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11.12.2007
Abkehr von El-Kaida-Chef Bin Laden? Das Buch von "Doktor Fadl" schwört dem militanten Islamismus ab. (Bild: AP) Abkehr von El-Kaida-Chef Bin Laden? Das Buch von "Doktor Fadl" schwört dem militanten Islamismus ab. (Bild: AP)

Radikale Zäsur

Chefideologe des islamischen Terrorismus sorgt mit einem Buch für Aufsehen

Von Joseph Croitoru

Der einstige Chefideologe des islamischen Terrorismus - bekannt als "Doktor Fadl" - sitzt in Ägypten im Gefängnis. Von dort aus hat er eine Streitschrift veröffentlicht, mit der er für eine Re-Islamisierung auf friedlichem Wege plädiert. In der arabischen Welt sorgt das Buch für Aufsehen.

In Ägyptens Gefängnissen sind einige der wichtigsten Schriften islamischer Fundamentalisten entstanden, die heute zur ideologischen Grundlage einer jeden islamistischen Bewegung gehören. Hier wären etwa die von Sayyid Qutb zu nennen, dessen Aufruf zur Bekämpfung der als Ketzer verunglimpften arabischen Regime ihm 1966 schließlich die Todesstrafe einbrachte.

Seit dem 11. September ist jedoch bei den inhaftierten Islamisten in Ägypten eine gegenteilige Tendenz zu beobachten. Sie ist nicht zuletzt Ergebnis der Dialog-Politik der Mubarak-Regierung, die, verbunden mit Amnestieangeboten, inzwischen viele der Terroristen zur Unterzeichnung einer Gewaltverzichtserklärung bewegen konnte.

Eine solche gaben vor einigen Jahren auch die Anführer der sogenanntenIslamischen Gruppe" ab, auf deren Konto zahlreiche blutige Terroranschläge in Ägypten gehen. Dass sich aber ausgerechnet Sayyid Imam Abdelaziz al-Scharif, bekannt unter dem nom de guerre "Doktor Fadl", eines Tages zu diesem Schritt entschließen würde, hatte niemand angenommen.

Doch nun ist es soweit: Fadl, der mit dem El-Kaida-Anführer Ayman al-Zawahiri in den 70er Jahren die ägyptische Organisation Islamischer Dschihad"und später deren Zweigstelle in Afghanistan gegründet hatte, hat jetzt vom Gefängnis aus eine Streitschrift veröffentlicht, die die arabische Welt in Aufregung versetzt. Sie wurde in den vergangenen Wochen von mehreren arabischen Zeitungen in Fortsetzungen abgedruckt und trägt den Titel "Die Kontrolle der Dschihad-Aktivitäten in Ägypten und in der Welt". Darin schlägt der Autor, der aufgrund seiner früheren Schriften - vor allem in El-Kaida-Kreisen - als einer der wichtigsten Dschihad-Ideologen gilt, völlig neue Töne an.

Zwar betont Fadl zu Beginn seines Buches in der für Islamisten üblichen Manier die Zentralität des Dschihad in der islamischen Tradition, und auch seine Kritik an der Ausbeutung der arabischen Welt durch den westlichen Kolonialismus liefert nichts Neues. Doch gehe, so der Verfasser, die Vorgehensweise der Islamisten-Bewegungen, die sich gegen die Folgen dieser Ausbeutung und auch gegen sonstige Angriffe auf die islamische Welt zur Wehr setzten, immer wieder mit groben Verletzungen des islamischen Religionsgesetzes einher.

So seien Frauen, und Kinder ebenso, nur deshalb ermordet worden wie andere unschuldige Menschen, weil sie einer bestimmten ethnischen, religiösen oder nationalen Volksgruppe angehörten. Eine derartige Kritik aus Fadls Feder ist eine ebensolche Sensation wie sein Vorwurf, es sei auch der gute Wille jener missbraucht worden, die die Bewegung der Gotteskrieger finanziell unterstützten.

Doch der reuige Dschihad-Mentor verurteilt nun nicht nur die Bluttaten seiner einstigen Weggefährten. Er schwört auch der militanten islamistischen Ideologie ab, indem er argumentiert, religiöse Richtlinien könnten und dürften nur diejenigen erlassen, die auch über die dafür nötige Ausbildung als Rechtsgelehrte verfügten. Damit erklärt Fadl, von Beruf Arzt, nicht nur die Fatwas etwa der El-Kaida-Chefs Bin Laden und al-Zawahiri für obsolet, sondern gewissermaßen auch seine eigenen gesteht er doch gleich eingangs ein, selbst kein ausgebildeter Imam zu sein.

Dass Fadl nun dafür plädiert, einen großen Bogen um die Propagandaschriften der Dschihadisten zu machen und sich stattdessen auf den Schriftenkanon des traditionellen Islam zu besinnen, ist in der Tat revolutionär. Daraus resultiert auch sein Aufruf zum Verzicht auf Gewalt gegen die arabischen Regime, da sich diese, auch wenn sie zum Teil säkular seien, schließlich um das Wohl ihrer muslimischen Bürger bemühten.

Gesellschaften könnten, so das Credo des Autors, langfristig nur auf friedlichem Wege re-islamisiert werden. El Kaida stellen solche Äußerungen vor ein echtes Problem. Al-Zawahiri wollte denn auch schon im Vorfeld die Veröffentlichung mit der Behauptung diskreditieren, "Doktor Fadl" habe seine Abhandlung unter Folter verfasst. Von zahlreichen arabischen Kommentatoren wird Fadls Umkehr hingegen enthusiastisch begrüßt, auch wenn manch einer Zweifeln daran hat, dass der führende Dschihad-Ideologe es wirklich ernst meint und sich nicht bloß etwa eine Amnestie zu erschreiben versucht. Fadls Sinneswandel stellt nichtsdestotrotz eine radikale Zäsur dar, für ihn gibt es jetzt kaum einen Weg zurück.


 
 

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