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Lange Nacht
Manuskript vom: Samstag 15.12.2001   • 23:05

Eine Lange Nacht über Russen in Berlin
"... wie ein See inmitten seiner Ufer."
Moderation:  Dietrich Möller

"Es riecht nach Russland", notierte einst Andrej Belyj in Berlin, allenthalben träfe er auf Landsleute: "und hört man einmal deutsch, ist das Staunen groß: Wieso? Deutsche? Was haben die in "unserer" Stadt zu suchen? Und Viktor Schklowskij schrieb: "Die Russen in Berlin ziehen ihre Kreise um die Gedächtniskirche wie Fliegen um den Kronleuchter. ... Wir leben zuhauf unter den Deutschen, wie ein See inmitten seiner Ufer." Alle, alle schien es in die Stadt zu ziehen, die Zwetajewa und den Pasternak, Majakowskij und Pilnjak, Ehrenburg und Aleksej Tolstoj, Jessenin und Berdjajew, Meyerhold und Lissitzkij. Wladimir Nabokows erster russischsprachiger Roman entstand hier; wie auch die nächsten sieben, und sie spielten allesamt ganz oder teilweise vor Berliner Kulisse. Damals in den Zwanziger Jahren.

Es riecht wieder nach Russland. Wo einst sich die Creme der russischen Literatur ein Stelldichein gab, dazu Revolutionäre und Konterrevolutionäre, Monarchisten und Sozialisten, tummeln sich heute die "neuen" Russen - Touristen und Aussiedler, Glückssucher und Emigranten, aber immer auch noch Literaten und - viele Musiker.

Die Lange Nacht zum Thema bietet ein Kaleidoskop aus historischen und literarischen Reminiszenzen, aus Reportagen und Gesprächen.

 

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Wictor Schklowski: "Zoo oder Brief nicht über die Liebe"

Sie umschwärmen die Gedächtniskirche "wie Fliegen den Kronleuchter" schrieb der russische Dichter und Sprachwissenschaftler Wiktor Schklowski über die emigrierten Russen Anfang der 20er-Jahre in seinem Erzählfragment "Zoo oder Briefe nicht über die Liebe". Das russische Emigrantenmilieu bestand damals in Berlin zu einem großen Teil aus Unternehmern, Geschäftsleuten, zarentreuen Politikern und Offizieren. Für deren feinere Bedürfnisse waren die russischen Juweliere, Kunstschneider und Pelzsalonbesitzer am Kurfürstendamm zuständig. Die meisten von ihnen flüchteten 1923 vor der Weltwirschaftskrise nach Paris.

Seit dem Ende der Sowjetunion ziehen Russen am Kurfürstendamm nun wieder ihre Kreise. Bei Luxusdesignerläden wie Hellmann, Versace, Jil Sander, Gucci, Louis Vuitton, Escada, Prada gehören sie zur Stammkundschaft. Von den "Neuen Russen" spricht man in diesen Läden nicht mehr. "Die Zeiten, in denen schnell reich gewordene Russen die Regale leer kaufen, sind vorbei", meint der "Shopmanager" eines Luxuswarengeschäfts am Kudamm, der namentlich nicht genannt werden möchte. Dafür müssten die Modelle allerdings nicht mehr so schrill und auffällig wie noch vor ein paar Jahren sein.

Weiterlesen: http://www.taz.de/pt/2001/04/28/a0208.nf/text

Andrej Belyi: "Wie es in Berlin ist"

Andrej Belyi
Petersburg
Insel, 630 S., DM 68.-,
"Im Leben eines Symbolisten", schrieb die russische Dichterin Marina Zwetajewa, "ist alles Symbol. Unsymbolisches gibt es nicht." Dabei hatte sie vor allem an Andrej Belyj gedacht, der in seinem zwischen 1911 und 1913 entstandenem Roman Petersburg geradezu eine halluzinatorische Anrufung des Symbolischen unternimmt; angefangen bei den Farben, Orten, Begegnungen, bis hin zu literarischen Anspielungen, Querverweisen und musikalischer Komposition scheint alles die Aura eines Zeichens anzunehmen. Auch deshalb stieß Belyj bei der zeitgenössischen Kritik auf Ratlosigkeit
http://www.dradio.de/cgi-bin/
user/fm1004/es/neu-lit-buch/3350.html

Petersburg 1905: vierundzwanzig Stunden aus dem Leben des Revoluzzers und Kant-Adepten Nikolaj Apollonowitsch, der seinen Vater, einen Senator, mit einer Bombe ermorden soll. Aber schon ein lächerlicher Auftritt des Sohnes genügt, um den Vater zu Fall zu bringen. Unnachahmlich hat Andrej Belyj in seinem berühmtesten Roman die vorrevolutionäre Stimmung im alten Petersburg eingefangen. Für Nabokov gehört "Petersburg" neben Joyces "Ulysses" und Kafkas "Prozess" zu den drei großen Prosawerkendes 20. Jahrhunderts. Das 1911-13 entstandene Buch, das hier erstmals in der ungekürzten Urfassung auf deutsch erscheint, ist ein Bewusstseinsroman aus dem Geist der Musik. Petersburg am Vorabend der Revolution 1905. Giftige, grünliche Nebel ziehen von der Newa herüber und verwandeln die Passanten auf dem Newskij Prospekt in Schatten. Ein Mordanschlag wird vorbereitet. Er gilt dem Senator Apollon Apollonowitsch Ableuchow, einem jener fortschrittsgläubigen Verwaltungsbeamten, die den gewaltigen Ausdehnungen des Russischen Reiches mit Zirkularen, Tintenlöschern und Aktenzeichen zu Leibe rücken. Sein Sohn Nikolaj Apollonowitsch, ein grüblerischer junger Mensch, ist in die Kreise der Verschwörer geraten und erhält den Auftrag, die Bombe im Arbeitszimmer seines Vaters zu deponieren. Das Ungeheure nimmt seinen Lauf - oder ist es nur ein "Hirnspiel" wie der Schauplatz Petersburg selbst, diese allerphantastischste, abstrakteste, ausgeklügeltste Stadt der Welt, die eines Tages wieder spurlos verschwinden wird? Das Irrationale, Ahnungsvolle wird einem präzis kalkulierten System aus Tönen, Leitmotiven, metrischen Strukturen und Bedeutungen unterworfen, die jedem Detail des Textes seine Funktion zuweisen. Puschkin, Gogol und andere Baumeister des Petersburg-Mythos haben ihren Anteil an Belyjs polyphonem, von Groteske und Parodie durchzogenem Sprach- und Gedächtniskunstwerk, das die Stadt restlos in den Traum ihrer selbst verwandelt.

Andrej Beljys "Petersburg" liegt erstmals in vollständiger Übersetzung vor Endlich vollständig, endlich adäquat übersetzt - soeben ist ein Roman erschienen, der erstmals für deutsche Leser in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen ist. "Petersburg" gehört zu den weltliterarischen Ereignissen, die man miterleben sollte. Die Hauptperson ist Nikolaj Ableuchow, ein Student. Er plagt sich, heiß und gekränkt liebt er eine verheiratete Frau, schmerzlich vermisst er seine Mutter, die mit einem italienischen Künstler durchgebrannt ist, wütend will er sich von seinem Vater lösen, bei dem er wohnt und mit dem er doch immer wieder in die gewohnten, wohligen Gespräche beim Mittagessen verfällt. Der alte Ableuchow ist eine lächerlich-wunderbare Erfindung des Zarismus: "Kurz, er war der Chef der Behörde". Er erteilt Bescheide auf Bittgesuche. Bei ihm herrscht nicht nur Ordnung, sondern ein ganzes Ordnungssystem.
Weiterlesen:
http://www.literaturkritik.de/welcomeneu.html?maifra=
http://www.literaturkritik.de/txt/2001-11/2001-11-0066.html

Symbolismus
von Andrej Belyj
http://home.germany.net/100-163279/illeguan/bely_sym.htm

Das Projekt www.Russland-in-Berlin.de wurde wegen der Notwendigkeit der Systematisierung der Informationen und Angaben über das russische Berlin erarbeitet.
In Deutschland lebt eine große Zahl von Bürgern, die aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind. Allein die Zahl der Russlanddeutschen beläuft sich nach vorsichtigen Schätzungen auf 3,2 Millionen. Eine der größten Gruppen der russischsprachigen Bevölkerung lebt in Berlin. Doch die Russen bilden nur einen kleinen Teil des russischsprachigen Berlins, das eine erhebliche Zahl der Menschen verschiedener ethnischer, kultureller und religiöser Angehörigkeit darstellt: Ukrainer, Weißrussen, Tataren, Armenier, Aserbaidschaner usw.
Wie lebt das russischsprachige Berlin heute? Welchen Beitrag macht die russische Gemeinde im Kulturleben von Berlin? Wie sieht der Dialog zwischen den alteingesessenen Berlinern und neuen Bürgern aus dem Osten aus?
Zur Zeit gibt es in Berlin viele russischen Zentren, Organisationen, Vereine, doch die Möglichkeiten der Kooperation und Zusammenarbeit werden nicht vollständig genutzt. Eine Stadt wie Berlin, die Anspruch auf die Rolle eines Kulturzentrums hat, das den Osten und Westen vereinigt, braucht eine Datenbank, die Kenntnisse, Lebens- und Kulturerfahrungen aus Osteuropa und Asien vereinigt.
http://www.russland-in-berlin.de/
Wir_uber_uns/wir_uber_uns.html

Abriss der Geschichte des russischen Berlins
Es gibt keine andere Stadt in der Welt, wo die Schicksale der beiden Nationen: Russen und Deutschen so eng mit einander verflochten waren: sowohl im Guten, als auch im Bösen. Krieg und Frieden, unheilige Allianz und kulturelle Nähe, Auseinandersetzungen und Zusammenarbeit. "Nirgends hat sich der Knoten der deutsch-russischen Beziehungen so dramatisch zusammengezogen wie in Berlin" (Karl Schlögel "Berlin Ostbahnhof Europas").
Wie veränderte sich das russische Berlin im Laufe von Jahren, Jahrzehnten? Wie sah es an den Wendepunkten aus? Wie prägten verschiedene Epochen seine Gestalt? In zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Berlin zum Ankerplatz von Tausenden russischer Emigranten. Allein 1923 suchten in Berlin 360000 Russen Asyl. Der Völkerbund verzeichnete für dasselbe Jahr 600000 Flüchtlinge aus Russland für das gesamte Reichsgebiet. Russische Rede war üblich für Berlin. Deutsche und Russen nannten den Kurfürstendamm in Anlehnung an den Petrograder Nevskij Prospekt und in Anspielung auf Lenins "Neue ökonomische Politik" den NEPskiProspekt. Sie erzählten sich Russenwitze, wie den von dem alten Berliner, der sich auf dem Kudamm nicht mehr verständigen kann, weil überall nur noch Russisch gesprochen wird, und der sich zu Hause aufhängt, nachdem er in einem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift "Man spricht auch Deutsch" gesehen hat.
Weiterlesen:
http://www.russland-in-berlin.de/Projekte/
Dokumentation/dokumentation.html

Sehr interessanter Link mit Kulturangeboten, Literaturliste

Marina Zwetajewa: "An Berlin"

Marina Zwetajewa
Liebesgedichte
Mit Aquarellen von Leiko Ikemura
Herausgegeben, aus dem Russischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Ralph Dutli
Amman Verlag

Marina Zwetajewa ist eine der großen Liebenden der Weltliteratur, eine Liebende voller "Maßlosigkeit in einer auf Maß bedachten Welt". Der vorliegende Band mit Liebesgedichten ermöglicht einen neuen Blick auf die poetische, existentielle und erotische Radikalität dieser russischen Dichterin. Es sind an Frauen wie Männer - und allem zuvor: an die Liebe - gerichtete Gedichte, von denen die Mehrzahl erstmals ins Deutsche übertragen wurden: etwa der um Marina Zwetajewas lesbische Beziehung zur Dichterin Sofija Parnok kreisende siebzehnteilige Gedichtzyklus "Die Freundin" (1914/1915) oder der an Boris Pasternak gerichtete Zyklus "Kabel" von 1923.

Russische Haus der Wissenschaft und Kultur ein!
Das Russische Haus ist ein Teil Russlands für Landsleute und deutsche Freunde. Unser Haus mit einer Fläche von 29000 qm bietet für seine Gäste einen Großen Saal mit 500 Zuschauerplätzen, ein Kinotheater, Clubräume, Musik- und Tanzsalons, Ausstellungs- und Lehrräume.
http://www.russisches-haus.de/

Wladimir Kaminer
Russendisko.
(Manhattan).
2000.
-GOLDMANN-

Wladimir Kaminer stellt das neue Berlin auf den Kopf - als Autor und Geschichtenerzähler mit dem Motto: "Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen, beobachten, statt fantasieren" Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin, wo er inzwischen als freier Autor und kreatives Multitalent so bekannt wie erfolgreich ist. Kaminer veröffentlicht regelmäßig Texte in den "Berliner Seiten" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hat eine Kolumne in der taz. Außerdem moderiert er beim SFB eine eigene Sendung, "Wladimirs Welt", und organisiert im Kaffee Burger Veranstaltungen, wie seine inzwischen berüchtigte "Russendisko"

Leseprobe:

"In Ostberlin nimmt Honecker Juden auf...Für mich ist es zu spät, die Richtung zu wechseln, ich habe schon alle meine Millionen nach Amerika abtransportiert," sagte er zu uns. "Doch ihr seid jung, habt nichts - für euch ist Deutschland genau das richtige, da wimmelt es nur so von Pennern. Sie haben dort ein stabiles soziales System. Ein paar Jungs mehr werden da nicht groß auffallen..."

Es war eine spontane Entscheidung. Außerdem war die Emigration nach Deutschland viel leichter als nach Amerika - die Fahrkarte kostete nur 96 Rubel, und für Ostberlin brauchte man kein Visum. Mein Freund Mischa und ich kamen im Sommer 1990 am Bahnhof Lichtenberg an. Die Aufnahme verlief damals noch sehr demokratisch. Aufgrund der Geburtsurkunde, in der schwarz auf weiß stand, dass unsere beiden Eltern Juden sind, bekamen wir eine Bescheinigung in einer extra dafür eingerichteten Westberliner Geschäftsstelle in Marienfelde. Dort stand, das wir nun in Deutschland als Bürger jüdischer Herkunft anerkannt waren. Mit dieser Bescheinigung gingen wir dann zum ostdeutschen Polizeipräsidium am Alexanderplatz und wurden als anerkannte Juden mit einem ostdeutschen Ausweis versehen. In Marienfelde und im Polizeipräsidium in Mitte lernten wir viele gleichgesinnte Russen kennen - die Avantgarde der fünften Emigrations-Welle.
Weiterlesen:
http://www.russendisko.de/

Kakerlaken rennen in Mitte
Beim russischen Neujahrsfest wurde auf possierliche Küchentiere gewettet

Zum russischen Neujahrsfest sind die Kakerlaken los. Hunderte von Gästen haben sich am Samstagabend in der Sergej-Mawrizki-Stiftung in der Chausseestraße 131 in Mitte versammelt. Von Wodka benebelt drängen sie sich um eine Rennbahn aus flachen Plexiglaskasten. Jeweils sieben prächtige Küchenschaben treten in drei Durchgängen zum Wettlauf an.

Das Publikum schließt Wetten ab, mindestens 10 Mark Einsatz. Der Schiedsrichter im Smoking streift sich seine weißen Stoffhandschuhe über und setzt die Sprinter behutsam in ihre Startboxen. Die Kakerlaken sprinten in voneinander abgetrennten Rennbahnen los. Es ist das fünfte Kakerlakenrennen, das Makarow in Berlin veranstaltet. Makarow stammt aus Moskau, hat von 1975 bis zum Fall der Mauer in Ostberlin gelebt und dort an der Kunstakademie Malerei studiert. "Das Kakerlakenrennen ist eine alte russische Tradition", erklärt Makarow. Erfunden wurde es von Exilanten in Konstantinopel, die vor den Wirren der Oktoberrevolution 1917 geflohen waren. Die Rennen wurden in Michail Bulgakows satirischem Roman "Die Flucht" verewigt. Makarow ist Gründer der Sergej-Mawrizki-Stiftung, die der kulturellen Verständigung zwischen Deutschland und Russland dient. Sie vergibt unter anderem Stipendien an Autoren.
Aus:
http://www.taz.de/pt/2001/01/15/a0176.nf/text

Der Maler Nikolai Makarow ist bekannt für seine Feste und Kakerlakenrennen in Berlin - doch nicht alles, was er tut, ist ein Stück Boheme
dazu:
http://www.berlinonline.de/wissen/berliner_zeitung/
archiv/2001/0623/blickpunkt/0007/

Russische Kultur und Leben in Berlin
http://www.vasin.de/cgi-local/interesno/firmen.pl?Firma

Russisches Kammertheater Berlin
Kulturbrauerei
Knaackstr. 97 - Ecke Danzinger Str.
D- 10435 Berlin
http://www.petersburger-dialog.de/

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst
Nach den deutsch-sowjetischen Vereinbarungen über den Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland einigten sich beide Seiten bereits 1990, an diesem Ort gemeinsam an das historische Ereignis zu erinnern, mit dem der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Herrschaft beendet wurden. Die schmerzhafte Bedeutung dieses Krieges für beide Länder führte zu der bisher einmaligen Gründung eines Museums, in dem die ehemaligen Kriegsgegner gemeinsam an diesen Krieg erinnern. Träger des Museums ist ein von beiden Partnern getragener Verein.
http://www.museum-karlshorst.de/html/
museum/museum/index.shtml

Am 1. Mai 1987 eröffneten Ritschl und seine Frau das Restaurant unter dem Namen "Paris-Moskau" neu. Denn der Paris-Moskau-Express rollt seit 120 Jahren morgens und abends donnernd direkt am Haus vorbei. So wurde symbolisch Berlin, auf halber Strecke liegend, mit den beiden Hauptstädten verbunden. Die Idee traf den Zeitgeist. Die erfolgreiche Cocktailkreation "Glasnost" tat ein Übriges. "Zart rosa und durchsichtig war sie, wie die damalige sowjetische Politik", beschreibt Ritschl. Aus französischem Kir Royal und Wodka Gorbatschow war die Mixtur des beziehungsreichen Gesöffs. Die Folgen vom realen "Glasnost" kamen unerwartet. "Es war nach 22 Uhr. Plötzlich strömten Scharen von Menschen herein. Wir wussten gar nicht, was los war", erinnert sich Ritschl. Die 900 Meter entfernte Mauer, der Übergang Invalidenstraße, war offen und das "Paris-Moskau" für die Hereinströmenden das erste Lebenszeichen im Westen, bis dahin war die ganze Gegend dunkel und unheimlich, nur verwahrloste Ödnis. Doch jetzt ging die Party los, alle waren eingeladen. Und manch einer wurde noch am selben Abend eingestellt.
Weiterlesen:
http://www2.tagesspiegel.de/archiv/
2000/08/18/ak-be-st-20219.html

Aus alter Tradition:
Berlin treibt es bunt
Die Hauptstadt war und ist ein Schmelztiegel für die unterschiedlichsten Kultureinflüsse
Vergleichbar mit den Goldenen Zwanzigern, als Charlottenburg im Volksmund "Charlottengrad" hieß, ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs der Zuzug von Künstlern aus Osteuropa, die in allen Sparten vertreten sind. In Prenzlauer Berg gibt es ein Russisches Kammertheater, während sich die literarische Avantgarde gerne im Kaffee Burger versammelt. Die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion beleben auch das jüdische Element in der Berliner Kultur. Konzerte mit jiddischer Musik im Hackeschen Hof-Theater etwa sind ein Publikumsmagnet, und das neu eröffnete Bamah in Wilmersdorf nimmt für sich in Anspruch, das erste jüdische Theater in Berlin seit der Nazizeit zu sein.
weiterlesen:
http://morgenpost.berlin1.de/archiv2001/
010620/beilage/story432669.html

Russische Adressen in Berlin:
http://www.berlin-russisch.de/Russisch-Berlin-deutsch.htm

Karl Schlögel
Berlin, Ostbahnhof Europas.
Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert.
1998. -SIEDLER-

Karl Schlögel schildert die wechselvolle russisch-deutsche Beziehung dieses Jahrhunderts im Mikrokosmos der Stadt Berlin. Da sind die zwanziger Jahre, als Berlin zum Zufluchtsort für Hunderttausende von russischen Emigranten wurde - mit eigenen Cafes, Kulturzentren, Verlagen, Buchhandlungen, da ist das sowjetisch-kommunistische Berlin und die neue, moderne Metropole mit ihren "bisnesmeny".

Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918-1941
Hrsg. v. Karl Schlögel, Katharina Kucher, Bernhard Suchy u. a.. 1999.
-AKADEMIE-VERLAG-

Elke Schmitter
Moskau - Berlin - Stereogramme