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12.07.2009
Das Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (Bild: AP) Das Festspielhaus der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (Bild: AP)

Bayreuth vor dem Paradigmenwechsel

Was die Tarifeinigung für den Festspielbetrieb bedeutet

Von Wolf-Dieter Peter

Der Tarifstreit in Bayreuth geht weiter. Beide Seiten, die Gewerkschaft ver.di und auch die Arbeitgeberseite, möchten den Auftakt der Festspiele am 25. Juli in keinem Fall gefährden. Doch die Frage ist grundsätzlicher: Haben Tarifstreitigkeiten überhaupt Platz in einem Haus, wo die Sänger mehr aus Leidenschaft als wegen des Geldes sangen?

Die Festspiele kommen in der banalen ökonomischen Realität an. Statt "Wagner-Theater" kommt vom Grünen Hügel: Streikgerede der Gewerkschaft ver.di, Details über problematische Arbeitsverhältnisse und fast sittenwidrige Niedriglöhne. Alles gipfelt in der Drohung, die Eröffnungsvorstellung am 25.Juli durch einen Streik der Bühnentechnik zu verhindern.

Wer die Bayreuther Festspiele kennt, dem wird klar: Der Abschied Wolfgang Wagners am Ende des Festspielsommers 2008 bedeutet auch einen Paradigmenwechsel. Die beiden Festspielleiterinnen Eva und Katharina Wagner haben andere, normalere Lebensläufe als Vater Wolfgang: Katharina als Regisseurin samt Glamourfotos, Eva als Theatermanagerin von europäischem Zuschnitt - beide ohne die spezielle Gründer-Aura, denn mit dem bald 90-jährigen Enkel ging gleichsam der letzte Gründervater von Neu-Bayreuth.

1951 musste in räumlich beengten und finanziell schwierigen Verhältnissen begonnen werden. Doch es ging für die Bayreuther um "ihre" Festspiele. Für die west- wie ostdeutsche Theaterszene - sprich: Solisten, Chorsänger, Orchestermusiker und Techniker - ging es um das Mekka der Wagner-Interpretation. Die politisch wie kulturell auf zunehmende Souveränität bedachte westdeutsche Führungselite wollte die Rettung einer - schon lange national-konservativ falsch verstandenen - nationalen "Pilgerstätte".

Doch angesichts der erfreulichen "Entrümpelung" durch die Enkel Wieland und Wolfgang zog auch der DGB mit und bekam pro Festspielsommer zwei Vorstellungen für seine Mitglieder. Ohne viel Fantasie ist nachvollziehbar, wie Verwaltungschef Wolfgang Wagner da mit allen Theaterbeteiligten erst improvisierte, dann vieles per Handschlag oder mündlicher Absprache regelte - ohne Tarifvertrag. Angesichts des bald weltweit anerkannten künstlerischen Erfolgs von "Neu-Bayreuth" wurde es dann auch wieder eine Ehre mitzuwirken - alle, auch Stars wollten zu einem Bruchteil ihrer sonstigen Gagen dabei sein.

Derzeit kämpft ver.di für gerechte Löhne - und wird letztlich der obsoleten neoliberalen Ökonomisierung einen Pseudo-Triumph in der Kunstwelt der Festspiele bescheren. Jetzt ist es die tatsächlich unterbezahlte Bühnentechnik. Anschließend werden Chor und Orchester auf Festspiel-Bezahlung bestehen - und bald werden wohl auch auf dem Grünen Hügel Starsänger ihre Gagen wechselseitig in die Höhe treiben. Bayreuth wird ein Festspielort wie alle anderen.

Damit ist die Herausforderung an die vier Träger der Festspiele GmbH - Bundesrepublik, Freistaat Bayern, Stadt Bayreuth, Bezirk Oberfranken - klar: Die Finanzierung muss völlig neu strukturiert werden. Toni Schmid, der Vorsitzende des Festspiel-Verwaltungsrates, arbeitet fieberhaft an einem Papier mit Eckdaten, das vom 13. Juli an zumindest als Grundlage für eine vorläufige Einigung von allen Beteiligten akzeptiert werden und damit für einen streikfreien Festspielbeginn sorgen kann.

Wolfgang Heubisch, Bayerns Staatsminister für Kultur und Wissenschaft, geht noch weiter. Er sieht die Festspiele als einzige deutsche kulturelle Weltmarke deutlich unterfinanziert. Zum Gesamtetat von rund 14 Millionen Euro tragen die Festspiele aufgrund ihres hervorragenden Einspielergebnisses rund acht Millionen bei. Der Rest wird zwischen den Trägern gleichsam gedrittelt: 2009 kommen zwei Millionen aus dem Etat des Berliner Kulturstaatsministers, der gleiche Betrag vom Freistaat Bayern. Zum restlichen Drittel, das die Stadt Bayreuth und der Bezirk Oberfranken nicht allein aufbringen können, schießt dann die Gesellschaft der Freunde der Bayreuther Festspiele einen wechselnden Beitrag zu, der sich auch auf bestimmte Projekte wie Bauvorhaben oder Neuproduktionen beziehen kann.

Doch angesichts heutiger Stützungssummen wirken all diese Zuschüsse allzu leichtgewichtig. Da die Weltmarke Bayreuth erfreulicherweise in Bayern liegt, unterstützt Heubisch die Forderungen Katharina Wagners und will sich dafür stark machen, dass Deutschlands einziges Festival von unbestrittener Weltgeltung künftig auf wesentlich breiteren, womöglich anders strukturierten finanziellen Fundamenten steht - sogar als rein bayerischer kultureller Leuchtturm. Also wird Heubisch über die künftige Höhe der bayerischen Subventionen mit Finanzminister Fahrenschon sprechen. Das wird kosten - sparen aber können die Herren an den Freikarten für Wagner-ferne B- und C-Promis, die bislang am Eröffnungstag Banalwerbung für Bayreuth machen sollen.


 
 

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