in Halberstadt auch mit unserem großen Projekt und mit der großen Aufmerksamkeit, die das Projekt nach sich gezogen hat, auch zum Teil gelungen. Es ist natürlich immer schwierig, wenn dann diese Projekte wieder in die Niederungen des Alltags eintauchen müssen und sozusagen den Eventcharakter verlieren und dann eben Tag für Tag mit Leben gefüllt werden müssen. Das ist dann schon ein Problem.

Fischer: Vielleicht machen Sie es mal konkret, Herr Bücker. Was haben Sie getan? Wie sah das konkret aus?

Bücker: Na ja, wir haben hier vom Theater aus eine Initiative gestartet, wo wir alle gesellschaftlichen Gruppen, Vereine, Institutionen, Bibliotheken, aber auch Sportvereine, Museen zusammengebracht haben. Und wir haben eine Nacht lang hier in Halberstadt Orte bespielt im öffentlichen Raum, die sonst also auch von rechtsradikalen Schlägern besetzt werden, und wo sich viele Bürger der Stadt so nicht mehr hintrauen. Und das war ein großer Erfolg, da waren 6000 Leute abends auf der Straße, haben ihre Stadt sozusagen in Besitz genommen, die begangen und sind so auch sensibilisiert worden für dieses Thema.

Fischer: Es gibt immer wieder Orte, gerade im Osten Deutschlands, von denen berichtet wird, dass sich die Leute nicht mehr hintrauen. Gibt es eine aktuelle oder auch eine Dauerbedrohung auch der Kultur durch die rechte Szene in solchen kleineren Städten? Wie muss man sich das vorstellen?

Bücker: Ja, es gibt, denke ich, eine Situation, in der sich Leute nicht mehr sicher und nicht mehr wohl fühlen. Also zwei der Opfer von dem Überfall im Sommer haben auch ihren Arbeitsplatz hier gekündigt, weil sie in dieser Stadt nicht mehr leben wollen, also auch mit der Begründung, sie lieben das Theater, sie wollen hier gerne eigentlich an diesem Theater weitermachen, aber sie wollen in dieser Stadt nicht mehr sein, weil sie nicht sicher fühlen. Und dazu, also ich sage mal, um das Vertrauen zu stärken, dazu trägt die Entwicklung in diesem Prozess im Moment natürlich nicht bei.

Fischer: Womit wir wieder am Anfang wären. Was tut die Polizei, damit sich die Bürger der Stadt sicherer fühlen können?

Bücker: Weiß ich nicht, muss ich ganz deutlich so sagen. Weiß ich nicht. Wir haben sehr gut zusammengearbeitet mit der Polizei in der Vorbereitung auf das große Projekt hier, aber ich weiß nicht, was sie nachhaltig tun. Es gibt weiterhin Übergriffe. Es gibt Beschwerden, dass nichts getan wird. Ich bin im Moment, muss ich sagen, auch aufgrund der Entwicklung jetzt nicht so besonders froh gelaunt, und ich muss sagen, im Moment interessiert es mich auch gar nicht mehr. Es war von Anfang eine Farce, dieser Prozess. Also was ist, wenn Sie da waren beim Prozess, und da erleben konnten, wie die Verteidiger der Angeklagten gefeixt haben und höhnisch gelacht haben, während die Opfer über ihre Verletzungen berichtet haben, dann hat sich einem wirklich vor Ekel nur noch der Hals zugeschnürt. Und dass das Gericht das nicht unterbunden hat, das ist ein Offenbarungseid.

Fischer: Das war der frustrierte Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters, André Bücker, zu Kultur und Rechtsradikalismus in Halberstadt.


 
 

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