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 Lange Nacht
 Manuskript vom: Sa. 30.12.2000 • 23:05

Eine Lange Nacht mit Wladimir Rosenbaum
Das Wort ist meine Musik
Wladimir Rosenbaum
Wladimir Rosenbaum

 

Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin
Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin

Autor:  Bernd H. Stappert

Ein blutjunges Paar im Zürcher Photostudio während des Ersten Weltkrieges: Sie, Jahrgang 1888, eine Ducommun-Ditignon-de Valangin, notable Bürgerherkunft aus Neuenburg/Bern; er, Jahrgang 1894, ein Rosenbaum aus Minsk, der seit seinem achten Lebensjahr in der Schweiz Zuflucht genommen hat vor den mörderischen Pogromen des zaristischen Russland. Sie ist bereits Pianistin von Weltformat, er - noch als Jura-Student - Chef des Rechtsbüros des Eidgenössischen Brotamtes und bald schon - mit nur 23 Jahren - Anwalt: Ein »Fürsprech«, der binnen kurzem kometenhaft aufsteigt, noch in den Zwanziger Jahren gemeinsam mit Aline, seiner Frau, ein großes Haus im Zentrum Zürichs führt, das nicht nur am monatlichen »jour fixe« als Treffpunkt der künstlerischen und geistigen Elite gilt. Hans Arp und Max Ernst gehen ein und aus, Ignazio Silone und Ernst Toller; Elias Canetti liest aus seiner »Blendung«, und Thomas Mann, Hermann Hesse und Martin Buber finden hier ihr Auditorium. Doch in ein anderes bürgerliches Haus wird Wladimir Rosenbaum in Zürich nicht eingeladen: Der subkutane schweizerische Antisemitismus, der ihn 1908 in Lausanne als Vierzehnjährigen aus der Bahn warf, blieb virulent - sowohl beim »Spanienprozeß« Ende der Dreißiger Jahren, der Rosenbaum das Anwaltspatent kostete, wie auch beim »Thil-Prozeß« Mitte der Fünfziger Jahre. Doch trotz aller jeweiligen Erschütterung blieb Wladimir Rosenbaum gegenüber dem latenten Judenhass offensiv, so wie schon Ende der Zwanziger Jahre beim berühmten »Riedel-Quala-Verfahren«. Als ihn dort der Staatsanwalt stets den »Herrn Rosenbaum aus Zürich« nannte und nicht als den »Herrn Fürsprech« titulierte, eröffnete Rosenbaum sein Plädoyer so: »Ich bin nicht nur der Herr Rosenbaum aus Zürich: Ich bin der Jude Rosenbaum aus Litauen, ein eingebürgerter Papierschweizer. Das hindert mich aber nicht, die Schweiz mehr zu lieben als der Herr Staatsanwalt!« Wladimir Rosenbaum: Ein Meister des Wortes und dessen Diener, ein Jude eben, wie er selber sagte, mit der »Fähigkeit, das Wesentliche einer Situation zu erkennen und es in die richtige Parabel zu kleiden«; oder, wie er es fast hymnisch formuliert: »Das Wort ist mein Champagner, das Wort ist meine Musik, das Wort ist mein Leben!«

 

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Geschichte zweier Leben Geschichte zweier Leben Peter Kamber
Geschichte zweier Leben
Wladimir Rosenbaum
Aline Valagin
Limmat Verlag, Zürich 2000

Das Porträt eines Mannes und einer Frau, deren Liebesgeschichte das historische Psychogramm einer ganzen Epoche in sich birgt. Das Haus von Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin diente im Zürich der dreissiger Jahre als Salon der künstlerischen Avantgarde und Zufluchtsort für Verfolgte. Wladimir Rosenbaum, eine der Hauptzielscheiben der Hetze der schweizerisch-faschistischen Zeitung «Die Front», Mäzen, Antifaschist und Lebemann, hatte als Kind vor den zaristischen Pogromen fliehen müssen und war einer der berühmtesten Schweizer Anwälte geworden. Aline Valangin, Pianistin und nach einer Psychoanalyse Schriftstellerin, war Vertraute vieler Autorenkollegen. James Joyce erzählte ihr seine Träume, und zu ihren Geliebten gehörten Tucholsky und Ignazio Silone. Die offene Ehe erlebten Rosenbaum und Valangin als erregende Herausforderung der Moderne, nicht als chronique scandaleuse.
Aus: http://www.limmatverlag.ch/biograph/kamber/kamber.htm

 

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