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Lange Nacht
Manuskript vom: Samstag 19.1.2002   • 23:05

Eine Lange Nacht über die Welt als Kaufhaus
Zahltag! oder Alles hat seinen Preis
Autor:  Michael Langer
Gesprächsteilnehmer:  Monika Osberghaus
 Wilhelm Hochkeppel
 Judith Wilske

Das Menschenbild im 21. Jahrhundert lautet: Homo Oeconomicus. Wahlweise auch: Homo Consumans. Bekanntlich soll der kapitalistische neoliberale Markt alles richten. Nach dem Zeitalter der Utopien sind ausser der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche kaum noch Visionen übriggeblieben. Gerne geht man mit der Konjunktur. Das Marketing hat den Menschen-als-Kunden entdeckt und die Welt als Bühne für den Erlebniseinkauf. Der Bürger mutiert inzwischen zum reinen Verbraucher. Wem das Wirtschaftswachstum ein eherner Wert ist, der mag auch am Kaufrausch nichts auszusetzen haben. Shopping? Na Logo! - Aber warum bloß sollten wir eigentlich immerzu konsumieren? Die Lange Nacht über die Welt als Kaufhaus mit Antworten und Ansichten u.a. von "Why-do-you-shop?", Naomi Klein oder Raul Vaneigem: "Tatsächlich ist mir die Welt nicht fremd, aber alles ist mir in einer Welt fremd, die sich verkauft, statt sich zu schenken - sogar der ökonomische Reflex, dem meine Gesten manchmal folgen."

 

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Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren auch ein Anschlag auf die westlichen Ideale einer Konsumgesellschaft. Das New Yorker World Trade Center wurde auch deshalb von Terroristen zerstört, weil sie das WTC als Zentrum westlicher Wirtschaftskraft und als das wichtigste Symbol eines amerikanischen Kaufhauses ansahen - so eine Interpretation dieses ungeheuerlichsten terroristischen Anschlags auf die Menschlichkeit. Kapitalismuskritik, Zweifel am globalisierten Wirtschaftssystem des 21. Jahrhunderts wird nach dem 11. September 2001 von manchen, vor allem von amerikanischen Zeitgenossen als politisch unkorrekt beargwöhnt, wie beispielsweise die Diskussion um die amerikanische Essayistin Susan Sontag zeigte, die zwei Tage nach den Terroranschlägen fragte:
"Wo ist das Eingeständnis, dass es sich nicht um einen "feigen" Angriff auf die "Zivilisation", die "Freiheit", die "Menschlichkeit" oder die "freie Welt" gehandelt hat, sondern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde?"
Weiterlesen unter: http://sontag.4t.com/
"Unsere Stärke wird uns nicht helfen"
Susan Sontag über Amerikas Selbstbetrug - gelesen in der American Academy, Berlin, am 13.09.2001

In der Wochenzeitung Die Zeit hieß es dazu:
So lebt es sich dieser Tage in Amerika: Man soll das Leben genießen und möglichst viel einkaufen, dabei aus dem Augenwinkel auf verdächtige Gestalten und Autos achten und sich abends vor dem Fernseher über Milzbrand, angeblich zielgenaue Raketen und Care-Pakete informieren lassen. "Mit Grüßen von der New Yorker Feuerwehr", haben Soldaten auf Bomben geschrieben, bevor die Kampfflugzeuge starteten. "Erdnussbutter und Marmelade sind auch drin", sagt der Militärkorrespondent und präsentiert ein gelb leuchtendes Essenspaket.

Ein Krieg mit derart wirren Signalen ist ein wenig zu viel für die kollektive Seele des Landes - auch wenn es nach außen hin unter der Fahne vereint scheint und 94 Prozent der Bürger die Militärschläge gegen Afghanistan unterstützen. Es ist eine Debatte darüber entfacht, wie das Land als Supermacht wahrgenommen wird, welche Risiken dieser Krieg birgt und wie es um den traditionellen amerikanischen Anspruch auf Moral bestellt ist.

Intellektuelle spielen dabei, sofern sie überhaupt wahrgenommen werden, die Rolle der Prügelknaben. Susan Sontags empörter Ausruf gegen die "falsche Einstimmigkeit der Kommentare" brachte ihr viel Häme ein. Der konservative Weekly Standard vergibt seither ein "Susan-Sontag-Zeugnis zur Anerkennung besonderer Dummheit von Intellektuellen". Sontag hatte geschrieben, die Angriffe der Terroristen seien kein "Angriff auf die Freiheit", sondern ein Angriff auf die Vereinigten Staaten gewesen, "als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen" der einzigen Supermacht. Das verstieß noch gegen das Verbot der Motivforschung - unter anderem postuliert im Wall Street Journal, dessen Kommentatoren den Patriotismus all jener in Frage stellten, die sich anschickten, die Beweggründe der Attentäter zu verstehen.

11. September 2001. Die Attentate auf die USA und ihre Folgen, Teil I.
Eine Dokumentation mit ZEIT-Artikeln und Internet-Hinweisen.
Dienstag 11. September bis Sonntag 16. September 2001
http://www.zeit.de/Schwerpunkte/
Politik/attentat_usa2/Beschreibung.html

11. September 2001. Die Attentate auf die USA und ihre Folgen
Eine Dokumentation mit ZEIT-Artikeln und Internet-Hinweisen
http://www.zeit.de/Schwerpunkte/
Politik/attentat_usa_092001/Beschreibung.html

 

Hörbeispiel: Kaufrausch

Links zu Homepages über Monika Osberghaus
http://www.spiegel.de/kultur/
gesellschaft/0,1518,162775,00.html

"Auf der Suche nach der Maus von Morgen"
Zur Innovationsfreudigkeit und -fähigkeit von Erfolgsprogrammen im Fernsehen
Einführungsvortrag von Monika Osberghaus (FAZ)
http://www.kinderfilmfestival.de/scripts/
branche/vortragosberghaus.htm

Links zu Homepages über Judith Wilske Aus der Ferne sieht es aus wie ein riesiges silbernes Ei, das jemand in die Fußgängerzone gelegt hat. Tatsächlich ist es ein fahrbarer Laden, versteckt in einem Fünfziger-Jahre-Caravan. Hier gibt es ein paar weiße T-Shirts, Kaffeebecher, Kerzen und Leinenbeutel, auf allem der Aufdruck: "Why Do You Shop?" Eine Frage, die eine Marke ist - die Künstlerin und Teilzeitverkäuferin Judith Wilske hat sie sich als Warenzeichen schützen lassen. Die 30-Jährige hat ein Wirtschaftsdiplom, doch ihr Geschäft ist Theater. Vor zwei Jahren begann sie ihre künstlerische Ausbildung an der Amsterdamer Schule für "Advanced Research in Theatre and Dance" und stellte fest, "dass zwar alle Welt einkauft, das Thema aber vom Kulturbetrieb nicht ernst genommen wird". Also entwickelte sie ein Theaterprojekt, das Fragen zum Thema Shopping stellt. Und zwar dort, wo im wirklichen Leben eingekauft wird.
http://www.brandeins.de/magazin/archiv/
2000/ausgabe_01/idee/artikel3.html

Judith Wilske
"Mein erstes Shopping Buch"
(indiziert, ab 18!)
http://www.whydoyoushop.com
(ab Jan 2002 in zweiter Auflage bei Buchhandlung Walther König, Köln)

Es sollte ja durchaus eine Provokation sein, und die Sache kam auch sehr schön ins Laufen, als Freunde des guten Kinderbuches darauf aufmerksam wurden. Nachdem Judith Wilske ihr "Shopping Buch für Kinder" nicht mehr nur in einem Aktionsbus in den Fußgängerzonen vorstellte, sondern auch auf der Leipziger Buchmesse, klingelte in der Redaktion das Telefon, kamen besorgte Briefe: Da sei in Leipzig ein ganz schlimmes Kinderbuch aufgetaucht, und keiner hätte etwas dagegen getan ! Den Verlag solle man boykottieren ! Im Verlag nahm man nicht nur unsere Bestellung auf, sondern beteuerte sofort ungefragt, mit dem Buch nichts zu tun zu haben, man habe nur "den Vertrieb übernommen". Und dann war alles ganz harmlos: Das Buch soll die Kinder nur an einer Stelle wachkitzeln, an der sie von all der Werbepenetranz, die pausenlos auf sie einwirkt, schon völlig taub sind - an ihrem Sinn für unser aller Konsumverhalten. Ein pädagogisch-moralisch-politisch einwandfreies Unternehmen - würden nur die Erwachsenen seine Darreichungsform nicht als Schlag ins Gesicht empfinden. Denn "Mein erstes Shopping Buch" ist auf den ersten Blick eine einzige dreiste Werbung für das Einkaufen.
Aus:
24.11.2000: FAZ - weiterlesen unter:
http://www.kinderprojekte.de/kffk/news/47_00.html

Kann den Kaufen Sünde sein? Ist Konsum ein Verbrechen? Judith Wilske stellt ihr Kinderbuch "Mein erstes Shopping Buch" vor, mit dem Kleinkinder mit dem Konsum- und Kaufverhalten in der Marktwirtschaft vertraut gemacht werden sollten, das einzige indizierte Kinderbuch in Deutschland.
http://www.volksbuehne-ost.de/volksbuehne-berlin-cgi/
vbbNav.pl?fID=B13&pID=126

Raul Vaneigem:
"An die Lebenden. Eine Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie"
In der deutschen Übersetzung von Pierre Gallissaires und Walter Ott
Edition Nautilus
http://www.edition-nautilus.de

Peter Kafka.
Gegen den Untergang.
Schöpfungsprinzip und Globale Beschleunigungskrise
Hanser Verlag
Peter Kafka vertritt die realistische und durchaus optimistische Erkenntnis, dass die wertschöpfenden Prinzipien der Evolution nicht nur verstanden, sondern auch durchgesetzt werden müssen. Kafkas "Pamphlet" macht Mut, die Probleme im Wirtschafts-, Sozial- und Energiebereich anzupacken und sie ungewöhnlichen, zum Teil faszinierend einfachen Lösungen zuzuführen.

Naomi Klein:
"No Logo! - Der Kampf der Global Player um Marktmacht"
Riemann Verlag

Achillesferse der Markenwelt
Naomi Klein zeigt in ihrem furiosen Buch, wie der Macht der globalen Unternehmen begegnet werden kann
Von Mathias Greffrath - in - (c) DIE ZEIT 13/2001
Just do it - ein Hauch von Anarchie weht aus dem Buch. Man möchte unverzüglich das neue Opel-Plakat - "Ohne die Sonne gäbe es kein Leben auf der Erde. Beten Sie sie an" - mit einem Sprühkommentar aus dem Alten Testament versehen, vorm lokalen Nike-Town ein Straßentheater über die Arbeitsbedingungen der chinesischen Turnschuhkleberinnen veranstalten oder die rosa Zellen der Telekom ins öffentlich-solide Postgelb zurückmalen. Naomi Kleins dickes Buch No Logo! hat diese angenehm amerikanische, selbstbewusste Mischung aus Sachbuch, Analyse, Reportage, Subjektivität und moralischer Empörung, ganz als hätte ein Autorenkollektiv aus Noam Chomsky, Erin Brokovitch, Ralph Nader und Pearl Jam seine vier Kapitel verfasst.
Weiterlesen:
http://www.zeit.de/2001/13/Kultur/200113_p-klein.html

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,121398,00.html
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,120997,00.html
http://www.nologo.org/

Willy Hochkeppel
"Mäandertal. Philosophische Versuche abseits des Geläufigen"
Parerga Verlag

Tauschringe - existierende regionale Zweitökonomien
(Auszug) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Ökonom Silvio Gesell (1862 bis 1930) die Grundlagen geschaffen, auf denen echtgeldloser Tausch funktioniert. In sogenannten "Tauschringen" schließt sich ein Kollektiv von Bürgern zusammen, die untereinander in einer eigenen Währung Tauschgeschäfte abschließen. Diese eigene Währung hat in der Praxis oft pfiffige Namen wie etwa im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg -dort konnte man in zahlreichen Geschäften mit "Knochen" einkaufen. Von Silvio Gesell haben die Tauschringe den Grundgedanken übernommen, dass ihre Währung nicht verzinst wird, sondern stattdessen "Schwundgeld" ist. Schwundgeld hat die gleiche Eigenschafte wie alle Waren - es verrottet. Diese "negativen Zinsen" sollen zu Konsumförderung führen und Chancen für eine umwelt- und menschengerechtere Wirtschaftsordnung bieten. Neben der Ökonomie von Silvio Gesell berufen sich die Tauschringe auch auf die Theorie des Kommunitarismus ("vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft") - weiterlesen unter:
http://ig.cs.tu-berlin.de/s98/1332l506/privatesGeld3.html

1932 führte die kleine Tiroler Landgemeinde Wörgl eine eigene Währung ein. Dieses Kuriosum wurde initiiert von ihrem sozialdemokratischen Bürgermeister Michael Unterguggenberger. Er hielt nichts von Marx, wohl aber viel von dem ,,obskuren" Geldanarchisten Silvio Gesell. Er war der Überzeugung, dass nur mit dem ,,Schwundgeld" dieses ehemaligen Volksbeauftragten der Münchner Räterepublik die hohe Arbeitslosigkeit in Wörgl zu überwinden war.
Weiterlesen:
http://www.99alternativen.de/wirtsch/schwund/schwun~1.htm

Welche Probleme können Komplementärwährungen lösen?
Diskussionsgrundlage für das Expertengespräch zum Thema "Für einen neuen Geldpluralismus" - nachzulesen unter:
http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/gloetzl/gloetz.htm