Am ehesten, das belegen die Preise 2009, ist der Berlinale-Wettbewerb eine Mischung aus Nachwuchsfestival und Präsentationsplattform für Altmeister der Generation 60 plus und deutsche Fördererfolge. Bleibt die Frage, ob Berlin einfach nicht mehr die Filme bekommt, die man haben möchte. Ein vergleichender Blick auf die bereits bekannte Auswahl des Cannes-Festival im kommenden Mai macht das deutlich: Dort werden neue Filme von Pedro Almodóvar, Ang Lee, Lars von Trierund Fatih Akin laufen.
"Wir haben uns entschieden, solche Werke auszuzeichnen, denen eine Balance zwischen politischem Statement und poetischer Form gelingt." Klare Worte der Jury, die nicht alles, aber vieles sagen über einen Berlinale-Wettbewerb, der allzu oft vordergründig Politischem, eigentlich eher Moralisierendem viel Raum gab, und der Kunst viel zu wenig.
Die drei Siegerfilme dieses Berlinale-Abschlussabends - neben dem Goldenen Bären, "La teta asustada" ("Die Milch des Leidens") von Claudia Llosa auch "Alle Anderen" von Maren Ade und "Gigante", der in Uruguay gedrehte Film des Argentiniers Adrián Biniez - aber widerlegen die populistische Ansicht, gutes Kino dürfe es den Zuschauern "nicht zu schwer" machen.
Claudia Llosas Gewinnerfilm fügt sich in die Tradition vieler Berlinale-Sieger: Kleine Länder, andere Sitten, arme Menschen, weibliche Hauptfiguren - und all das gefällig, ein bisschen magisch, ein bisschen ethno-kitschig und sentimentalisierend, möglichst vor dem Hintergrund schöner Naturpanoramen. Das gilt für die afrikanische Carmen aus der Vorstadt (2005), für die bosnische Esma (2006) wie für Tuya aus der Mongolei (2007). Daran gemessen ist "La teta asustada" der beste, weil ästhetisch konsequenteste Siegerfilm der letzten Jahre.
Und der doppelte Preis für Maren Ade ist nicht nur ein schöner Erfolg für den deutschen Film. Er ist unbedingt gerecht, weil Ade extrem unaufgeregt und klug, mit großer Beobachtungsgabe von der Liebe erzählt - und weil das alles viel schwerer zu inszenieren ist, als es nachher auf der Leinwand aussieht. Er ist auch verdient, weil hier einmal ein Film nicht von bösen Bankern und guten Flüchtlingen handelt, von fernen Ländern und großen Dramen, sondern von uns selbst: Von dem Leben in den westlichen Gesellschaften, das die überwiegende Mehrheit der Zuschauer dieses sogenannten "Publikumsfestivals" führt, mitten aus einem Alltag, in dem wir alle Täter und Opfer sind, gut und böse zugleich.
Mit ihren klugen, weitgehend kompromisslosen Entscheidungen hat die Jury um Tilda Swinton und Christoph Schlingensief also das diesjährige Festival gerettet.
Trotzdem lautet das Fazit am Ende eines Berlinale-Wettbewerbs, der zwar etwas weniger schwach war, als der der letzten beiden Festival-Jahre, aber keineswegs stark: Berlinale-Boss Dieter Kosslick hat ein Problem. Entweder fehlt es ihm eklatant an Geschmack, oder Berlin bekommt einfach nicht mehr die Filme, die man haben möchte. Ein vergleichender Blick auf die bereits bekannte Auswahl des Cannes-Festival im kommenden Mai macht deutlich was fehlt: Dort werden neue Filme von Almodóvar, Ang Lee, Lars von Trier, Haneke, Jane Campion und Fatih Akin laufen. Auch Quentin Tarantinos neuer Film - mag er auch mit noch so viel deutschem Fördergeld in Berlin gedreht sein, dürfte an der Croisette seine Premiere feiern.
Stattdessen hat man in Berlin manchmal den Eindruck, als ob Kosslick bei der Auswahl die Filme von hinten anguckt, vom Abspann her. Dort stehen nämlich die Förderinstitutionen - und deren Beteiligung scheint das wichtigste Auswahlkriterium. So kommt es, das unglaublich viele Berlinale-Filme, fast ein Viertel der Auswahl, zu wesentlichen Teilen mit deutschem Fördergeld finanzier werden. So funktioniert Industriepolitik - ob es dem Festival nutzt, steht auf einem anderen Blatt.
"Aber wie war denn die Stimmung?" Auch das wird der Berlinale-Besucher gern in den Wochen danach gefragt. Die Stimmung - sie war auch in diesem Jahr nicht gut unter den professionellen Gästen, die allem Populismus zum Trotz immer noch darüber entscheiden, ob ein Filmfestival wirklich bedeutend ist, oder nur kulturpolitisch aufgeblasen.
Man sollte sich da von den 20-Sekunden-Bilderschnipseln des - als Medienpartner längst in die Berlinale eingebundenen - Fernsehens, den Jubelpersern der Boulevardpresse und von ein paar hübschen Sternchen auf dem roten Teppich nicht blenden lassen, und Stimmungsmache nicht verwechseln mit Stimmung oder gar Bedeutung.
Die Berlinale ist im Verdrängungswettbewerb der bedeutendsten Filmfestivals qualitativ eine gefährdete Marke - das ist längst keine Einzelmeinung mehr.
Während das Festival in die dubiose Breite expandiert und seine Zusatzreihen wie "Kulinarisches Kino" und "Berlinale Spezial" für fett geförderte Fernsehfilme ausweitet; während die renommierten Neben-Sektionen "Panorama" und "Forum" immer Starkes und Sehenswertes und oft die besten Filme des Festivals enthalten, zeigt ausgerechnet der Wettbewerb die künstlerisch entbehrlichsten Filme - von Ausnahmen wie den diesjährigen Gewinnern einmal abgesehen. Am ehesten, das belegen die Preise 2009 - sämtlich Debüts und Zweitfilme - ist der Berlinale-Wettbewerb eine Mischung aus Nachwuchsfestival und Präsentationsplattform für Altmeister der Generation 60 plus und deutsche Fördererfolge.
Werden hier also immerhin Entdeckungen gemacht? Auch da muss man skeptisch bleiben. Blickt man nämlich auf die Sieger der letzten Jahre, hat man bislang von keinem wieder irgendetwas gehört. Zumindest das dürfte bei den diesjährigen Gewinnerfilmen anders sein.
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