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15.12.2008
 Der "Rosenkavalier"  von  Richard Strauss wurde 1911 in Dresden uraufgeführt. (Bild: AP) Der "Rosenkavalier" von Richard Strauss wurde 1911 in Dresden uraufgeführt. (Bild: AP)

Hannover im Walzerrausch

Christof Nel inszeniert Straussens "Rosenkavalier"

Von Georg-Friedrich Kühn

Der "Rosenkavalier" von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, 1911 in Dresden uraufgeführt, gilt vielen als nostalgische Rückschau in ein Rokoko der Maria Theresia des 18. Jahrhunderts kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dass er weit mehr ist, hat schon mancher Regisseur zu zeigen versucht, auch wenn das Stück als Konversationskomödie mit Anspielung auf Mozarts "Figaro" schwierig zu inszenieren ist. In Hannover hat das jetzt Christof Nel versucht.

Auf der Achterbahn der Gefühle. Die schwankenden Dreier-Beziehungen, wer mit wem, die Frage nach der eigenen Identität im Strauss-Hofmannsthalschen "Rosenkavalier" sind hier vor allem im Bühnenbild verdeutlicht.

Jens Kilian setzt fahrbare Wände in eine wie eine querliegende Acht geformte Schiene, wodurch sich die Räume der knallroten Einheitsbühne fließend verändern. Regisseur Christof Nel zeigt darin das morgendliche Erwachen der 30-jährigen Marschallin und ihres 17-jährigen Liebhabers Octavian als ernüchterndes Auf-Distanz-Gehen in einer Art Badezimmer-Boudoir.

Die berühmte Rosen-Überreichung Octavians an die erstaunlich offen ihre Zuneigung zu dem jungen Mann und ihren Widerwillen gegen den ihr aus Nobilitierungsgründen des Vaters aufgezwungenen Ochs bekundende Sophie, ist gezeigt als zögerliches Abnabeln Octavians von der mütterlichen Liebhaberin.

Der Start von Octavian und Sophie in eine gemeinsame Zukunft am Ende erscheint hier von Widerständen gepflastert. Die Bediensteten formen sich zu einer Phalanx, durch die die jungen Leute sich einen Weg schlagen müssen, wobei sie hineingerissen werden in einen unendlichen Strudel.

Nel geht die Szene eher vom Text an als von der Musik. Das öffnet zwar viele inhaltliche Bezüglichkeiten, bleibt aber sinnlich blass. Und manches - wie vor allem die Beisel-Szene im dritten Akt - wirkt gar unbeholfen und angeschafft.

Dabei versucht Nel doch den ja im 18.Jahrhundert verwurzelten Figuren ihre Modernität abzugewinnen. Der Ochs ist bei Albert Pesendorfer weniger der Dorf-Trottel von Lerchenau als ein Zuhälter mit starkem Herablassungs-Potenzial, der alle Schamgrenzen mühelos nieder trampelt.

Schon zur Rosenüberreichung tanzt er an mit einer Bediensteten. Seine Kumpane sind ebenfalls ganz ungeniert beim Zugriff aufs Personal. Der um seine Reputation bemühte Geldaufsteiger Faninal von Frank Schneiders hat den unterwürfigen Zug eines Geschäftsmanns, der seine aufmüpfige Tochter kalt lächelnd zu verkaufen bereit ist.

Die Marschallin von Kelly God ist eine teils träumerische, teils resolute Ehefrau eines unsichtbaren Ehemanns, die ihren Octavian nicht nur als "Bub" bezeichnet, sondern ihn auch so behandelt. Und Octavian ist ein roter Wuschelkopf, der nicht recht weiß, wie umgehen mit seinen Gefühlen, und lange zögert, der gleichaltrigen Sophie sich zu öffnen.

Musikalisch ist das bei Wolfgang Bozic gut aufgehoben, auch wenn beim Orchester zumal im Blech doch einiges verrutscht und manches etwas zu knallig klingt. Generell wird von den Sängern viel forciert und nur die Marschallin kann ihre Stimme immer gut modulieren. Beifall am Ende denn auch für die musikalische Seite, fürs Regie-Team heftige Buhs.

Dass es sich bei dem "Rosenkavalier" um ein Stück an einer Zeitenwende handelt, ist Nel hier kaum zu zeigen gelungen. Vielmehr sieht man gewisse Anknüpfungen an die einst gefeierte Frankfurter Inszenierung von Ruth Berghaus. Und die Nach-Pflege der einstigen Frankfurt-Stuttgarter Dramaturgie von Klaus Zehelein scheint ja eine Hauptlinie der gegenwärtigen Hannoveraner Intendanz zu sein.

Nicht immer zum Vorteil des Hauses.


 
 

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