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06.05.2008
Das Oberhausener Filmfestival ist international bedeutend. (Bild: Boros/IKF) Das Oberhausener Filmfestival ist international bedeutend. (Bild: Boros/IKF)

Filmische Raumerkundungen

"Grenzgänger und Unruhestifter“ bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen

Von Klaus Gronenborn

Von fast 6000 Einreichungen haben es 132 ins Programm des 54. Oberhausener Kurzfilmfestivals geschafft. Diesmal präsentierte das Sonderprogramm "Grenzgänger und Unruhestifter" auch die formal interessantesten Beiträge, angesiedelt zwischen Film und Videokunst, zwischen der "Black Box" des Kinos und dem "White Cube" des Museums. Der emotional berührendste Film kam aus Belgien: "Parlez-moi d'amour".

Maksimir Stadion, Zagreb 1990. Hier sollte am 13. Mai ein Fußballspiel stattfinden, das in die blutige Geschichte des Balkankriegs der 1990er Jahre einging. Der Fußballclub Dinamo Zagreb trat gegen die Fußballmannschaft von Roter Stern Belgrad an. Es kam zu wütenden Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Fanclubs der beiden Mannschaften. Kroatischer und serbischer Nationalismus prallten aufeinander.

Dokumentarische Bilder revoltierender Dinamo Zagreb-Fanclubmitglieder, der Bad Blue Boys, im Zagreber Stadion stehen am Anfang von Branko Schmidts Film "Bad Blue Boys". Branko Schmidt zeichnet das beklemmend düstere, als Reportage inszenierte Psychogramm eines Mannes, den das Trauma der Balkankriege bis heute verfolgt. Der heute arbeitslose Dinamo Zagreb-Fan leidet an Depressionen und chronischer Schlaflosigkeit. Er wird nicht fertig mit den Erinnerungen, die ihn nachts heimsuchen. Erinnerungen eines Opfers oder eines Täters?

Vieles spricht für letzteres. Ein Waffennarr jedenfalls ist der ebenso bullige wie wortkarg-verschlossene Hooligan, dessen Gesicht uns der Kamerablick vorenthält, bis heute geblieben. Wir sehen, wie er in seiner Werkstatt Patronen bastelt und sich ein kroatisches Wappen auf den Oberarm tätowieren lässt. Mit seinen Kumpels vom Dinamo Zagreb Fanclub teilt er ein illegales Waffendepot im Wald und ballert auf Baumstümpfe, um seine Aggressionen loszuwerden.

Unter den zahlreichen Arbeiten im diesjährigen Wettbewerb der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, die sich mit dem Themen Familie, Kindheit und Tod beschäftigten, blieb Katja Pällijeffs an der University of Art and Design in Helsinki entstandener Diplomfilm "Aina Kunolinnen" im Gedächtnis. Katja Pällijeff inszeniert und montiert ihr experimentelles Regiedebüt auf der Bildebene ganz aus "Found Footage", aus Archivbildmaterial, das sie, optisch verlangsamt, ihrer autobiografischen aus dem Off eingesprochenen Kindheitserzählung unterlegt. So entstand ein atmosphärisch überzeugender visueller Essay über die Ängste eines kleinen Mädchens, das als Scheidungskind aufwuchs. Ein Film über Schuldgefühle und die Scham, anders zu sein als jene Kinder, die mit Mutter und Vater aufwachsen.

"Grenzgänger und Unruhestifter": Das Thema des diesjährigen Sonderprogramms der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen demonstrierte quer durch die Geschichte der Kinematografie der letzten Jahrzehnte den antirealistischen Protest gegen die politische Wirklichkeit mit den Mitteln des Films als eines Mediums kulturellen Widerstands.

"Grenzgänger" waren auch die formal interessantesten Beiträge im Internationalen Wettbewerb. Filmische Raumerkundungen an der Grenzlinie zwischen Film und Videokunst, angesiedelt zwischen der "Black Box" des Kinos und dem "White Cube" des Museums.

Das japanische Experimentalvideo "Umino-eiga / Ein Film vom Meer" visualisiert die Geometrie der Fläche und des Raumes im Fluss der filmischen Zeit. Es zeigt Metamorphosen zweidimensionaler Flächen in dreidimensionale Räume als einen ständigen Prozess fließender Übergänge und Projektionen.

Reminiszenzen an Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat" finden sich in der Arbeit des Tokioter Videokünstlers Ishida Takashi ebenso wie Referenzen an Bill Fontanas aufgeschlitzte Leinwände und Arnulf Rainers Übermalungstechniken. Die weiße Fläche, die ein Filmprojektor auf eine Raumwand projiziert und aus der blaue Farbe in den Raum fließt, verbindet die leitmotivisch wiederkehrende schwarzweiße Bildsequenz einer Meeresbrandung: unregelmäßig, doch nicht regellos.

Der emotional berührendste Film im Programm des Oberhausener Festivals kam aus Belgien. Mit formal reduzierten dokumentarischen Mitteln und einem ebenso präzisen wie zärtlichen Kamerablick auf ihre Protagonistinnen gelingt es der Regisseurin Alexia Bonta in ihrem Regiedebüt "Parlez-moi d'amour", zwei alte Frauen am Ende des Lebens so zum Sprechen zu bringen, dass sie sowohl ihre Lebenserfahrungen als auch ihre Enttäuschungen, ihren Eigensinn und ihren Humor einer nachfolgenden Generation als Fazit vermitteln.


 
 

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