Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
23.06.2009
Der tschechische Autor Milan Kundera auf einem Archivbild vom 27. Juni 1967 in Prag. (Bild: AP) Der tschechische Autor Milan Kundera auf einem Archivbild vom 27. Juni 1967 in Prag. (Bild: AP)

"Es ist ein Zurückrudern"

Schriftsteller Milan Kundera wohl doch kein Denunziant

Jürgen Ritte im Gespräch mit Beatrix Novy

Im letzten Herbst geriet Milan Kundera, weltweit angesehener tschechischer Schriftsteller, in Paris lebend, in die Schlagzeilen. Der einstige Regimegegner soll zu Stalins Zeiten in Prag einen Kommilitonen verpfiffen haben. Eine haltlose Behauptung, wie sich nun herausstellte.

Beatrix Novy: Im letzten Herbst geriet Milan Kundera, weltweit angesehener tschechischer Schriftsteller, in Paris lebend, in die Schlagzeilen. Kein Bestseller diesmal, leider, sondern Schatten der Vergangenheit. "Auch du Kundera?", fragten sich seine Leser, als sie erfuhren, dass der einstige Regimegegner zu Stalins Zeiten in Prag einen Kommilitonen verpfiffen haben soll. Der hieß Miroslav Dvoracek und wurde damals dann als Westagent zu 22 Jahren Arbeitslager verurteilt. Die Recherchen kamen von einem jungen Mitarbeiter des Prager Instituts für die Erforschung totalitärer Regime. Die Sache ging lange durch die Presse, es gab viele Zweifel und Unklarheiten. Das Schweigen des Dichters, der sich nur einmal aus Paris gegen alle Vorwürfe verwahrt hatte, hielt an. Jetzt, ein Dreivierteljahr später, hat die französische Internetzeitung "Rue 89" eigene Recherchen vorgelegt, die Kundera endgültig entlasten sollen. Ich habe Jürgen Ritte in Paris gefragt: Mit welchen Argumenten?

Jürgen Ritte: Ja, alles sehr kompliziert. Ellen Bourgois ist Übersetzerin und aus Prag gebürtig. Das bringt den enormen Vorteil mit sich, dass sie tschechisch kann und sich deswegen vor Ort auch in den Medien besser kundig gemacht hat, als so mancher Kollege das vielleicht damals im Oktober getan hat. Was sie jetzt tut, ist eigentlich nur einen Nachklapp liefern und zu reagieren auf einen Beitrag, der im Mai erschienen ist, und zwar in dem Institut zur Erforschung der totalitären Regime, von dem Sie eben gesprochen haben, das einen jungen Forscher hat, der diese Affäre ganz ins Rollen gebracht hat. Jetzt ist also in der Publikation dieses Instituts ein Artikel erschienen, und der heißt jetzt nicht mehr "Die Affäre Kundera", der heißt noch nicht mal "Die Affäre Dvoracek", das war der junge Mann, der verhaftet wurde und zu 22 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, sondern das Ganze ist jetzt nur noch eine Episode. Also in dem Artikel zu der ganzen Geschichte, den das Institut selbst publiziert, kommt auch Kundera nur noch an einer einzigen Stelle vor, er spielt überhaupt keine Rolle mehr. Und das ist ein ganz lapidarer Satz, in dem steht, dass der Polizeibericht, der damals 1950, im März 1950 nach der Verhaftung Dvoraceks angefertigt worden war, dass der Polizeibericht einfach nur erwähnt den Namen Milan Kundera. Mehr nicht. Man kann daraus überhaupt keine Schlüsse ziehen.

Novy: Das heißt, man kann aber daraus den Schluss ziehen, dass das Institut voll zurückrudert und dass auch der junge Mitarbeiter, der damals diese Affäre ans Licht gebracht hatte, wie er glaubte, auch zurückgepfiffen worden ist?

Ritte: Ob der zurückgepfiffen worden ist, weiß ich nicht, es ist ein Zurückrudern. Es bleibt eigentlich nicht viel übrig. Und dass der Name Kundera überhaupt in dieser ganzen Akte erscheint, liegt daran, dass Milan Kundera 1950 in dem Studentenheim lebte und Sprecher der Studentenschaft war, in dem man Dvoracek, der sich dort versteckt hielt, verhaftet hat. Und die Verhaftung, das ist jetzt das Pikante daran, die Verhaftung von Dvoracek war im Grunde genommen ein Zufallstreffer der tschechischen Polizei. Man suchte damals nach einem normalen Verbrecher, der sich offenbar oder von dem man vermutete, er halte sich in dem Studentenheim versteckt. Auf diese Art und Weise hat man Dvoracek damals festgenommen und erst 24 Stunden später festgestellt, wen man da hatte, nämlich jemanden, der als Spion für, ich glaube, die Amerikaner arbeitete.

Novy: Das heißt, er kann nicht in dem Sinne denunziert worden sein?

Ritte: Er kann nicht, das ist der Schluss, zu dem Ellen Bourgois dann kommt, er kann eben gar nicht denunziert worden sein.

Novy: Nun geht die Autorin, glaube ich, auch auf das Institut zur Erforschung der totalitären Regime, aus dem das alles kam, ja ein. Hier stand öfter zu lesen, das sei eine Art Birthler-Behörde, während die Autorin diesem Institut gewissermaßen also zumindest eine wissenschaftliche Qualifikation abspricht.

Ritte: Ja, das tut sie. Das ist für mich von Paris aus schwerer zu beurteilen, ob sie das mit Recht tut. Sie vergleicht das Institut mit anderen ähnlichen Institutionen, die in ehemaligen Ostblockstaaten gegründet worden sind und die eben keine Universitätsinstitute sind. Das ist sicher, es sind Institute, die außerhalb der Universitäten existieren und die mit der Erforschung eben des totalitären Regimes, das heißt mit der kommunistischen Vergangenheit befasst sind. Und sie, Ellen Bourgois, sagt nun, dass dort oft auch eine sehr, na ja, nicht interesselose und zweckfreie Forschung betrieben wird, sondern durchaus eine sehr interessierte, die nicht immer ganz sauber ist und eher auf Denunziationen ausgeht als auf zweckfreies Erforschen.

Novy: Ist das Ganze nun im Nachhinein auch eine Armutserklärung für die internationale Presse, die nicht so wie "Rue" genügend Fragen gestellt hat damals?

Ritte: Eine Armutserklärung würde doch nicht so weit gehen, und man muss in diesem Falle auch die französische Presse, zumindest die großen Zeitungen, in Schutz nehmen. Der "Figaro" zum Beispiel, aber auch andere Blätter, waren von Anfang an sehr skeptisch, als diese Geschichte aufkam. Andere waren vielleicht etwas weniger vorsichtig, und das mag an den Mechanismen liegen, nach denen wir ticken, das heißt, wir hören Institut zur Erforschung des totalitären Regimes, vergleichen das mit sehr honorigen Behörden wie der bundesdeutschen Birthler-Behörde, denken an Universitäten, wenn wir Historiker hören, und haben damit vielleicht nicht lang genug nachgefragt, wer da eigentlich am Werk ist.

Novy: Das war Jürgen Ritte zur jetzt wohl nur noch sogenannten Affäre Kundera.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 01:05 Uhr
Deutschlandfunk Nacht-Radio
Nächste Sendung: 02:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kultur heute

Das Barents Spektakel in Norwegen

Sendezeit: 12.02.2012, 17:52

Auerbach-Requiem Frauenkirche Dresden

Sendezeit: 12.02.2012, 17:46

Rossinis "Otello" an der Oper Zürich - Thomas Voigt im Gespräch

Sendezeit: 12.02.2012, 17:41

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link