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20.02.2009
Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (Bild: AP) Am 10.11.1989 tanzen Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor (Bild: AP)

Ende der globalen Systemfrage

Die Welt und das Wendejahr 1989

Von Frank Hessenland

1989 war nicht nur für die Deutschen und viele Ostblockländer das Jahr ihrer Wiedervereinigung, sondern es bedeutete einen Wandel für die ganze Welt. So deutete es jedenfalls der Historiker Timothy Garton Ash auf der Auftaktveranstaltung der Reihe "1989 - Globale Geschichten". Von nun an zersplitterte die Welt in unterschiedlichste kleine Machtzentren. 1989 war vielleicht das letzte Mal, dass Europa im Mittelpunkt der Weltgeschichte stand, so Ash.

"...Völker der Welt: schaut auf diese Stadt. ... "
Ash: "40 Jahre lang war Berlin das geteilte Zentrum einer geteilten Welt, man wechselte einen Stadtteil und geriet dabei in ein anderes historisches System. Berlin war in gewisser Weise das Epizentrum der Weltgeschichte."

Wo der britische Historiker Timothy Garton Ash Recht hat, da hat er Recht. Bis in den November 1989 konnte man in Berlin auf dem Boden des ehemaligen Zentrums des Faschismus mit der S-Bahn in 10 Minuten von der liberalen Demokratie in den Kommunismus fahren und dabei die Spuren der wichtigsten Triebkräfte der Weltgeschichte seit 1789 an seiner eigenen Gedankenwelt studieren. Wahlweise waren da nationale Großmannssucht, Konsumüberheblichkeit oder Klassenkampfsolidarität zu verzeichnen gewesen, insgesamt überwölbt von dem Atomtodgedanken. Es war, als würde das Spannungsfeld ewig bestehen, aber dann war es plötzlich nach dem November '89 alles Vergangenheit.

"Und die Geschichte hatte ein so wundervolles Ende mit der friedlichen Revolution. 1989 war mit Sicherheit der größte Augenblick in der Geschichte Berlins. Gleichzeitig war es das letzte Mal, dass Berlin und Europa in der Weltgeschichte eine Rolle spielten."

Von nun an, so lautet die zentrale These von Timothy Garton Ash und der Kuratoren der Thementage "1989 - globale Geschichten" des Hauses der Kulturen der Welt, von '89 an spielte die ideologische Systemfrage, die Europa und die Welt seit 1919 geteilt hatte, keine Rolle mehr. Von nun an zersplittert die Welt - unter der einheitlichen Macht des Dollar - in viele kleine Zentren unterschiedlicher Wirkungsmacht. Das Haus der Kulturen hat hierzu die besten Presse- und Privatfotografien aus fünf Kontinenten zusammengetragen. Es präsentiert die meisten Bilder dem Publikum auf einer Reihe von digitalen Monitoren in einer Art Videoclipästhetik. Kuratorin Susanne Stemmler:

"Es sind Bilder wie Ikonen, die sich in das kollektive visuelle Gedächtnis eingegraben haben. Die geballte Faust Nelson Mandelas, der Tod Khomeinis, und schließlich das Bild des Demonstranten auf dem Platz des himmlischen Friedens, der, wie wir wissen, wie hundert andere Menschen von diesem Panzer überrollt worden ist und mit dem Leben bezahlt hat."

Parallel dazu gibt es die ungewöhnlichsten Filme und Videos zu sehen: Im Kinosaal ist man ist mit der Privatkamera dabei beim Sturz von Ceausescu in Bukarest. An Wohnzimmertischen im Foyer beobachtet man den Tod des Ayatollah Khomeinis am Fernsehschirm.

Auf Schautafeln liest man bewegende Briefe und Dokumente von Schicksalen vietnamesischer Vertragsarbeiter in Deutschland. Alle Dokumente der Ausstellungen, Filme und Videoschnipsel untermauern deutlich Ashs Eingangsthese, dass 1989 nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in vielen Teilen der Welt die Weichen neu gestellt wurden und Europa und seine Ideologien ihre Wichtigkeit verloren.

In den kommenden zwei Tagen werden Schriftsteller, Historiker und Künstler im Haus der Kulturen über die neuen kleinen Zentren der Geschichte reden wollen: Iran, China, Südamerika, Südostasien stehen auf dem Programm. Vielleicht ist es der einzige Mangel der Thementage "1989", dass ausgerechnet das weltweit wichtigste Gravitationszentrum vergessen wurde: Die USA. Die Macht des Dollar und die Frage, ob ihr derzeitiger Verfall Ähnlichkeiten mit dem Verschuldungsverfall des damaligen Ostblocks aufweisen, wären interessant gewesen. Dann aber wäre es eine Zukunftsausstellung geworden und kein historischer Rückblick.


 
 

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