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14.01.2009
Die Geisteswissenschaften haben ihre Probleme mit der Öffentlichkeit.  (Bild: Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn) Die Geisteswissenschaften haben ihre Probleme mit der Öffentlichkeit. (Bild: Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Tiefenschärfe für die Gegenwartsdiagnose

Gelehrte diskutieren in Berlin über Expertisen fürs 21. Jahrhundert

Von Natascha Freundel

In Berlin blickte ein dreitägiges Symposium mit angemessener Verzögerung auf das Jahr der Geisteswissenschaften 2007 zurück. Anlass war das das zehnjährige Jubiläum des Förderprogramms "Schlüsselthemen für die Geisteswissenschaften" der VW Stiftung. Schwerpunkt der Tagung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften war das Verhältnis der philosophischen, philologischen und historischen Fächer zur Öffentlichkeit.

Die Geisteswissenschaften haben ihre Probleme mit der Öffentlichkeit. Diesen Schluss musste man aus dem einzigen öffentlichen Abend des Symposiums ziehen. "Tiefenschärfe für die Gegenwartsdiagnose" wollte man ausloten. Eben "die Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit" untersuchen. Sehr viele Zuhörer waren gekommen. Doch die Podiumsteilnehmer redeten heiter aneinander vorbei, als wäre man auf einer Privatveranstaltung. Bis sich eine ältere Dame erkundigte: Wozu brauchen wir diese Geisteswissenschaften?

"Wir brauchen die Geisteswissenschaften deshalb, weil sie drei Fragen zu beantworten suchen, die jedes Kind stellt und auf die es nie eine befriedigende Antwort gibt: Wer bin ich, woher komm ich, wohin gehe ich? Und zwar als Individuum, als Gruppe und als Menschheit. "

So die Reaktion der Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. Zwischen solchen sehr allgemeinen Aussagen und spezifischen Darstellungen der eigenen Forschungsarbeit scheinen bei Geisteswissenschaftlern Galaxien zu liegen. Darauf deutete der Chefredakteur der Zeitschrift "Gehirn und Geist", Carsten Könneker, hin. Er beobachtet bei Geisteswissenschaftlern - anders als bei Naturwissenschaftlern - häufig eine gewisse "Textarroganz".

"Ein ganz großes Problem ist, dass der Schreiber von Manuskripten für unsere Zeitschrift, oder Schreiberin, den falschen Adressaten im Kopf hat. Und wir können das beim Autorenbriefing noch so häufig sagen, dass der Wurm nicht dem Angler schmecken soll, sondern dem Fisch. Der Adressat der Texte, die wir bekommen, ist meistens der Lehrstuhlinhaber auf der Flurseite gegenüber, und nicht derjenige, der die Medien im Hause, die wir nun mal haben, konsumiert."

Überhaupt, die Naturwissenschaften. Ihre seit den Neunziger Jahren zunehmende Deutungshoheit darüber, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, macht den Geisteswissenschaftlern das akademische Leben schwer. Um dem entgegenzuwirken, gründete die Volkswagen-Stiftung vor zehn Jahren das Schlüsselthemen-Programm. Der Generalsekretär der Stiftung, Wilhelm Krull:

"Ich denke, dass viele der inzwischen abgeschlossenen Projekte dazu beigetragen haben, Klärungen herbeizuführen, z.B. auf die Rolle der Naturwissenschaft in der modernen Gesellschaft. Z.B. mit Blick auf existentielle Fragen, wie die Funktion des Todes im Kontext unseres Lebens. Dass sie auch in Fragestellungen wie Erinnerung und Gedächtnis sagen wir mal auch ethische Aspekte der modernen Neurowissenschaften, dass sie hier eine Menge von Debatten in die Öffentlichkeit eingebracht haben, die gezeigt haben, dass dieser zusätzliche Differenzierungsaspekt, den die Geisteswissenschaft. in die entsprechenden Forschungs- und Entwicklungsprozesse einbringen, durchaus auch ein Erfolgskriterium sein kann für das, was unsere künftige Gesellschaft ausmacht."

Wer von der Volkswagen-Stiftung Geld für die Geisteswissenschaften bekommen will, muss "einen Bezug zu Fragestellungen" nachweisen, "die in der Gesellschaft diskutiert werden". 22 Millionen Euro wurden bislang für 30 Forschungsvorhaben verwendet. 2008 etwa kamen Projekte zum Thema "Autonomie", "Folter" oder zum "Subjekt im Cyberspace" hinzu. Der Karlsruher Kunsthistoriker Hans Belting ist über diese Entwicklung nicht eben glücklich: (25) 3'20

"Der neue Geldsegen fordert einen Anpassungsdruck heraus, der ebenso den scholastischen Jargon, wie auch mehrheitsfähige Themen begünstigt. In den Graduiertenkollegs bildet sich eine Diskurskultur heraus, mit der man Karriere machen kann, ohne originelle Themen zu haben. Die hektische Aktivität verbannt den Einzelgänger, der an einem nicht bestellten Buch arbeitet, ins Abseits. Die Gefahr des Leerlaufs vergrößert sich noch durch den institutionellen Zwang, sofort zu lehren, was gerade in der Forschung Mode geworden ist."

Hans Belting habe das Schlüsselthemen-Programm missverstanden, meinte dazu Wilhelm Krull von der Volkswagen-Stiftung. Es erwarte von dem einzelnen Forscher nur eine Verbindung von persönlichem und öffentlichem Interesse. - Die Schlüsselthemen liegen auf der Hand: Religion, Politik, sozialer Wandel. Dazu hätte sicher auch die ältere Dame im Publikum an diesem öffentlichen Abend gern mehr erfahren.


 
 

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