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 Lange Nacht
 Sendung vom: Samstag 10.6.2000   • 23:05

Eine Lange Nacht mit neuen Chansons aus Frankreich
Unsere Liebe ist ein Krieg

 
Moderation:  Stephan Göritz
 

Totgesagte leben länger - diese Weisheit aus dem Spruchbeutel der Optimisten scheint sich auch in Sachen Chanson zu bestätigen. Das kleine intelligente Lied, das in drei Strophen mehr erzählt als mancher Roman in drei Bänden, war für einige Zeit neben den harten Rhythmen von Rock und Rap nur schwer wahrzunehmen. Viele prophezeiten schon seinen Tod, doch längst hat sich in Frankreich wieder eine neue Generation von Chansonpoeten auf den Weg gemacht. Sie schreiben und singen im Geiste der großen Chansonniers aus den Nachkriegsjahrzehnten wie Jacques Brel, Juliette Gréco oder Charles Aznavour, doch sie erzählen dabei von den Hoffnungen und Ängsten unserer Zeit.

 

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Jacques Brel Jacques Brel Da ist zum Beispiel Juliette, nicht die Gréco, sondern eine junge Frau aus dem Süden Frankreichs, die nur unter ihrem Vornamen auftritt. Sie ist klein, dick und kurzsichtig, auf der Straße würde man sie übersehen. Doch auf der Bühne wird sie zum Ereignis. Juliette singt von ihren geheimen Wünschen oder vom Schweigen, das oft so scharf wie ein Messer ist. Seit Juliette auf dem Musikfestival »Printemps de Bourges« debütierte, ging es mit ihrer Karriere langsam, aber stetig aufwärts. Unlängst gab sie sogar mehrere Konzerte im ›Olympia‹, dem legendären Pariser Show-Theater, in dem einst Edith Piaf oder Jacques Brel Triumphe feierten. Der ehemalige Arrangeur und Orchesterchef von Jacques Brel, François Rauber, ist es übrigens, der sich inzwischen auch um Juliette kümmert und ihr fantasievolle, farbige Arrangements schreibt. Unter seiner Leitung entstand die jüngste, die fünfte, CD von Juliette: »Assassins sans couteaux« (»Mörder ohne Messer«). Schon der Titel verspricht wieder Geschichten, die das Spektakuläre im Alltäglichen entdecken.

Geschichten, wie sie auch Allain Leprest in seinen Liedern erzählt. Er singt von den sogenannten kleinen Leuten im heutigen Paris. Wenn wir ihm zuhören, spüren wir die ganze Fröhlichkeit des Montmartre genauso wie eine Traurigkeit, tiefer als die Seine. Auch Allain Leprest ist nicht der Typ des strahlenden Entertainers. Man sieht ihm an, dass er nicht nur Freude erlebt hat, doch auch, dass er die Hoffnung nie aufgeben wird. So würde wohl Gavroche aussehen, hätte er erwachsen werden dürfen.

Dagegen scheint Véronique Pestel fast wie eine heutige Reinkarnation von Barbara. Wie Barbara, die geheimnisvolle Chansonpoetin der Nachkriegsjahre, begleitet auch sie sich allein am Klavier, ist ganz in Schwarz gekleidet und wirkt manchmal, als käme sie aus einer anderen Welt und würde nur kurz bei uns vorbeischauen mit ihren wunderschönen Liedern, die uns so viel zu sagen haben: Von der Mühe, die es macht, das Wort des anderen wirklich zu verstehen, oder von der Liebe, die schnell zum Krieg werden kann. Diese und andere Chansonsänger werden nicht von den großen Plattenfirmen vertreten. Ihre Lieder blühen auch in Frankreich oft noch im Verborgenen. Doch es lohnt, sie zu entdecken.

Gilbert Bécaud Gilbert Bécaud
 

Auch die Dinosaurier des französischen Chansons haben sich nicht zur Ruhe gesetzt. Maxime Le Forestier brachte unlängst eine CD mit Chansons seines Meisters und Freundes Georges Brassens heraus, die dieser kurz vor seinem Tod geschrieben hatte. Auch Gilbert Bécaud ist aktiv geblieben. Der heute 72-Jährige, dem sein Temperament einst den Spitznamen ›Monsieur 100 000 Volt‹ eintrug, erklärt uns auf seiner neuen CD, dass das wahre Leben erst in der Stille beginnt. Der 76-jährige Charles Aznavour spielte vierzehn seiner schönsten Chansons neu ein - nicht in verklärendem Nostalgie-Sound, sondern zusammen mit bekannten Jazzmusikern, wie dem kurz nach der Aufnahmen verstorbenen Michel Petrucciani. Und selbst Charles Trenet gab im vergangenen Jahr, mit 86, noch einmal ein großes Konzert.

Sie alle und viele mehr werden in der ›Langen Nacht‹ zu hören sein. Bis früh um zwei gibt es neue Chansons aus Frankreich, gesungen von jungen und alten Stars. Und mancher, wie Juliette oder Maxime Le Forestier, wird im Laufe der Nacht auch im Gespräch zu Wort kommen.

Stephan Göritz
Edith Piaf Edith Piaf  

Künstler

Juliette Greco

"Viele Erwachsene haben ihre Kindheit einfach vergessen. Sie glauben, sie sind jetzt reif, dabei machen sie nur reife Dummheiten. Es ist so wichtig, immer ein bißchen Kind zu sein, neu zu sein, nicht naiv, sondern neu, auch ein bißchen sorglos, natürlich nicht zuviel. Kinder sind kompromißlos, bei Sachen der Liebe, bei sehr, sehr wichtigen Sachen. Die Frivolitäten der Erwachsenen wie Ruhm und Geld interessieren die Kinder nicht. Und mich auch nicht. Es ist gelungen, ein bißchen Kind zu bleiben."

  • CD-Tipp: "Juliette - Assassins sans couteaux", Le Rideau Bouge

    Véronique Pestel

    "Wenn man wirklich lieben will, darf man nicht vor Schwierigkeite zurückschrecken. Es ist schwer, gut zu lieben. Lieben heißt immer auch, einen krieg führen. Einen Krieg gegen sich, gagen den anderen, gegen unser Leben. Liebe enthält immer auch den Haß, weil wir nicht nur mit all dem lieben können, was wir in uns haben. Wir können nur mit unseren Schwächen lieben."

  • CD-Tipp: "Véronique Pestel - Laisser-courre", Night&Day

    Gilbert Bécaud "Von wegen, das Chanson würde bald sterben! Diesen Unsinn höre ich mein ganzes Leben lang. Das Chanson stirbt jeden Morgen, und jeden Abend wird es wiedergeboren. Ich sage: Das Chanson ist nicht erschaffen worden, damit es stirbt, sondern damit es uns traurig und fröhlich sein läßt, damit es uns ein bißchen menschlicher macht. Nein, das Chanson stirbt nicht."

  • CD-Tipp: "Gilbert Becaud - Fait faire avec..." EMI

    Gilbert Laffaille

    "Ich liebe den Orient. Natürlich ist er sehr weit weg von Frankreich, aber ich verstehe mich mit seinen Menschen sehr gut. Ich fühle mich im Orient besser als in Ländern, die näher an Frankreich liegen. Als Reiseleiter habe ich vielen Menschen einige Geheimnisse des Orients zeigen dürfen, das war eine sehr schöne Zeit. Aber ich habe auch noch viele andere Berufe gehabt, ich war Menungsforscher, Französischlehrer, Bilderhändler. Heute bin ich längst Chansonsänger. Doch auch wenn ich meine früheren Berufe nicht mehr ausübe, ich glaube, sie helfen mir alle beim Liderschreiben. Von allen Erfahrungen. Die sich gemacht habe, profitiere ich auf der Bühne."

  • CD-Tipp: "Gilbert Laffaille - Ici", Auvidis

    Maxime Le Forestier

    "Ich habe immer meine Meinung gesagt. Ich bin gegen die Todestsrafe, und ich habe es gesagt. Ich habe auch gesagt, daß ich gegen den Faschismus bin. Im Moment gibt es bei uns eine rechtsnationale Strömung, die wird zeimlich stark. Die will eine Gesellschaft, die ich nicht will. Ich sage, daß ich dagegen bin. Aber ich werde mich nie vor den Karren einer Partei spannen lassen. Es ist nicht die Aufgabe des Sängers, den Dummheiten einer Partei die Dummheiten einer anderen Partei vorzuzeihen. Und sich im Wahlkampf für eine Partei zu engagieren, ist besonders gefährlich. Man weiß doch nie, was die anstellen werden, wenn sie wirklich an die Macht kommen."

  • CD-Tipp: "Maxime Le Forestier - 12 Nouvelles de Brassens", Polydor

    Links:

     

  • http://www.popsprite.de/snap/schall/index.html
    Hier werden von jungen Autoren alte und neue französische Pop-Phänomene verhandelt. Die Online-Popgazette SNAP kommt nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch äusserst interessant daher.

    http://www.club-internet.fr/chorus/
    CHORUS ist das amtliche (und quasi einzige) Magazin für Chansonfragen.

    http://www.liensutiles.org/musique.htm
    Ausführliche Linkliste zum Thema - auf Französisch

    http://perso.cybercable.fr/rassat/
    Chants populaires français

    http://francois.faurant.free.fr/barbara
    BARBARA: Ma plus belle histoire d'amour...c'est Vous

    http://chanter.com/
    Eine sehr umfangreiche Linkliste zu einzelnen SängerInnen bietet dieses französischsprachige Internetangebot. Ausserdem im Programm: Mp3-Suchmaschine, Chanson-Texte und Hitparaden.

    http://www.inrockuptibles.com/
    Noch ein amtliches französisches Musikmagazin, dass sich aber nicht auf Chansons beschränkt, sondern alle Stile und Richtungen im Auge behält. Vergleichbar vielleicht mit der deutschen SPEX.

    http://www.musique-francaise.de/
    Diese Seiten bieten Ihnen Informationen zu dem, was in Frankreich musikalisch "in" ist. Ab 1998 werden sowohl die nationalen, als auch die internationalen Hits präsentiert. Daneben gibt es Bilder, Liedertexte und MP3-Dateien.

    http://www.dradio.de/dlf/
    sendungen/langenacht/981009.html

    Spar deinen Schmerz nicht auf für morgen - Edith Piaf und Jacques Brel in einer Langen Nacht

    http://www.dradio.de/dlf/
    sendungen/langenacht/990910.html

    Chansons der Pariser Nachkriegsjahre in einer Langen Nacht Skandal des Glücks

     

    Juliette Gréco
     Juliette Gréco
     

    Literaturtipps

    Lexika und Porträtsammlungen:

    • Matthias Henke:
      Die großen Chansonniers und Liedermacher -
      Wichtige Interpreten, bedeutende Dichtersänger
      Hermes Handlexikon, Düsseldorf, Econ 1987

    • Sabine Renken (Hg.)
      Chanteusen - Stimmen der Großstadt
      Mannheim, Bollmann 1997

    Übergreifende Darstellungen/ Textsammlungen

    • Wihelm Neef
      Das Chanson - Eine Monographie
      Leipzig, Koehler&Amelang 1972

    • Felix Schmidt
      Das Chanson - Herkunft, Entwicklung,
      Interpretation
      Frankfurt/M. Fischer-Taschenbuchverlag 1982


    • Dietmar Rieger (Hg.) Von Béranger bis Barbara -
      Französische Chansons
      zweisprachig, deutsch von Dietmar Rieger
      Stuttgart, Reclam 1987

    • Elisabeth Bügler-Arnold
      Das französische Chanson der Gegenwart
      Die neunte Kunst in ihrer Selbstbestimmung
      Mannheim, Universität 1993

    • Ursula von Kardorff
      Adieu Paris - Streifzüge durch die Stadt des
      Bohéme
      Reinbeck, Rowohlt 1993

    • Mona Wosak
      Poetischer Paris-Führer
      Gedichte und Chansons, zweisprachig,
      Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994

    • Andrea Oberhuber
      Chanson(s) des femme(s)
      Entwicklung und Typologie der weiblichen Chansons in
      Frankreich 1968 - 1993
      Berlin, Schmidt 1995

    • Andrea Weiss
      Paris war eine Frau - Die Frauen von der Left Bank
      Dortmund, Eberbach 1996
    • Andrea Oberhuber
      Chanson(s) de femme(s) - Entwicklung und Typologie des weibliches Chansons in Frankreich 1968-1993
      Berlin, Schmidt 1995

    Léo Ferré
     Léo Ferré
    Einzelne SängerInnen und DichterInnen:


    • Frauke Deißner-Jenssen (Hg)
      Chanson - mein Leben. Aus den Erinnerungen großer
      Interpreten: Yvette Guilbert, Minstiguette, Maurice
      Chevalier, Edith Piaf, Yves Montand, Charles Aznavour
      Berlin, Henschel 1975

    • Georges Brassent
      Ich bitte nicht um deine Hand - Chansons
      zweisprachig, deutsch von Gisbert Haefs
      Hamburg, Zweitausendundeins, 1996

    • Olivier Todd
      Jacques Brel - ein Leben
      Bremen, Achilla-Presse 1997

    • Léo Ferré
      Chansons
      zweisprachig, deutsch von Christine Hetzenauer,
      Berlin, Centre Culture Francais 1986

    • Serge Gainsbourg
      Je t'aime - Liedertexte
      zweisprachig, feutsch von Barbara Höhfeld
      Echternach, Edition Phi 1989

    • Juliette Gréco
      Ich bin, die ich bin - Erinnerungen
      München, Knaur 1982

    • Rolf Kloepfer/Wolfgang Scherer
      Charles Trenet - Verzauberung und technische Medien im Chanson
      Mannheim, Mana 1986

    • Jorge Semprun
      Yves Montand: Das leben geht weiter
      Frankfurt/M., Insel 1984

    • Hervé Hamon/Patrick Rotman
      Yves Montand: Du siehst, ich habe nicht
      vergessen - Ein Leben in diesem Jahrhundert
      Berlin, Rütten&Loening 1991

    • Cathérine Allégret
      Rendez-vous mit der verlorenen Zeit - Die Jahre mit
      meiner Mutter Simone Signoret und Yves Montand
      Köln, Kiepenheuer&Witsch 1997

    • Monique Lange
      Edith Piaf
      Reinbeck, Rowohlt 1966

    • Joelle Monserrat
      Edith Piaf: Non, je ne regrette rien
      München, Panorama 1985

    • Margret Grosland
      Piaf
      Neuausgabe, Berlin Ullstein 1997

    • Matthias Henke
      Süchtig nach der Sehnsucht - Edith Piaf
      München und Düsseldorf, Econ (Rebellische Frauen)
      1998

    • Jacques Prévert
      Gedichte und Chansons
      zweisprachig, deutsch von Kurt Kusenberg, Reinbeck
      1962

    • Jacques Prévert
      Das sanfte gefährliche Antlitz der Liebe
      deutsch von Heribert Becker
      Berlin, Kramer 1991

    • Manfred Schneider
      Die Kinder des Olymp - Triumph der Schaulust
      Texte, Dokumente, Kommentare zum Film von Jacques
      Prévert
      Frankfurt/M. Fischer Taschenbuchverlag 1985

    • Philippe Boggio
      Boris Vian - Biographie
      Köln und Basel, Bruckner&Thünker 1995

       

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