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Lange Nacht
Manuskript vom: Samstag 23.2.2002   • 23:05

Die Lange Nacht der Kopfbedeckungen
Mut zum Hut
Autorin:  Hannelore Hippe

Wir sind die erste Generation mitteleuropäischer Mensch, die unbehütet durch die Welt läuft und sich darum wohl auch schutz- und heimatlos fühlen mag. Religiöse Vorschriften, geschlechtsspezifische Schamvorstellungen und strenge Moralkodexe regelten Jahrhunderte lang die Verbreitung standesgemäßer Kappen, Kapuzen und Turbane und was sonst noch gegen Wetter und Feinde getragen wurde. "Sich mit fremden Federn schmücken" bedeutete wortwörtlich, sich einen Hut aufzusetzen, der einem der Herkunft oder des Standes wegen nicht zustand. Da kannten weder Adel noch Zünfte ein Pardon. Der Hut oder Helm wurde äußerst ernst genommen, da er zur sofortigen und weit sichtbaren Identifikation seines Trägers dienen musste. Das konnte im Schlachtfeld überlebenswichtig werden. Wie groß - dem Vornehmsten das größte Käppi - welche Farbe - Juden mussten zum Beispiel gelbe Hüte tragen - welche Form - spitz rangierte vor rund - das alles war per Gesetz und Dekret geregelt und wer gegen die Obrigkeit rebellierte, tat das oft genug zuallererst nicht nur im sondern auch am Kopf, wie die "Phrygerkappen" es symbolisierten, die auf den Häuptern französischer Bastillestürmer saßen.

Doch war nicht alles, was sich der Mensch auf den Kopf setzte, Überzeugungstat oder reines Zugehörigkeits- und Standessymbol. Und nicht nur geschlechtsmoralischer Wunschtraum, endlich "unter die Haube zu kommen". Vor knapp dreihundert Jahren stieß die eitle Menschheit auch zum reinen Zierhut vor. Noch bis vor fünfzig Jahren etwa übten Putz- und Hutmacher ein angesehenes und vor allen Dingen krisenfestes Handwerk aus. Niemand in unserer großen und auch kleinen Welt wagte es, ob Mann oder Frau, ohne Hut aus dem Haus zu treten. Das schickte sich nicht und wer es trotzdem wagte, war schlicht und einfach vulgär. Doch irgendwann flog in den swingenden Sechzigern, als viele Traditionen umgeblasen wurden, auch der Hut davon. Nun ist der letzte Ausdruck eleganter Lebensart passé oder doch langsam wieder im Kommen?


Aus: Muller, Florence und Lydia Kamitsis:
Les Chapeaux - Une Histoire de tête (s.u.) 

In einer Welt des Mainstream und des androgynen Business Suits mag man sich doch nach dem individuellen I-Tüpfelchen sehnen, das den nicht globalisierten Teil der Erscheinung des Einzelnen in seiner Originalität subtil bis schrill herauszustreichen vermag. Dafür ist ein Hut gut. Allemal. Man kann ihn zum Einstieg noch tarnen und als Schutz gegen Umwelteinflüsse vorschieben. Denn Kopfbedeckungen boten immer und zu allen Zeiten Schutz. Mal mehr, wenn sie aus Stahl waren, mal weniger wenn aus Federn und Tüll gefertigt. Nicht nur Fahrradfahrer greifen heute zum Helm. In Australien gar wird ob des Ozonlochs geraten, mit Hut auf der Hut zu sein. Und vor was schützen sich die grell behüteten Royals, die, ob mit blumigen Wagenrädern oder schleierhaften Kompottgebilden, der Menge huldvoll zuwinken? Überhaupt der Schleier. Heute wieder in aller Munde als Ausdruck religiöser Freiheit oder Unterdrückung. Denn ein Schleier ist nicht etwa einfach ein Schleier, genau wie das Kopftuch, das sich noch unsere Mütter zum Einkauf arglos umbanden, ohne dafür schief angesehen zu werden. Ein Schleier kann auch à la Garbo das Nonplusultra femininer Verführungsstrategien bedeuten. Wie ein simpler Filzhut Ausdruck höchster künstlerischer Kreativität sein kann.

Richtig: Der Hut kann alles sein: er kann viel versprechen, einiges warm und geschützt halten, Meinung machen und ausdrücken und einfach nur schön sein. Genießen wir die demokratische Freiheit der Wahl unserer Kopfbedeckung! Stimmung am Kopf. Ausdruck von Individualität, Geschmack und Humor. Barhäuptig können wir noch lang genug herumschleichen...

Hannelore Hippe

 

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Aus: Muller, Florence und Lydia Kamitsis: Les Chapeaux - Une Histoire de tête (s.u.) Aus: Muller, Florence und Lydia Kamitsis: Les Chapeaux - Une Histoire de tête (s.u.)
 
"Dann haben sich die Menschen mit Hüten größer gemacht, denn der Hut ist eigentlich das erste, was wir von einem Menschen bemerken, wenn wir ihn in einer Menschenmasse sehen und dann erst eigentlich der Kopf oder das Gesicht. Und somit ist der Hut ein ungeheuer wichtiges und erstes Signal, das den Menschen auffallen lässt und natürlich hat der Mensch dies erkannt, hat sich mit diesem auffallenden Accessoire zu diesen Signalen bekannt, die verschiedener Art sein können. Denn Signale setzt man durch Form und Farben oder durch die Art des Tragens und insofern kann man sagen, der Mensch hat sich größer und imposanter gemacht."

Dr. Andreas Ley, Leiter des Modemuseums in München, weiß wovon er spricht. Er ist der Herr der Hüte, genaugenommen der zweitausend Hüte des Museums und mit Hüten im Modesalon der Mutter und Großmutter ist er aufgewachsen. Herr Ley geht nie "oben ohne" aus.

"Wollen wir das Wort "Hut" nicht so gebrauchen, sondern " Kopfbedeckungen" und die sind natürlich in jeder Kultur aus diesen Gründen wichtig gewesen, denn es ist immer das erste Signal. Ganz simpel: die Pharaonenkopfputze. Insofern ist ein Kopfputz eine Kopfbedeckung, die etwas stärker betont ist durch den " Aufputz", deshalb sagt man " Kopfputz", das alte Wort. Pharaonen haben Kopfputze getragen. Alle Kulturen hatten sie als Standes - und Würdezeichen und gegen Witterungseinflüsse."
Modemuseum in München:
http://www.stadtmuseum-online.de/stsamm.htm

 

"Auf Bildern im mittelalterlichen Italien finden sich auch Darstellungen von Frauen mit kinnlangen, das heißt abgeschnittenen Haaren und oft tragen sie weder Hut, Schleier noch Haube. Die Haube war nur im nördlichen Teil Mitteleuropas verbreitet, in Italien konnte sie nie richtig Kopf fassen, doch deutet die historische Tatsache, dass Germaninnen, Gallierinnen und Wikingerinnen ihre Zöpfe unbedeckt zeigten, darauf hin, dass wirklich erst mit der christlichen Taufe für die Frauen der Zwang zur Verdeckung der Haare unter Tüchern und anderen Materialien begann. Die Begründung dafür nahm Mann aus der Bibel: Jeder Mann, der mit verhülltem Haupte betet oder prophetisch redet, entehrt sein Haupt. Jede Frau, die mit unverhülltem Haupt betet oder prophetisch redet, entehrt ihr Haupt. Sie gleicht einer, die geschoren ist. Wenn eine Frau sich nicht verhüllt, dann mag sie sich auch die Haare abschneiden lassen. Der Mann braucht sein Haupt nicht zu verhüllen. Er ist das Ebenbild und der Abglanz Gottes; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Der Mann stammt nicht von der Frau, wohl aber die Frau vom Manne. Auch wurde der Mann nicht um der Frau willen erschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen. Darum soll die Frau auf ihrem Haupt ein Zeichen dafür tragen, dass sie unter der Herrschaft steht. - um der Engel willen."

 

Der Zylinder - Dr. Andreas Ley, Leiter des Modemuseums

  Der Zylinder, der schon im 18. Jahrhundert bekannt war, nahm als Puritaner oder Quäkerhut seinen Erfolgslauf von England aus. An ihm lässt sich wie an kaum einer anderen Kopfbedeckung politische Gesinnung, Veränderung und politische Brisanz die sich lediglich in der Wahl der Kopfbedeckung zeigt, ablesen. Sage mir wer den Zylinder trägt und ich sage dir, was er ist. Der Hut. Vom Rebellenhut zum Sinnbild der Reaktion. Und das kam so: Sprecher: In Amerika avancierte der Quäkerhut bald zur Kopfbedeckung liberaler, fortschrittlicher Kreise. Im Zuge der Unabhängigkeitskriege wurde er zum Hut der "Abtrünnigen" von England schlechthin. Der Zylinder hieß in Europa daher bald "der amerikanische Hut" und die Sympathien, die liberale Europäer für die Rebellen auf der anderen Seite des Atlantiks hegten, gingen schnell auf ihren Hut über. 1791 kehrte der schwarze, hohe Hut, der Männer größer machte, im Triumph nach Europa zurück und hieß fortan bei uns "Zylinder". Kurz nach der französischen Revolution angekommen, wurde er sofort zur erklärten Lieblingskopfbedeckung von deutschen Anhängern gesellschaftlichen Umbruchs. Der Zylinder wurde auch von den nun entmachteten Perückenträgern gern und kopflos "Demokratenhut" genannt.

 

Aus: Muller, Florence und Lydia Kamitsis: Les Chapeaux - Une Histoire de tête (s.u.) Aus: Muller, Florence und Lydia Kamitsis: Les Chapeaux - Une Histoire de tête (s.u.)
 
Der Gemütshut: Lydia Kamitzis, Leiterin der Abteilung Hüte, Modemuseum im Louvre in Paris

  vom Modemuseum im Louvre in Paris, Leiterin der Abteilung Hüte. Wenn man sich die Damenhüte der vorletzten Jahrhundertwende anschaut, sieht man, welch riesige, aufwendigen Konstruktionen das waren. Die Modistenbranche in Paris beschäftigte allein zu der Zeit ungefähr zehntausend Angestellte. Das Volumen des Huts spiegelte immer noch die gesellschaftliche Stellung der Frau wieder. Alleine konnte die Dame das Aufsetzen des Hutes nicht bewältigen. Und das musste der Hut demonstrieren. Man brauchte unendlich viel Zeit um ihn korrekt auf dem Haupt zu drapieren und benötigte die Hilfe zahlreicher Hände dafür, mehr als die zwei eigenen. Das heißt, eine Dame, die ein solches hübsches Ungestüm auf dem Kopf balancierte, konnte es sich leisten. Ihr Mann war wohlhabend genug für den Hut. Doch führten diese Auswüchse der Belle Époque schließlich zu massiven Protesten der Männer. Ausgelöst wurden diese Proteste im Theater, das Kino stand erst kurz bevor, wo kein Mann und man darf vermuten, auch keine Frau mehr irgendetwas sehen konnte als Folge der riesigen Hüte, deren Breite und Höhe bis zu einem Meter, jawohl, betragen konnte. Es war die berühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt, die schließlich in Pariser Theatern dafür sorgte, dass es im Theater Vorraum Ablege-Möglichkeiten für die Federräder gab. Schließlich wollte Madame auch gesehen und bewundert werden und nicht nur vor Hüten spielen.
www.louvre.fr

 

Die traditionelle jüdische Kopfbedeckung: Die Kippa Die Kippa, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung
 
Die Kippa, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, im Wandel der Zeiten. Die Zeiten, als das jüdische Volk mit vor Sandstaub schützenden Kopfbedeckungen durch die Wüste zog, sind längst vorbei. Doch die Kippa als traditionelle jüdische Kopfbedeckung hat ihre Popularität seit Jahrhunderten behalten. Während sich Kulturanthropologen noch immer darüber streiten, ob die im Judentum gebräuchlichen Kopfbedeckungen - Kippa, Hut, Streimel - ein Relikt aus biblischen Zeiten seien, setzt sich Israels religiös orientierte Jugend unbekümmert die neusten modischen Kippot-Kreationen auf. Weiterlesen:
http://freenet.meome.de/app/fn/
artcont_portal_news_article.jsp/77680.html

Indianische Kleidung in Nordamerika
In der Subarktis, wo das Wetter mitunter sehr rauh war, trug man gern Kopfbedeckungen. Die Beothuk hatten an ihren Mänteln Kapuzen. Bei den Naskapi wurden Mützen aus Karibuleder getragen. Die verheirateten Frauen zeichneten sich durch eine Mütze aus, die durch ein umlaufendes Band von Borstenstickerei verziert war, junge Mädchen trugen nur ein einfaches Leder um den Kopf. Die Männer der Naskapi trugen Lederkappen, die mit Federn des Eistauchers verziert waren, während die jungen Männer den Mädchen folgten und auf Verzierungen verzichteten. Mehr dazu:
http://mitglied.lycos.de/OeserR/ethnografie/kleidung.htm

Dr. Andreas Ley, Leiter des Modemuseums: "Es gibt Federn in allen Kulturen als Schmuck. Inkakulturen, Südseekulturen. Überall gibt es Federn als wichtiges Zeichen. Wenn Sie die Indianer anschauen, Indianerkopfputze mit den Adlerfedern, das hat ja eine symbolische Bedeutung. Des Aufsteigens. Der Kopf ist ja immer eine Botschaft zum Himmel, kann man sagen. Er ist ja das letzte Ende zwischen Mensch und Himmel. Das ist der Punkt. Deshalb ist der Kopf auch immer so wichtig gewesen, auch für eine Kopfbedeckung."

 

"Menschen auf geistig niedriger Stufe, wie die Neger im Urwald, brauchen keine Kopfbedeckung, aber auch unter diesen Primitiven pflegen Häuptlinge und Medizinmänner Hüte zu tragen, um dabei ihre geistige Überlegenheit anzuzeigen." Es ist erstaunlich, dass dieses mit rassistischen Stereotypen gespickte Plädoyer für das Tragen von Hüten keineswegs der heißen Phase des Imperialismus am Ende des 19. Jahrhunderts entstammt. Zu finden ist es vielmehr in einer Werbebroschüre der "Gemeinschaftswerbung Herrenhut" aus den 1950er Jahren, mit der die deutsche Hutindustrie gegen den neuen hutlosen Lebensstil der Nachkriegszeit anzugehen versuchte. Dieses Zitat verweist auf die Relevanz, die ein vermeintlich beiläufiges und marginal erscheinendes Kleidungsstück wie der Hut im Hinblick auf kulturgeschichtliche Fragestellungen birgt.
Wer sich näher mit dem Hut und seinen vielfältigen Ausformungen beschäftigt wird bald feststellen, wie wichtig die Hüte im Alltagsleben vergangener Zeiten waren. Der Hut und seine Moden können dabei aber schnell auch "politisch" werden - sei es als rote Jakobinermütze oder als Zylinder aus der 1848er Revolution mit schwarz-rot-goldener Kokarde, sei es als Bischofshut oder als Uniformmütze bei Militär und Polizei. Weiterlesen:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/
rezensio/ausstell/2000/rigu0700.htm

 

Les Chapeaux - Une Histoire de tête Les Chapeaux - Une Histoire de tête Muller, Florence und Lydia Kamitsis
Les Chapeaux - Une Histoire de tête
Paris: Éditions Syros
1993

Birgit Bräuer
Fräulein Haberbeck und ihre Hüte.
Kreationen zwischen Jugendstil und Moderne
(Kataloge des Lippischen Landesmuseums Detmold, 2)
Detmold 2000
ISBN: 3-9806765-2-8

Hüte. Von Kopf bis Hut.
Kopfbedeckungen aus der Sammlung des Modemuseums im Münchner Stadtmuseum vom 18. Jahrhundert bis 2000
München 2000
ISBN: 3-932353-36-6