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Lange Nacht
Sendung vom: Samstag 27.7.2002   • 23:05

Eine Lange Nacht über Stoffe
"Was ist das für ein reizender Hauch von nichts..."


 
Luxusstoffe

Die Legende erzählt, dass eine chinesische Prinzessin nicht auf Gewänder aus Seide verzichten mochte. Als sie wegen ihrer Verheiratung China verließ, schmuggelte sie darum einige Eier der Seidenraupe in ihrem Kopfschmuck außer Landes. Damit war das chinesische Seidenmonopol gebrochen. Der ohnehin edle Stoff wurde durch die Textilkunst noch edler. Seide wurde mit Fäden gesponnenen Goldes zu kostbaren und schweren BrokatStoffen gewebt. Als Katharina di Medici den König von Frankreich heiratete, tat sie dies in einem Kleid aus Seide und Gold und dokumentierte so eindrucksvoll den Glanz und die Macht der florentinischen Kaufmannsfamilie. Bis heute ist Seide ein LuxusStoff geblieben, weiß Herbert Piedbouef, ehemals Professor an der Fachhochschule für Bekleidungstechnik in Mönchengladbach.

Einmal ist es natürlich eine herausgehobene Qualität oder ein herausgehobenes Material, was sich nicht jeder leisten kann. Dann hat es natürlich einen außerordentlichen Charme beim Tragen, es ist sehr weich. Ich meine, es ist besser, sagen wir mal Seide um den Körper wedeln zu lassen, als Ziegenhaar. Aus Ziegenhaar, aus grobem Ziegenhaar gab es früher Büßergewänder.

Wie zu Zeiten Katharina di Medicis werden die hochwertigsten Seiden auch heute noch in Italien gewebt. Der Meter kostet leicht einige hundert Euro. Kein Wunder, dass der Stoff nach wie vor eine Lieblingsmaterial für die allerfeinsten Roben ist. Wie vor zwei- oder dreihundert Jahren werden kostbare SeidenStoffe in den Luxusschneidereien der Haute Couture von Hand aufwendig genäht und bestickt. Das Pariser Haus von Christian Lacroix fertigt sogar Kleider aus Stoffen, die erst dann produziert werden, wenn sich eine Käuferin für das Kleid gefunden hat. Es versteht sich, das es sich bei solchen Gewändern um Einzelanfertigungen handelt, deren Preis in Dollar berechnet wird. Fünfzig bis hunderttausend Dollar sind durchaus üblich. Doch auch "einfache" Stoffe wie Baumwolle können durch die entsprechende Verarbeitung zum LuxusStoff werden.

Baumwolle kann unwahrscheinlich fein versponnen und fein verarbeitet sein. Wir kennen ja schon aus ägyptischen Mumien, wie die bekleidet waren, dass man also in der Zeit schon ganz feine Baumwollgewebe hatte, wo sie also ein Kleidungsstück, auch ein Kleid beispielsweise durch einen Fingerring ziehen konnten. Das sind also Qualitäten, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Bis heute gilt die ägyptische Baumwolle als die Beste der Welt. Ihre Fasern sind besonders lang und sie wird meist noch von Hand geerntet, ist darum also frei von groben Faserstücken. Immerhin, bis in die Mitte des vergangen Jahrhunderts wurde aus solchen Baumwollqualitäten ein luxuriöser HemdenStoff gefertigt, weiß Herbert Piedbouef.

Es gab früher einen Seidenpopeline, das hatte mit Seide nichts zu tun, sondern es war eine so feine Baumwolle, dass sie also seidig wirkte. Und das ist heute so teuer geworden, das mir nicht bekannt ist, wo heutzutage richtiger Seidenpopeline verarbeitet wird.

Auch andere LuxusStoffe werden heute nicht mehr hergestellt. Die Kunst der Herstellung ist zu aufwendig und mit der Zeit verloren gegangen. Chinesischer Wolkenbrokat, ein Stoff aus Seide, Gold und Reiherfedern, ist so ein Stoff. Heute wird er nur noch von einer Handvoll Menschen hergestellt. Oder das Rohmaterial für einen Stoff ist so selten, dass es den Stoff unbezahlbar macht.

Dann muss man diese ganze Wolle sehen, die von Schafkamelen, von Kleinkamelen kommt. Da wäre Alpaka zu nennen, da ist Lama zu nennen, da ist Wikunia-Wolle zu nennen, da ist Guanako-Wolle zu nennen. Die letztere ist so teuer, das kann sich überhaupt keiner leisten, weil es also ganz wenig davon gibt.

Kaschmir hingegen feiert momentan eine Renaissance. Auch von Kleidern aus Kaschmirgarnen heißt es, dass Kleidungsstücke aus Top-Qualitäten durch einen Fingerring passen. Die feine Kaschmirwolle stammt von Ziegen, die wild oder halbwild auf den Hochplateaus des Himalajas leben. Nur auf einer Höhe von 3000 bis 5000 Metern wächst ihnen ein weiches Unterfell, das sie im Frühjahr abstoßen. Daraus fertigt man Kaschmirgarne. Früher klaubte man die Wolle, die die Ziegen verloren, aus Gebüsch und Gestrüpp. Lange hielt man darum das unendlich feine Haar für eine Pflanzenfaser. Anderthalb bis drei Jahre brauchen zwei Männer bis ein echter Kaschmirschal fertig ist. Kaschmirschals sind auch in ihrem Herkunftsland ein Luxusgut. Im 19. Jahrhundert löste die französische Kaiserin Josephine mit ihrer Vorliebe für das indische Tuch eine Modewelle aus. Ein Kaschmirschal war ebenso teuer wie ein Pelzmantel. Bis ins zwanzigste Jahrhundert war so ein Schal in Frankreich ein typisches Hochzeitsgeschenk. Heute wird die Kaschmirwolle nicht mehr mühsam eingesammelt, sondern die Ziegen werden geschoren. Die Bauchhaare gelten als die Besten und werden darum von Hand ausgekämmt. Nur sie taugen für LuxusStoffe, die durch die entsprechende Verarbeitung noch weiter veredelt werden. So kämmt eine italienische Firma ihre hochwertigen Kaschmirqualitäten mit Disteln. Der Stoff bekommt so einen unnachahmlichen Glanz und einen seidenweichenweichen Griff. Eine britische Firma nennt ihren besten KaschmirStoff nicht umsonst "Millionärskaschmir": Und da "100 % Kaschmir" ebenso teuer ist wie "100 % Seide", werden den beiden Luxusmaterialien gerne anderen Qualitäten wie Schaf- oder Baumwolle beigemischt, um die Stoffe erschwinglicher zu machen. Doch wirklich billig sind auch diese Stoffe nicht.

Man sagt ja auch "halbseidenes Mädchen", so ein bisschen herablassend. Aber Halbseide ist eben die Mischung aus Seide und Wolle, und da gibt es ganz feine Qualitäten, die auch außerordentlich teuer sind. Seide mit etwas Kaschmir, dazu noch etwas Wolle. Das sind auch sommerlich leichte Gewebe, die auch eine gewisse Konsistenz haben. Das ist schon was Feines, das ist schon Luxus, aber da muss man eben auch heute für eine Jacke doch schon weit über 1000 Euro ausgeben. Das ist eben Luxus und die meisten Leute sehen eben nicht: Luxuriöse Dinge wollen auch luxuriös behandelt werden. Das sind eben nicht Dinge, die man jeden Tag tragen kann.