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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 22.4.2000   • 23:05

Eine Lange Nacht für William Gaddis
Hingabe an die irren Stoffe der Welt

William Gaddis William Gaddis
 
Moderation:  Walter van Rossum
Studiogäste:  Heide Ziegler
 Klaus Buhlert
 Matthew Gaddis
 Marcus Ingendaay
 Ingo Schulze

William Gaddis (1922 - 1998) hat nur vier Romane geschrieben. Doch er hat die moderne amerikanische Literatur beeinflußt wie kaum ein anderer: Don DeLillo, Thomas Pynchon, William Gass, Robert Coover und etliche andere berufen sich auf ihn. Gaddis hat nur ein Hörspiel geschrieben - und zwar für den Deutschlandfunk: "Torschlußpanik". Er hat es kurz vor seinem Tod vollendet, im Februar 1999 wurde es im Radio uraufgeführt. Scheinbar handelt es von Gaddis selbst: ein sterbender alter Schriftsteller im steten Monolog über sein letztes Buch, das vom Künstler und von der Kunst handelt, ihrer Einzigartigkeit und Überflüssigkeit, von dem, was bleibt und was war. Erstaunlich - der Romancier Gaddis hatte dem kakophonen Stimmengewirr das Erzählen überlassen, doch ausgerechnet in seinem einzigen Hörspiel verfällt er in einen Monolog.

Nicht nur dieses Rätsel wird in der Langen Nacht über William Gaddis eine Rolle spielen, auch Interviews mit Gaddis, ein Podiumsgespräch anläßlich des 1. Todestages von Gaddis am 12. Dezember 1999 im Kölner Literaturhaus mit seinem Sohn Matthew Gaddis (der einen Film über die Entstehung des Hörspiels gedreht hat), seinem Übersetzer Marcus Ingendaay, dem Schriftsteller Ingo Schulze, dem Regisseur Klaus Buhlert und der Literaturwissenschaftlerin Heide Ziegler.

 

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William Gaddis im Funkhaus Köln William Gaddis im Funkhaus Köln

 

Am Anfang war das Wort. Beliebten die Götter zu sagen. Den Menschen gebührt nur das Palaver. Und in ihrem ewigen Gemurmel entstand kein göttliches Universum, sondern nur die Wanderdüne der Realität. Im kakophonen Stimmengewirr treiben wir sie mit dem Sand der Worte vor uns her - oder jagen wir ihr nach? Das kann man nicht denken, aber ein Schriftsteller kann davon erzählen: William Gaddis (Jahrgang 1922). Die groteske Größe des Geschwätzes ist das Thema seiner nur vier Romane, an denen er ein halbes Jahrhundert lang geschrieben hat. Wir werden bei ihm keine magischen Dichterworte finden, sondern nur - Gerede. Aber das Gerede führt uns in die Innenwelt der Börse (»J.R.«, 1975) oder in die Abgründe des Rechtswesens (»Letzte Instanz«, 1994), führt uns ins innenlose Leben eines amerikanischen Ehepaares (»Die Erlöser«, 1985) oder in die Arkadien des Kunstbetriebs (»Die Fälschung der Welt«, 1955). In aller metaphysischen Bescheidenheit gesagt: Das Gequassel wird zum Grundwirkstoff des Universums. Die Atome der immateriellen Welt sind: Töne - absurde Sinnpartikel einer absurd komplexen Welt.

Und die Hohe Stimme des Schriftstellers? Gaddis ortet sie im Stimmbruch eines heiklen Paradoxes: Sein erster Roman »The recognitions« (1955) handelt von den Künsten. Bezeichnenderweise steht ein erfolgreicher Fälscher im Mittelpunkt des atemberaubenden und über tausendseitigen Epos. Vom Wahn der Kunst wurde meisterhafter kaum je erzählt. Man ahnt: Gaddis hat sich das Schreiben nicht leicht gemacht - das Leben auch nicht. Die Gläubigen der Literaturkirche haben lange geschmollt. Dann haben sie ihm zweimal die höchste literarische Ehrung Amerikas verpasst, den National Book Award. Es war unumgänglich. Doch man liebt ihn nicht. Das gefällt ihm. Seine Hingabe an den irren Stoff der Welt dient nicht der Friedensstiftung.

Im Mai 1997 kam er auf Einladung des Deutschlandfunks nach Köln. Erstaunlicherweise. Denn Gaddis war nicht nur publikumsscheu, er spottete auch gerne über Autoren, die sich zu dunklen Propheten ihres Werkes machten. »Was wollt ihr von einem Schriftsteller, was ihr nicht in seinem Werk findet?«, fragte er nicht nur in seinem ersten Roman. Das fragte er auch sein begeistertes deutsches Publikum. Das war ganz Gaddis: die ironische Anwesenheit des Autors. Allerdings hatte er genug Sinn für die Doppeldeutigkeiten des Literaturbetriebes, um mit Humor zu genießen, was jener Betrieb ihm verweigert hatte: nämlich den Auftritt des gefeierten, ja verehrten Autors.

Folgenreich jedoch wurde der Besuch in Köln dann auch noch: denn die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks bat William Gaddis um ein eigens geschriebenes Hörspiel. Es heißt »Torschlußpanik« und es ist - nicht die einzige Überraschung - ein Monolog. Der Monolog eines alten Mannes, der totkrank ist und letzte Dinge ordnet: sein letztes Buch vorantreibt, seine Lebensgeschichte sortiert und mit den Glasperlen des Sinnes von alldem spielt. Der Regisseur Klaus Buhlert hat mit dem Schauspieler Ignaz Kirchner diesen in Wahrheit vielstimmigen Abgesang auf ein verhallendes Leben in Szene gesetzt. Dieses Stück ist nicht nur der letzte Text von William Gaddis, es ist auch eine Art kurioses (was sonst?) Vermächtnis dieses Mannes. Ergreifend, weil es tatsächlich der kranke William Gaddis geschrieben hatte, und weil es doch die Aura des Authentischen nur in der kunstvollen Komposition sucht - und findet. Der Mensch und sein Werk treibt als unstetes Gerücht im Ozean des grenzenlosen Palavers. Das ist kein melancholischer Aphorismus, sondern ein intimes Geräusch.

William Gaddis ist im Dezember 1998 gestorben. Zu seinem ersten Todestag hat das Kölner Literaturhaus zusammen mit dem Deutschlandfunk einen Gaddis-Day I mit prominenten Gästen veranstaltet: Mit seinem Sohn Matthew Gaddis, dem Übersetzer Markus Ingendaay, der Literaturwissenschaftlerin Heide Ziegler, dem Schriftsteller Ingo Schulze und dem Regisseur Klaus Buhlert. Auch diese Gesprächsrunde wird Bestandteil der Hommage an William Gaddis in der ›Langen Nacht‹ sein.
Walter van Rossum

Bücher von William Gaddis:

 

  
  

  • William Gaddis
    Die Fälschung der Welt
    Roman
    Zweitausendeins Verlag
  • William Gaddis
    J R
    Roman
    Zweitauseneins Verlag
  • William Gaddis
    Letzte Instanz
    Roman
    Rowohlt Verlag
  • William Gaddis
    Der Erlöser
    Roman
    Rowohlt Verlag
  •  

    Torschlußpanik
    von William Gaddis
    Übersetzung aus dem Amerikanischen: Marcus Igendaay
    Regie und Komposition: Klaus Buhlert
    Mit Ignaz Kirchner
    Produktion: Deutschlandfunk/ Bayerischer und Westdeutscher Rundfunk 1999
    Länge: ca. 90'
    Der Erzähler ist ein alter Mann, ans Krankenbett gefesselt, neben sich Stapel von Zetteln und Büchern - Vorarbeit für ein Werk über die Rolle der Kunst und ihr Scheitern im Zeitalter kommerzieller Reproduzierbarkeit und Verwertung. Immer wieder greift er in sein Archiv, immer öfter greift er daneben, die herbeizitierten Autoren machen sich selbständig und fallen sich gegenseitig ins Wort. Um das Chaos perfekt zu machen, sucht der Held in komischer Verzweiflung nach der eigenen Identität. Er glaubt, einen Doppelgänger zu haben, der ihm seine Gedanken gestohlen hat. Was ist überhaupt noch authentisch? Das angesammelte Wissen erweist sich als undurchschaubar... In dem Maße, wie er scheitert, beginnt das Staunen über die Vielfalt und die Kraft künstlerischer Entwürfe. Ein Paradox, das den Monolog über die Sinnlosigkeit der Kunst ad absurdum führt...
    Hörbeispiel: Torschlusspanik

     

    William Gaddis mit Sohn William Gaddis mit Sohn Matthew Gaddis, der Sohn von William Gaddis, über das Leben seines Vaters
    von Frank Olbert
    Eine eigenwillige Familie: Der Vater schrieb und hielt beharrlich an diesem Schreiben fest, obwohl ihm über Jahre hinweg die Anerkennung dafür versagt blieb. Der Sohn dreht Filme, und er sagt, es sei ihm gleichgültig, daß ihr Publikum nur klein sei. Derzeit arbeitet Matthew Gaddis an einem ganz besonderen Film - er dokumentiert die letzten drei Jahre im Leben seines Vaters, des im vergangenen Dezember verstorbenen Schriftstellers William Gaddis. Im Hörspielstudio des Deutschlandfunk spricht Ignaz Kirchner unter der Regie von Klaus Buhlert Gaddis' erstes und einziges Radiostück. "Torschlußpanik" heißt es, und natürlich wird auch die Produktion dieses Hörspiels mit der Kamera verfolgt.
    Weiterlesen: DeutschlandRadio Hörspielkalender Februar '99

    Aus: literaturkritik.de Nr. 2/3 März 1999
    Amerikanische Postmoderne
    Robert Coover und William Gaddis über die Welt als Vorstellung und Betrug
    Von Lutz Hagestedt
    .......Der ebenso dickleibige Roman des kürzlich verstorbenen William Gaddis, "Die Fälschung der Welt", ist bereits vor mehr als vierzig Jahren erschienen, und doch, auf etwas abstrakterer Ebene, durchaus mit "Johns Frau" vergleichbar. Auch Gaddis´ Romane gelten als postmoderne Dekonstruktionen des ›american way of life‹, auch hier wird "jeglicher Variante von Sexualität" (J. W. Aldridge) Raum gegeben, um von den permanenten Auflösungserscheinungen westlicher Wertesysteme zu erzählen. Der wichtigste semantische Raum aber, vom Zerfall zu erzählen, ist bei Gaddis die Religion. Zum einen führt der Roman dem Leser performativ vor Augen, daß er eine Fülle religiöser Texte, Figuren und Motive gar nicht mehr einordnen kann. Ein Führer durch Gaddis´ Roman versucht, dieses in Teilen apokryphe Wissen wiederherzustellen.
    Weiterlesen: http://www.literaturkritik.de/txt/1999-02-38.html

    aus: literaturkritik.de Nr. 4 - April 1999
    Vorbemerkung: Von ganz jungen und nicht mehr ganz jungen Autoren
    Von Lutz Hagestedt
    Was ihren Literaturbegriff angeht, so ist die Menschheit seit Platon nicht weitergekommen. So oder so ähnlich formuliert es der amerikanische Schriftsteller William Gaddis (1922 - 1999) in seinem letzten Werk, dem Hörspiel "Torschlußpanik", das - in Thomas Bernhard-Manier - eine große Abrechnung eines enttäuschten Autors mit der Welt inszeniert. Eine Welt, die weder das Werk noch den Dichter zu würdigen weiß, die alle Literatur auf ein dürftig Erlebtes reduziert, ohne Blick für das Kunstwerk selber. In der Praxis der gegenwärtigen Literaturkritik spiegelt sich wider, daß sie keinen Begriff hat von der Literatur: Nach wie vor spielt das biographische Argument in ihrer Argumentationskette die wichtigste Rolle. Ob versteckt oder nicht - fast jede Rezension unterstellt dem literarischen Kunstwerk, daß es (partiell oder zur Gänze) autobiographisch sei und auf Erlebtes zurückgehe.
    Weiterlesen: http://www.literaturkritik.de/txt/1999-04-13.html

    Ein letztes Mal der Roman als Medium der Weltausdeutung
    Mit William Gaddis, dem "bekanntesten Unbekannten der amerikanischen Gegenwartsliteratur" starb ein Romancier von größter literarischer Bedeutung
    Von Tilman Krause, in: Die Welt
    Sein Ruhm in Deutschland kam spät. Als der amerikanische Schriftsteller William Gaddis, der vorgestern im Alter von 75 Jahren auf Long Island bei New York starb, dann aber endlich bei uns durchdrang, kannte die Bewunderung keine Grenzen. Vielen Lesern wird noch erinnerlich sein, mit welchem Mediengetöse vor zwei Jahren das Erscheinen von "JR" und "Letzte Instanz" begleitet wurde. Von zwei "Jahrhundertromanen" war damals die Rede. Gaddis selbst wurde als "größter lebender amerikanischer Schriftsteller" gefeiert, in seinem Rang allenfalls von Joyce oder Proust übertroffen. Sicherlich hat bei diesen Superlativen eine Rolle gespielt, daß Deutschland in Sachen Gaddis etwas gutzumachen hatte.
    Weiterlesen: http://www.welt.de/daten/1998/12/18/1218ku83412.htx

    Des Pudels tausend Kerne
    von Gustav Seibt
    Wahlverwandtschaften, Wiedererkennungen: "Die Fälschung der Welt" von William Gaddis ist ein faustisches Endzeitbuch Der Leser des Romans "Die Fälschung der Welt" von William Gaddis macht schon bald nach Beginn die Bekanntschaft eines Pudels: "Sieht so aus, als ob uns der Hund da nachläuft", sagt eine der Figuren, "läuft immer im Kreis um uns herum, und jedesmal ein bißchen näher." Hier dürfte jedenfalls der deutsche Leser das Gefühl haben, einen alten Bekannten zu treffen: "Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen", sagt Goethes Faust im Osterspaziergang zu Wagner, "bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise/Er um uns her und immer näher jagt?"
    Weiterlesen: http://www.berlinonline.de/suche/.bin/mark.cgi/kultur/lesen/
    belle/.html/belle.199850.01.html?keywords=gaddis

     

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