Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
06.02.2008
Italiens ehemaliger Premier Silvio Berlusconi (Bild: AP) Italiens ehemaliger Premier Silvio Berlusconi (Bild: AP)

Politchaos und Kultursumpf

Italiens Intellektuelle fürchten Silvio Berlusconis Rückkehr

Von Thomas Migge

Italien wählt am 13. und 14. April ein neues Parlament. Eine Wahlrechtsreform, auf die viele gehofft hatten, wird allerdings nicht kommen. Mit dem alten System, das den Italienern jetzt die 61. Regierung Italiens seit dem Ende des zweiten Weltkriegs bescherte, bleibt auch die Sorge um die Handlungsfähigkeit des Parlaments. Noch größer aber ist zumindest unter Künstlern und Intellektuellen die Befürchtung, dass Silvio Berlusconi wieder ans Ruder kommt.

"Schauen Sie, das ist ein großes Problem. Ich glaube, es ist bekannt, dass mein Herz nicht für gewisse Leute aus gewissen Mitte-Rechts-Kreisen schlägt. Berlusconi will so schnell wie möglich an die Macht. Die dringend notwendige Wahlrechtsreform interessiert ihn überhaupt nicht. Er will nur seine Macht wieder ausüben."

Italiens berühmtester Krimiautor Andrea Camilleri, der Vater des "Commissario Montalbano", findet die Vorgänge der letzten Tagen, so seine Worte, "unerhört und skandalös". Starfotograf Oliviero Toscani geht noch einen Schritt weiter: er sieht schlimme Zeiten auf Italien zukommen:

"Es ist diese ganze Art wie die meisten Italiener denken, wie sie es ignorieren, dass ein Interessenkonflikt zwischen dem Medienunternehmer und dem Spitzenpolitiker Berlusconi besteht. Wenn der jetzt noch mal regiert, dann wird er sein Projekt der totalen Medienkontrolle perfektionieren. Vielleicht erklärt mir mal jemand, warum immer noch so viele Landsleute so einen Mann wählen wollen."

Die Möglichkeit der Neuauflage einer Regierung Berlusconi entsetzt viele Italiener. Vor allem Intellektuelle. Künstler, Filmemacher, Schauspieler und Literaten warnen seit Tagen mit Artikeln und Kommentaren vor diesem Szenario. Eine Realität, die unausweichlich scheint, angesichts der geplanten Auflösung des Parlaments und der für Anfang April erwarteten Neuwahlen. Alle Meinungsumfragen stimmen darin überein, dass Silvio Berlusconi als großer Sieger aus dem Urnengang hervorgehen wird. Alle nach Prodis Amtsübernahmen 2006 gehegten Hoffnungen auf ein linksliberales Italien sind verflogen. Eine düstere Stimmung macht sich unter Italiens Intellektuellen breit.
Dazu der Journalist Filippo Ceccarelli von der Tageszeitung "La Repubblica":

"Berlusconi erscheint vielen Italienern immer noch als eine Art Erlöser. Er versprach Wohlstand für alle. Diese messianische Mission, das war es doch, was unsere Intellektuellen immer wieder kritisiert haben. Man dachte, dass mit Prodi dieses Hokuspokus vorbei sei. Man hatte gehofft, dass sich mit Prodi Italiens Politik zu etwas Besserem entwickeln würde."

Jetzt taucht erneut das Gespenst des Massenverführers auf, eine Art, so die Tageszeitung "Corriere della sera", Renaissance-Condottiere, eines Heerführer mit Charisma, der die Menschen begeistert und verführt. Dass so eine Figur die Massen immer noch fasziniere, bezeichnet der römische Architekt Massimiliano Fuksas als so unglaublich, dass er es an der Zeit sieht, darüber nachzudenken, ob es nicht besser sei, Italien den Rücken zukehren:

"Dass es immer noch eine Mehrheit für Berlusconi gibt, ist mir unverständlich. Journalisten und Schriftsteller haben sich die Finger wund geschrieben, um nachzuweisen, wie, im Vergleich zur Regierung Prodi, unter dem Medienzaren Politik und private Interessen verquickt wurden, wie Berlusconi während seiner Amtszeit sein zuvor finanziell angeschlagenes Medienunternehmen gesundwirtschaftete etc. Warum fasziniert der immer noch so sehr? Darüber können wir wochenlang diskutieren."

Wie schon 2001, als Berlusconi die Wahlen gewann, debattieren jetzt erneut Intellektuelle und Künstler den Fall Berlusconi und die Massen. Die linke Schriftstellerin Lidia Ravera ist überzeugt, dass sich die meisten Italiener gar nicht dafür interessieren, ob ein Politiker aufrichtig oder korrupt sei oder eigene mit öffentlichen Interessen vermische:

"Mit Prodi hatten wir gehofft, dass sich Italien langsam aber sicher verändert, zum Besseren hin. Doch der Egoismus der kleinen Partner Prodis führte zu dessen Sturz. Ich glaube, dass die meisten Italiener doch am liebsten genauso reich und mächtig sein wollen wie Berlusconi. Ob er reich und mächtig auf legalen Wegen wurde? Wen interessiert¹s. Viele Intellektuelle weigern sich, diese weit verbreitete Mentalität zu begreifen."

Auch Literaturnobelpreisträger Dario Fo findet die politische Situation und die wahrscheinliche Rückkehr des Medienzaren an die Macht erschreckend. Seiner Meinung nach müssten die Italiener 50 Jahre lang von einem Berlusconi regiert werden, bevor sie, so Fo, endlich aufwachen und begreifen, mit wem sie es da in Wirklichkeit zu tun haben.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 17:05 Uhr
Wirtschaft und Gesellschaft
Nächste Sendung: 17:30 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kultur heute

Bulgarien und seine Stasi-Vergangenheit - Gespräch mit Thomas Frahm

Sendezeit: 08.02.2010, 17:53

Plagiatsvorwürfe gegen Helene Hegemann

Sendezeit: 08.02.2010, 17:42

Grundsteinlegung Schlingensief-Festspielhaus

Sendezeit: 08.02.2010, 17:36

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link