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27.12.2007
Scheitern, aber richtig (Bild: Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski) Scheitern, aber richtig (Bild: Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Kino von der Rolle

Das "Festival des gescheiterten Films" zeigt Filme mit zu hohem Anspruch

Moderation: Christoph Schmitz

Bereits zum dritten Mail widmet sich das "Festival des gescheiterten Films" Werken, die auf interessante Weise daneben gegangen sind. Die gezeigten Filme fanden kein Publikum, keine Gnade bei der Kritik oder konnten die selbst gestellten Ziele nicht verwirklichen.

Christoph Schmitz: Warum ein Werk vollenden, wenn so schön von ihm geträumt ist, sagt in Pasolinis "Decameron" ein Freskenmaler und stellt seine Arbeit unvollendet ein, unvollständig, unfertig, scheiternd, vielleicht um die Kunst mit ihrem Elan, neue Welten zu erkunden, nicht zu gefährden. Denn die Perfektion kann durchaus der Tod der Kunst und des Schönen bedeuten. So verzichten manche Musiker jenseits der Klassik auf technische Vollkommenheit, um sich und die Welt nicht in ihr zu verlieren, sondern um im Bruch und in den Brüchen das ganz andere hervortreten zu lassen. Wie es Navid Kermani, dem Sänger Neil Young als Strategie unterstellt, in seinem Essay "Das Buch der von Neil Young Getöteten". So liegt es nahe, das Scheitern einmal an dem Medium der Gegenwart zu untersuchen, am Film. Hartwig Müller hat es getan, tut es nun zum dritten Mal mit seinem "Festival des gescheiterten Films". In dieser Woche ist es in München zu sehen, wandern wird es in den nächsten Wochen nach Wien, Frankfurt, Berlin, Leipzig, Bremen und Köln. Hartwig Müller, einige Dutzend Kurzfilme, Dokumentationen, Spielfilme, Handyfilme, Kinderfilme haben Sie für das Festival zusammengetragen, Arbeiten, die außer Ihnen fast niemand kennt. Woran sind diese Filme gescheitert, an sich selbst oder am Kino- und TV-Betrieb?

Hartwig Müller: Ich würde sagen, das geht ja fast zusammen. Sie sind gescheitert am Anspruch, den der einzelne Filmemacher, Filmemacherin an sich und sein Werk hat. Und ich sage mal, die Wahrscheinlichkeit, dass er an diesem Kontext scheitert, ist doch relativ groß.

Schmitz: Das heißt, die ästhetische Qualität reichte nicht aus. Die Filmemacher waren überfordert oder haben sich zu hohe Ziele gesetzt, sind keine professionellen oder noch nicht professionelle Filmemacher?

Müller: Ganz im Gegenteil: Wir stellen ja die Behauptung auf, dass Qualität und Scheitern zwei Begriffe sind, die sich immer mehr nähern. Das heißt, jemand der heute einen Film macht und einen hohen Anspruch an diesen Film setzt, ist mehr und mehr dem Scheitern ausgesetzt.

Schmitz: Also es sind Filme, die an ihrem großen Anspruch scheitern, der ein hoher ästhetischer Anspruch ist, ein hoher inhaltlicher Anspruch?

Müller: Und wenn Ihnen jetzt einer herkommt und sagt, ich versuche mal wirklich was Neues, dann ist das erst mal sehr schwierig, das an den Mann zu bringen. Und deswegen sage ich einfach: Wenn jemand daher geht und sagt, ich möchte einfach mal eine Produktion machen und mal ein Risiko eingehen - sei es formal, gerne auch inhaltlich -, dann ist einfach die Wahrscheinlichkeit, dass das Publikum das erstmal nicht annimmt, sehr groß, weil bevor so ein Film überhaupt zum Publikum gelangt, muss er ja erstmal etliche Hürden der Vorauswahlen überspringen. Das betrifft andere Festivals. Das betrifft Kritiker etc. etc.

Schmitz: Aber das Scheitern bedeutet in diesem Fall wirklich, dass der Anspruch des jeweiligen Kunstproduktes nicht erfüllt werden konnte. Das Scheitern war nicht Ziel der jeweiligen Produktionen, die Sie ausgewählt haben?

Müller: Nein, nein. Nein, nein. Ziel war es mit Sicherheit nicht. Es gibt natürlich Filme, die das Scheitern zum Inhalt gemacht haben. Aber die Filme, die jetzt als Film gescheitert sind, die sind meist daran gescheitert, dass sie einfach einen zu hohen Anspruch hatten.

Schmitz: Nennen Sie uns doch zwei Filme, die Sie herausragend finden oder die grandios gescheitert sind, sage ich einmal.

Müller: Ja, ich nehme jetzt mal ganz spontan einen raus. Da gibt es eine Produktion, die heißt "Wenn der Mond platzt", von einem Roland Winterstein. Der hat sich zum Thema die Defokussierung genommen. Das heißt, er hat mit ganz unscharfen Bildern gearbeitet. Ich habe damals mir den Film angeschaut und habe gedacht: Oh, Gott! Das kann man ja gar nicht erkennen. Und das ist natürlich erst bei Redaktionen abgelehnt worden. Ich finde, es hat da funktioniert. Und wir haben den Film gezeigt letzte Woche, und im Kino war eindeutig die Diskussion, dass alle gesagt haben, es funktioniert. Man kann sich darauf einlassen, unscharfe Bilder zu sehen.

Schmitz: Das heißt, Sie zeigen Filmavantgarde, die das Publikum noch nicht wahrnehmen will?

Müller: Und noch nicht wahrnehmen kann, A. B: zeigen wir natürlich auch Filme, die auch älter sind. Da gibt es von Hans Neuenfels einen Film aus den 80er Jahren, der damals überhaupt nicht funktioniert hat und der jetzt, fast 20 Jahre später, noch mal aufgelegt wird. Und wir schauen, ob vielleicht heute die Zeit ist, dass man sich so auf ein Thema wie Jean Genet heute vielleicht einlassen kann.

Schmitz: Was sagen denn diese Filme, wenn sie denn scheitern an ihrem Anspruch, technisch oder ästhetisch, über ihr eigenes Thema hinaus? Anders herum gefragt: Welche These, welche Ideen verfolgen Sie mit diesem Festival?

Müller: Ich bin selber Filmemacher. Und ich weiß, was es bedeutet, einen Film zu machen. Und ich weiß, was es bedeutet, diesen Trennungsschmerz zu erleben quasi. Ich sage immer, jemand, der scheitert, der leistet Trauerarbeit. Und jemand, der trauert, der traut sich auch. Und aus diesem Trauen kommt so etwas wie Mut. Und das betrifft Filmemacher insbesondere, weil die so wahnsinnig viel Zeit, Geld und Liebe reinstecken in diese Produktionen. Ich habe mir bei diesem Festival zur Aufgabe gemacht, nicht zu suchen, warum ich einen Film ablehne, sondern zu suchen, warum ich einen Film annehme. Das ist eine ganz andere Herangehensweise. Diesen Lernprozess machen die Zuschauer auch mit, weil die kommen zum Festival ohne eine gewisse Erwartungshaltung. Die Zuschauer, die im letzten Jahr da waren und die jetzt auch in diesem Jahr da waren, die waren alle sehr überrascht, weil sie sich überraschen ließen, weil sie keine Erwartungen hatten.

Schmitz: Das heißt, Ihr Festival ist auch eine Art Schule des Sehens?

Müller: Könnte man so sehen, ja.


 
 

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