Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
03.05.2009
In New York trafen sich in den letzten sechs Tagen Schriftsteller aus der ganzen Welt. (Bild: dradio.de) In New York trafen sich in den letzten sechs Tagen Schriftsteller aus der ganzen Welt. (Bild: dradio.de)

Globales Stimmenfestival der Literatur

Eine Bilanz des fünften PEN Voices Festival in New York

Von Pascal Fischer

Schätzungsweise nur zwei bis drei Prozent der veröffentlichten Literatur in den USA sind Übersetzungen aus anderen Sprachen. Um dies zu ändern und ausländischen Autoren eine Bühne zu geben, gründete das PEN American Center das World Voices Festival. Das Motto der fünften Auflage war so weit gefasst, dass es aktuelle wie längerfristige Entwicklungen in der Literatur abbilden konnte.

Das PEN World Voices Festival ist nach Ansicht des Verlegers Bruce McPherson ein Traum für ausländische Schriftsteller. Die kämen ins Zentrum des angelsächsischen Verlagswesens. Und so etwas war in den vergangenen Jahren nicht selbstverständlich, betont Esther Allen, einst Mitbegründerin des Festivals:

Viele Autoren wollten oder konnten damals wegen der Bush-Regierung nicht einreisen. Nun gerate das Festival in seinem fünften Jahr zu einem Symbol für den kulturellen Klimawechsel der Obama-Regierung, man hoffe wieder auf mehr Austausch.

Das Festival lockte daher erfolgreich mit viel lateinamerikanischer Literatur, mit japanischen, koreanischen, auch mit arabischen Autoren, sogar mit Wagnis-Veranstaltungen wie einem "Translation-Slam", einem Poetry-Slam für Übersetzer.

Die Säle, Hallen und Räume waren voll. Das Themen-Potpourri zog eine heterogene, zielgenau zugreifende Besucherschaft an, aber leider keine, die sich in ein Thema vertiefen mochte. Dabei bot das Festival ein Motto: Evolution/Revolution. Mehr oder weniger diskutierte man über dessen Aspekte: In den Hintergrund rückte das genuine amerikanische Thema "Evolutionslehre versus Kreationismus", in den Vordergrund friedliche Revolutionen wie der Fall der Mauer. Die Deutschen, unter ihnen Uwe Kolbe, Uljana Wolf und Clemens Meyer, sollten hier laut über das Leben und Schreiben vor und nach der Wende nachdenken - doch Clemens Meyer beispielsweise enttäuschte das verwirrte und erstaunte Publikum, indem er sich geradezu als unpolitischen Schriftsteller beschrieb.

"Ich fühle mich nicht als ostdeutscher Literat, ich bin ein gesamtdeutscher Schriftsteller. Man ist doch erstaunt, wie sehr sich die Fragen auf die Mauer und so fokussieren. Das ist eben so..."

20 Jahre Mauerfall war ohnehin ein recht abstraktes Jubiläum. Die Organisatoren schoben daher aktuelle Veranstaltungen ein: Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, Investmentbanker George Soros, Finanzhistoriker Niall Ferguson und andere stritten beispielsweise äußerst pointiert über staatliche Interventionen in der Rezession. Schriftstellerin A. M. Homes, Vizepräsidentin des PEN American Center:

"Das war meine Idee. Ich wollte Ökonomen hören, nicht nur Literaten. Wir kamen bei einer Sitzung des Direktoriums darauf, weil wir uns fragten, was für Themen für die Menschen gerade relevant sind. Schließlich berührte die Krise ja sogar unser Festival!"

Tatsächlich waren einige Lesungen der Krise zum Opfer gefallen. Glücklicherweise blieb noch Zeit für die leiseren, aber umwälzenden technischen Revolutionen. Die arabischsprachige Salwa Al-Neimi berichtete, wie man ihre teilweise im Mittleren Osten verbotenen Bücher mittlerweile problemlos downloaden könne; Übersetzer begriffen den Trend zur Universalsprache Englisch zur Abwechslung mal als positiv, schließlich erweitere eine Übersetzung ins Englische die Leserschaft eines Buches dann enorm! Kwame Anthony Appiah, neuer PEN-Präsident in den USA, gab sich programmatisch:

"Ich möchte das Internet als Herausforderung, nicht als Gefahr begreifen. Wir sollten begeistert sein. Gerade fremdsprachige Texte profitieren. Oft kostet es zu viel, sie erst zu übersetzen und dann noch zu drucken. In den neuen Medien kostet die Veröffentlichung fast nichts, wenn das Buch erst einmal übersetzt ist!"

Wird gar die Dichterlesung im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit bald überflüssig, weil man Youtube-Videos aus dem Netz laden kann? Sicherlich nicht, das bewies gerade das New Yorker Festival. Die Autoren bloggten fleißig, doch ihre Blogs versinken im digitalen Nirwana, erzeugte nicht die reale Veranstaltung erst die nötige gebündelte Aufmerksamkeit - für die Texte im Netz. Deshalb braucht es auch weiterhin Live-Auftritte. Natürlich auch, um gerade die unbekannten Schriftsteller an ihrer Seite ins Rampenlicht zu rücken. In New York ist das dieses Jahr ein weiteres Mal gelungen.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 16:05 Uhr
Büchermarkt
Nächste Sendung: 16:30 Uhr
Forschung aktuell

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kultur heute

Wunde Afrika - Faustin Linyekula deutet Jean Börlins "La création" in Brüssel

Sendezeit: 25.05.2012, 17:53

Strawinskys "The Rakes Progress" in Düsseldorf und Frankfurt - Thomas Voigt

Sendezeit: 25.05.2012, 17:48

Behinderte auf der Bühne - Das australische Back to Back-Theater in Wien

Sendezeit: 25.05.2012, 17:41

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link