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Lange Nacht
Sendung vom: Samstag 27.7.2002   • 23:05

Eine Lange Nacht über Stoffe
"Was ist das für ein reizender Hauch von nichts..."


 
Neues vom Textilmarkt

Auf dem Textilmarkt boomen die Innovationen: vom Stoff, der die Traumfigur formt, über hochentwickelte Textilien, die einen perfekten Feuchtigkeitsaustausch garantieren, bis hin zum Stoff, der lästige Gerüche wie Kneipenluft und Imbissmief abweist. Mit diesen Erfindungen versucht die krankende Textilindustrie, neue Märkte zu eröffnen. Zum anderen sollen natürlich auch die gestiegenen Ansprüche der Kundinnen und Kunden erfüllt werden. Zu den exotischeren Entwicklungen gehört das sogenannte Smart Shirt aus Italien. Seine Ärmel dieses Hemdes rollen sich von selbst hoch, wenn die Außentemperaturen steigen. Und mit einem Fön kann das Material glatt "gebügelt" werden, wenn man es verknittert aus dem Koffer holt. Das Material, das zu solch intelligenten Leistungen fähig ist, besteht zu großen Teilen aus Titanium und Nickel, die dem Stoff neben der Intelligenz allerdings auch eine etwas kratzige Beschaffenheit verleihen. Und nicht zuletzt den Preis in astronomischer Höhe: Rund 2000 € bezahlt man für das Smart Shirt.

Ein paar Notizen zu den unterschiedlichen Faser-Arten: (der weltweite Faserverbrauch im Jahr 2000: zu 42,4 % Naturfasern, zu 57,6 % Chemiefasern)

Naturfasern

Baumwolle:

Baumwolle nimmt den größten Anteil aller Faserstoffe ein. Im Jahr 2000 machte sie weltweit rund 40 Prozent des gesamten Faserverbrauchs aus. Die Baumwollfaser stammt aus der Samenkapsel der Pflanze. Baumwolle im Naturzustand ist schlecht zu gebrauchen, denn Staub und Pestizide sowie die wachshaltige Faserhülle würden eine Verarbeitung unmöglich machen. Also muss man sie veredeln, sie mit Natronlauge bearbeiten, damit die Faserstruktur aufgelockert wird, die Faser rund wird und dadurch den Farbstoff besser aufnehmen kann. Dieses Verfahren hat der Engländer Mercer erfunden, deshalb wird es "Mercerisieren" genannt. Eine Behandlung der Baumwolle ist schon deshalb notwendig, weil beim Abernten der Felder mit Maschinen alles gepflückt wird, was auf der Pflanze ist - egal, wie reif die verschiedenen Samenkapseln sind. Nur der Handpflücker erkennt die gute, richtig reife Baumwolle - und muss dafür bis zu zehn Mal über das Feld gehen. Klar, dass das länger dauert als mit der Maschine, aber für diese gute Qualität zahlt der Weltmarkt auch das doppelte.

Leinen:

Dieser Stoff wird aus den Stängeln von Flachs, Ramie oder Hanf gewonnen. Hanf darf seit 1995 wieder hier angebaut werden, nach wie vor aber ist Flachs der wichtigste Rohstoff. In Deutschland kann er allerdings nicht mehr weiter verarbeitet werden, weil es hier keine Aufbereitungsanstalten mehr gibt - die nächste Möglichkeit liegt in Belgien, das meiste Leinen aber kommt aus dem fernen Osten, vor allem aus China.

Seide:

Der Anteil am weltweiten Verbrauch ist nach wie vor verschwindend gering - im Jahr 2000 lag er bei 0,2 Prozent. Man unterscheidet zwischen der kostbaren Maulbeerseide und der Wildseide, die auch Tussahseide genannt wird. Die Maulbeerraupen werden seit Jahrtausenden gezüchtet - durch Auswahl hat man immer den festeren, feineren, weißeren Faden gewählt. Der Tussah-Schmetterling aber ist der gleiche, wie er vor 1000 Jahren herumflog. Seine Faser ist spröder, gröber, und sein Faden wird nicht behutsam abgehaspelt sondern der Kokon wird zerrissen. Wildseide erkennt man sofort an der ungleichmäßigen Dicke des Fadens.

Wolle:

Wenn auf dem Etikett des neu erworbenen Pullovers "100 % reine Wolle" steht, dann heißt das noch lange nicht, dass die auch direkt vom Schaf kommt. Da müsste schon drauf stehen: Schurwolle. Oder Lammwolle, wenn es vom Jungtier kommt. Zumindest in Anteilen ist in den Wollkleidern auch Reißwolle - sie stammt aus alten, aufgeribbelten Pullovern. Nur wenig wird Gerberwolle verwendet - sie stammt vom toten Schaf. Nachdem es geschlachtet wurde taucht man das Fell in eine Sulfid-Kalklösung und rauft die Haare aus.

Chemie-Fasern:

Chemiefasern aus natürlichem Grundstoff:

Spätestens als vor rund 150 Jahren auch die Industrie sich für textile Fäden interessierte, kam man auf die Idee, einen Faden künstlich herzustellen. Aus Zellulose: Dem Grundstoff von Blättern und Hölzern. Man experimentierte mit Kupferoxidammoniak herum und löste die Zellulose auf. Die Faser, die dabei heraus kam, nannte man Cupro. Wegen des angenehm weichen Griffs war Cupro eine sehr beliebte Textilfaser zum Beispiel für leichte Sommerkleider. Heute wird das Verfahren aus Kosten- und Umweltgründen in Deutschland nicht mehr angewendet. Satt dessen erhitzt man die Zellulose, um sie von Harzen und anderen Fremdstoffen zu befreien und löst sie in Schwefelkohlenstoff und Natronlauge auf. Heraus kommt Viskose. Ganz ähnlich, nur in einem anderen Lösungsverfahren werden auch die Fasern Acetat und Lyocell gewonnen. Oft steht auf dem Etikett auch Rayon. Der amtliche Gattungsname für Chemiefasern aus erneuerter, wiedergewonnener Zellulose. Allerdings, so gute Eigenschaften wie etwa die Baumwolle haben all diese Fasern nicht. sind empfindlicher, leichter verformbar und knittern. Das liegt daran, dass ihre Moleküle Sie längst nicht so dicht beieinander liegen wie bei der natürlich gewachsenen Faser. Also ging man daran, die benachbarten Molekülketten chemisch miteinander zu vernetzen. Das Ergebnis heißt: Modal.

Chemiefasern aus synthetischem Grundstoff:

Als in den 50er Jahren erst der Nylonstrumpf (Perlon) und bald darauf das erste Elastan-Hemd aus Lycra ihren weltweiten Siegeszug antraten, war das der sichtbare Durchbruch der synthetischen Chemiefasern. Schon 25 Jahre vorher hatte ein deutscher Chemiker erkannt, dass die langen Molekülketten in den Stofffasern auch synthetisch hergestellt werden können. Die Ausgangsstoffe, die Monomere, werden aus Erdöl gewonnen, und auf diesen Grundbaustoffen baut man die langen Moleküle auf. Durch die unterschiedlichen chemischen Verfahren entstanden Polyacryl oder Polyamid. 1941 das Polyester, das heute mit 38 Prozent auf Platz zwei im weltweiten Faserverbrauch liegt.

Allen Chemiefasern gemein ist das Verfahren zur Herstellung eines Fadens. Der wird nicht gesponnen wie bei der natürlichen Faser, sondern die zähflüssige Masse wird durch feine Düsen gepresst, der dünne Strahl gerinnt zu einem Faden.