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Lange Nacht
Manuskript vom: Sa. 26.10.2002 • 23:05

Die Lange Nacht der Stühle
Setzen Sie sich!



 
Autor:  Adolf Stock

Setzen Sie sich! Pfeiffer aus der Feuerzangenbowle hat den Satz ziemlich oft zu hören bekommen. Schließlich ist Stillsitzen erste Schülerpflicht. Stühle, überall Stühle. Wir sind umstellt von Sitzgelegenheiten, und sie sind uns so selbstverständlich geworden, dass wir kaum noch über das Sitzen nachdenken, es sei denn, uns quält gerade ein Bandscheibenvorfall. Der Stuhlphilosoph Hajo Eickhoff hat seine Stühle jedenfalls abgeschafft. Er gehört nun zu jener Hälfte der Menschheit, die auf Stühle verzichten.

Es gibt Stühle mit Beinen und Kufen, es gibt schlichte Hocker. Stühle stehen als Designobjekt in Museen und schicken Lofts. Ein Stuhl ist weit mehr als nur ein Möbelstück, er ist ein Stück abendländischer Kulturgeschichte. Die Geschichte der Menschheit ist rund zwei Millionen Jahre alt, die Geschichte des Sitzens weniger als fünftausend. Vom Thron der Könige bis hin zum simplen Küchenstuhl war es ein weiter Weg. Grund genug, sich mit den eigentümlichen Zwei- und Vierbeinern zu beschäftigen, zumal Stühle auch in der Kunst und Literatur - von Kosuth bis Beckett - eine bedeutende Rolle spielen.

Und wer möchte schließlich nicht wissen, was einen Stuhl von einer Kirchenbank unterscheidet, was es mit dem Ulmer Hocker auf sich hat und weshalb sich die Thonet-Stühle so gut zerlegen lassen, als kämen sie geradewegs aus dem Ikea Regal?!

Ein Gedicht von Christian Morgenstern

 

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Eines der weltweit führenden Museen für Design und angewandte Kunst der Moderne. Das faszinierend reiche, internationale Spektrum reicht vom kunsthandwerklichen Unikat bis zum industriellen Serienprodukt. Ob Stromlinienform oder Organic Design, ob edle Jugendstilvase, seltenes Muranoglas, Sixties-Plattenspieler oder ultramodernes Sportgerät - jedes Exponat steht für herausragende Gestaltung.

Die Neue Sammlung
Pinakothek der Moderne
Kunstareal
Barer Straße 40
80333 München
http://www.die-neue-sammlung.de/
muenchen/sam/moebel/dindex.htm


Die Neue Sammlung - Pinakothek der Moderne, München

Der Berliner Architekturhistoriker Jonas Geist kennt den Unterschied zwischen Bank und Stuhl

Florian Hufnagel, Leiter der Neuen Sammlung in München: "Also wenn Sie mich fragen, aber da weiß ich wirklich nicht, ob ich da repräsentativ bin. Mir kommt nicht jeder Stuhl in meine Wohnung. Und ich passe ja schon in meinem Büro auf, welchen Stuhl ich da habe. Erstens muss ich ihn den ganzen Tag anschauen, und mich ärgert nichts mehr als die immer stärker um sich greifende visuelle Umweltverschmutzung. Und Zweitens, will ich mich ja auch reinsetzen, oder meine Familie oder meine Freunde, und dann will ich auch sitzen. Und nachdem ich ja nun nicht gerade eine kleine Hosengröße trage, will ich in diesem Stuhl auch bequem sitzen. Ich will ja vielleicht auch eine gute Flasche Wein trinken oder ein Glas Wein, und da ist nichts unangenehmer, als wenn ein Stuhl unbequem ist. Das heißt, da habe ich schon mehr Anforderungen an einen Stuhl. Der muss a) anständig ausschauen und er muss b) benutzbar sein. Denn nichts ist schlimmer, wenn es auf das verlängerte Rückrat drückt oder vorne drückt, weil der Neigungswinkel falsch ist. Nein, nein, ein Stuhl ist ein Gebrauchsgegenstand, der aber sehr sehr persönlicher Natur ist, und wenn es eines gibt, wo man aufpassen sollte, oder wo ich aufpasse, dann ist es beim Stuhl und vielleicht noch bei der Uhr, die ich trage."

Florian Hufnagel über Klappstühle

Das Berliner Kunstgewerbemuseum wurde im Jahre 1868 mit Erwerbungen von der Weltausstellung 1867 in Paris unter dem Namen Deutsches-Gewerbe-Museum zu Berlin eröffnet. Die Gründer wollten mit Unterricht und einer Mustersammlung zur Geschmacksbildung von Kunsthandwerkern, Industriezeichnern und der gesamten Öffentlichkeit beitragen.
Weiterlesen: http://www.smb.spk-berlin.de/kgm/g.html

Kunstgewerbemuseum
Matthäikirchplatz
Berlin-Tiergarten
Di. - Fr. 10 - 18 Uhr
Sa. - So. 11 - 18 Uhr

Josephine Hildebrand vom Berliner Kunstgewerbemuseum: "Grundsätzlich glaube ich schon, dass wir eine richtige Stuhlgesellschaft sind. Wir müssen eben sitzen. Wenn sie sich mal überlegen, wenn man in eine leere Wohnung kommt: Das erste, was sie sich da aufbauen, ist irgend etwas, wo sie erhoben sitzen können. Und das hängt damit zusammen, dass wir als erwachsene Menschen heute meistens nicht mehr in der Lage sind, bequem auf dem Fußboden zu sitzen. Wir brauchen einfach inzwischen eine erhöhte Sitzgelegenheit. Und das hat sich sicherlich gesellschaftlich so entwickelt, denn in anderen Kulturen ist das ja nicht so."

 

Hajo Eickhoff:  Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft. Hajo Eickhoff:
Himmelsthron und Schaukelstuhl.
Die Geschichte des Sitzens.
München (Hanser Verlag) 1993

Hajo Eickhoff
Sitzen.
Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft.
(Ausstellungskatalog Deutsches Hygiene-Museum, Dresden)
Frankfurt am Main (Anabas-Verlag) 1997


Barcelona - Sitzen am Strand

Heute schon gesessen?
Der 'Homo sedens' lebt auf Stühlen, nicht auf Bäumen
Wer sitzt, bleibt. In geselligen Runden aus meist freien Stücken, eher unfreiwillig dagegen im Knast. Sitzen hat sich durchgesetzt. Überall. Symbol des Beständigen, des Sich-Einlassens auf eine Situation und geeignet für alle Gelegenheiten: Essen, Trinken, Ausruhen, Lernen, Arbeiten, Zuschauen, genießen, Reisen - alles im Sitzen, seit 150 Jahren vor allem auf Stühlen. Früher war das anders. Doch der Mensch wurde vom Homo sapiens sapiens zum Homo sapiens sedens. Runter von den Bäumen, rauf auf die Stühle. Seßhaftigkeit als Lebensstil.
So findet der Kunsthistoriker Dr. Hajo Eickhoff: "Stühle sind die Bausteine unsere sozialen Architektur." Weiterlesen:
http://www.joachim-liebers.de/Journalismus/sitzen.htm

Der Pädagoge A. Baginsky über das richtige Sitzen in der Schule - 1883
"Das schreibende Kind soll in der Schulbank folgendermaßen sitzen: Die Füße sollen fest auf dem Boden oder dem Fußbrett ruhen. Vordere Thoraxwand, Sitzknorrenlinie, Hüftachse und innerer Tischrand sollen parallel sein, die untere Kante des Schreibheftes darf von der Richtung dieser Parallelen ebenfalls nicht abweichen, sondern soll den genannten Linien parallel ziehen. Der Rücken ist gerade aufgerichtet, an die Kreuzlehne gelehnt, und die vordere Thoraxwand von der inneren Tischkante so weit abstehend, dass man bequem die flache Hand zwischen beide hindurchlegen kann. Der Kopf sei ganz leicht abwärts geneigt, weder nach rechts noch nach links von der Vertikalen abweichend. Beide Ellenbogen ruhen mit ihren vorderen zwei Dritteln auf dem Tisch. - Dies ist die normale Schreibhaltung."
Die Lange Nacht der Schulgeschichten - Lektionen fürs Leben

Aus: Samuel Beckett "Endspiel"
"Eines Tages. Du wirst irgendwo sitzen, ganz winzig, verloren im Leeren, für immer im Finstern. Wie ich. Eines Tages wirst du dir sagen: Ich bin müde, ich setze mich, und du wirst dich setzen. Dann wirst du dir sagen: Ich habe Hunger, ich steh jetzt auf und mach mir was zu essen. Aber du wirst nicht aufstehen. Du wirst dir sagen: Ich hätte mich nicht setzen sollen, aber da ich mich gesetzt habe, bleibe ich noch ein wenig sitzen, dann steh ich auf und mach mir was zu essen. Aber du wirst nicht aufstehen."

Das Lippische Landesmuseum ist das größte und älteste Museum Ostwestfalen-Lippes und liegt im Zentrum von Detmold gegenüber dem Weserrenaissanceschloß der Fürsten zu Lippe. Gegründet 1835 als Naturhistorisches Museum entwickelte es sich bis heute zu einer großartigen Sammlung lippischer und außerlippischer Kulturgüter. 1989 wurde die Abteilung Möbel und Innenarchitektur eingerichtet. Der Besucher bekommt einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Möbeldesigns seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Exponate von namhaften Designer wie Thonet, Mies van der Rohe oder Mackintosh haben das Erscheinungsbild von Möbeln entscheidend geprägt.

Lippisches Landesmuseum Detmold
Ameide 4
32756 Detmold
Tel: +49-(0)5231-99 25 0
Fax: +49-(0)5231-99 25 25
http://www.lippisches-landesmuseum.de/start-ok.html


Miniaturstühle aus dem Vitra Design Museum

Vitra Design Museum
Charles-Eames-Str. 1
D-79576 Weil am Rhein
Telefon +49 7621 702 32 00
Telefax +49 7621 702 31 46

Das Vitra Design Museum gehört zu den weltweit führenden Museen für Design. 1989 in einem Gebäude des kalifornischen Architekten Frank O. Gehry eröffnet, erforscht das Museum die Geschichte und aktuelle Entwicklungen des industriellen Möbeldesigns.
http://www.design-museum-berlin.de/weil.asp

Mit seiner ersten Dependance bietet das Vitra Design Museum nun auch in Berlin ein innovatives Forum für Design und Architektur. Das Gebäude des Vitra Design Museums Berlin ist das ehemalige Abspannwerk "Humboldt", erbaut 1924-26 von Hans-Heinrich Müller.
http://www.design-museum-berlin.de/weil.asp

Vitra Design Museum Berlin
Kopenhagener Straße 58
D-10437 Berlin / Prenzlauer Berg
Telefon +49 30 473 777 0
Telefax +49 30 473 777 20
http://www.design-museum-berlin.de/

Das Lebenswerk von Michael Thonet spiegelt auf eindrucksvolle Weise den Übergang vom Handwerk zur industriellen Massenproduktion im 19. Jahrhundert wider. Doch der Erfolg der Thonet´schen Fabrikation basierte nicht nur auf der Vollendung der Massivholz-Biegung. Erst der unternehmerische Weitblick des Tischlermeisters Michael Thonet garantierte die permanente Weiterentwicklung von Produkten und Produktionstechniken. Der beste Beweis für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten sind die Bugholzmöbel, die bis heute in Frankenberg nach den Originalen hergestellt werden.


Barcelona - Mies van der Rohe-Pavillon

Museum Thonet
Michael-Thonet-Strasse 1
D-35059 Frankenberg
Telefax:+49 (06451) 50 81 08
Telefon:+49 (06451) 50 80
http://www.thonet.de/

Der Filmregisseur Billy Wilder hatte sich in den "Schaukelstuhl Nr. 1" der Firma Thonet verguckt. "Als ich sieben war, verliebte ich mich unsterblich in ein merkwürdiges Möbelstück. Wir lebten damals in Wien. Jedes Jahr zur Ferienzeit schickten mich meine Eltern zur Großmama nach Galizien. Das einzige, was mich wirklich interessierte, war der Schaukelstuhl in Großmutters Salon. Eine sinnliche Brezel mit Schlaufen, Schnörkeln und Kringeln."

Philipp Thonet erinnert sich an seinen Ururgroßvater
"Er war sicherlich ein ganz großer Tüftler, der oft auch in der eigenen Werkstatt gestanden hat, oft auch im eigenen Betrieb mitgearbeitet hat. Also nicht der Geschäftsmann, der am Schreibtisch saß, sondern jemand, der wirklich vor Ort auch geholfen hat, auch technische Probleme zu lösen und Experimente zu machen. Sicherlich jemand, der nicht so leicht aufgegeben hat, sich für Technik interessiert hat und einfach eben experimentell viel erarbeitet hat. Ein bescheidener Mann, also das sind so die Kriterien, die ich mir jetzt vorstelle."

1859 entstand der legendäre Caféhausstuhl unter der Bezeichnung "Konsumsessel Nummer 14". Seine Bestandteile: zehn Schrauben, zwei Muttern und sechs Holzteile. Bis 1930 wurden von diesem Stuhl 50 Millionen Exemplare hergestellt, und er wurde in den unterschiedlichsten Variationen zum Exportschlager.

Max Bill über den Ulmer Hocker

Der Ulmer Hocker. http://www.mediensalat.net/hocker.html

Den Ulmer Hocker entwarf Max Bill 1955 in Zusammenarbeit mit Hans Gugelot für das Interieur der HfG Ulm. "Zwei senkrechte Bretter, ein waagerechtes, die drei fest verzahnt, von einem runden Holzstab unten zusammengehalten", so beschrieb ein Zeitgenosse das Konstruktionsprinzip des Hockers. Dergestalt ist er Sitz, Beistelltisch, Regal und tragbares Tablett in einem. Der Ulmer Hocker wurde zum Mythos. Er entsprach voll und ganz dem minimalistischen Konzept, das Max Bill - mit Endlosschleifen und subtilen Würfeln auch in seiner Kunst verfolgte. Und in diesem Falle war es auch eine Ästhetik der Armut, frei nach Mies van der Rohe, der einst über seine Architektur gesagt hatte: "Weniger ist mehr". Heute kostet der Klassiker etwa 120 Euro, und er ist nicht mehr signiert. Natürlich können drei schlichte Bretter und ein abgeschnittener Besenstiel nicht mit feudalen Sesseln konkurrieren.

"Ich selbst benutze zu Hause Ulmer Hocker. Aber ich meine, ich habe auch zum Beispiel einen alten Stuhl, eine Steppelle von meiner Urgroßmutter. Das ist auch gut. Und dann als bequemsten Stuhl, ist der Eames-Stuhl, der c ist heute noch unkorrigierbar der Beste. Das ist ein bisschen schwierig zu beschreiben. Das ist eine Schale aus Kunststoff, und die ist innen gepolstert. Also ganz leicht gepolstert. Es gibt sie, die Schale, mit Seitenlehnen, die sind nicht gepolstert, sondern sind einfach Plastiklehnen. Es ist ein Einbeiner, er dreht sich, hat einen Punkt und hat unten eine flache Schale, die auf den Boden geht. Eine runde Schale, er hat also keine Richtung, sondern die Richtung bestimmt man selbst, indem man drinsitzt." Peter Frank hat seine private Stuhlsammlung jetzt in einem Buch beschrieben. "Meine Reise nach Jerusalem mit 36 Stühlen und einer Hängematte".
Ein anderes Design-Buch.
Frankfurt am Main (Anabas-Verlag) 2002

Vitra hat es sich zur Aufgabe gemacht, Möbel und Einrichtungssysteme zu entwickeln, die stimulieren, inspirieren und motivieren und gleichzeitig dem Körper Komfort, Sicherheit und die notwendige Stützung bieten. Die Produkte entstehen in Zusammenarbeit mit international bekannten Designern.
http://www.vitra.com/

 

Chair-repair
Der Stuhl gehört wie kein anderes Möbel zu den Gegenständen, in welche die meisten Anstrengungen und Ressourcen bezüglich Funktion, Form und Ästhetik gesteckt wird. Sieht man einmal vom Auto ab, ist der Stuhl dasjenige Industrieprodukt, das die meisten Designer zu Innovationen anregt. An welchen Faktoren dies festzumachen ist, liegt auf der Hand. Neben dem Bett ist der Stuhl die Schnittstelle zwischen Körper und Gebrauchsprodukt. Der Stuhl hat die Funktion, einem Menschen Halt und Stütze zu geben und dies für die unterschiedlichsten Tätigkeiten: Essen, Lesen, Warten, Schreiben usw. Auf Stühlen verbringen wir, vom Bett abgesehen, die meiste Zeit unseres Lebens. Die Konstruktionen für ein Funktionieren dieses Möbelstückes sind komplexer Art. Im Idealfall sollte die Sitzhöhe so berechnet sein, dass der Nutzer mit den Füßen gerade den Boden berührt.
Weiterlesen: http://www.chair-repair.de

"Sie erinnern mich an alte Leute. An Oma und Opa, die auf Krücken gehen müssen, die im Laufe ihres langen Lebens etwas unförmig und gebrechlich geworden sind - doch sie kämpfen dagegen an. Sie sind zwar alt, haben aber immer noch ihre Würde. Die Stühle wirken menschlich auf mich."
Jochen Fischer von chair repair

Der Berliner Zen-Körpertherapeut Martin Krahl:
Wie man richtig sitzt
"Die beste Sitzhaltung ist diejenige, wo das meiste Körpergewicht einfach auf den Sitzknochen ruht. Das heißt, man rückt mit den Becken vorne an die Kante des Stuhles, lässt seine Beine 90 Grad im Winkel des Knies auf dem Boden ruhen und lässt das Becken ganz sanft vor und zurück schaukeln. Und dann innerlich vorstellen, dass man vom obersten Punkt des Schädels einfach langsam wächst und dadurch streckt sich dann die Wirbelsäule und das Becken immer wieder nach hinten ein wenig entspannen, und dadurch - eigenartigerweise - entsteht dann sogar der Zustand, dass die Schultern sich langsam absenken."

Der eigentliche Vater der tragischen Farce in Punkto Stühle ist eigentlich Eugéne Ionesco. Sein Stück "Die Stühle" von 1952 zeigt ein Hausmeister Ehepaar in ihrer skurrilen Umgebung. Ein Haus, abgeschnitten von der Welt und mit Wasser umgeben. Zwar hat es der Hausmeister im bürgerlichen Leben nicht weit gebracht, aber er will zu guter Letzt noch eine Botschaft übermitteln. Ein offizieller Redner soll vor geladenen Gästen die Botschaft verkünden. Dann kommen die Gäste, der Kaiser, hohe Würdenträger, Menschen aus Wirtschaft, Kunst und Politik. Allerdings existiert die illustere Gesellschaft nur in der Phantasie des Ehepaars und auf der Bühne sehen die Zuschauer nichts als leere Stühle. Und im Laufe des Abends folgt Gast auf Stuhl und Gast auf Stuhl, bis die Bühne mit Stühlen vollgestellt ist. Als der Redner dann wirklich kommt, stürzen sich die beiden Alten aus dem Fenster ins Wasser.
Wer schon einmal, vielleicht während einer Familienfeier, mit einem Stuhl zusammengebrochen ist, kennt das peinliche Gefühl, mit dem Trümmern des Stuhls ganz ohne Halt auf dem Boden zu liegen. Dazu braucht es nicht unbedingt einen Holzstuhl mit Parasiten, ein schlecht verarbeiteter Gartenklappstuhl aus Plastik erfüllt bei einer Party oft den gleichen Zweck. Ein Stuhl, der seinen Dienst versagt.

Irgendwann hatten die Stühle plötzlich keine Lust mehr zu dienen. Sie emanzipieren sich und fühlen sich durchaus als eigenständige Persönlichkeit. In Galerien und Kunstmuseen sind solche Stühle zu sehen. Wer auf der letzen documenta war, konnte die Stühle der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo kaum übersehen. Es sind ganz merkwürdige Gebilde aus rostfreiem Stahl, Holz und Blei. Ihre Stühle gehen die merkwürdigsten Symbiosen ein. Sie setzen sich übereinander, sie knicken ihre Lehnen der Erde entgegen und schmiegen sich um eine Ecke der Wand. Diese Stühle bestehen auf ihre Eigenständigkeit, sie haben gleichsam Gefühle, die sie ihren potenziellen Benutzer ganz schonungslos mitteilen. Diese Stühle machen Verrenkungen und leiden, sie haben die Schnauze voll, einfach nur zu funktionieren und den Menschen zu dienen. Doris Salcedos Stühle sind Skulpturen der Verweigerung. http://www.hr-online.de/fs/d11/kuenstler.html
http://www.documenta.de/data/german/index.html


documenta11 - Stühle von Doris Salcedo

Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung
Klingelhöferstraße 14
D - 10785 Berlin
Telefon: 030 - 25 40 02 0
http://www.bauhaus-berlin.de

Das Bauhaus nimmt in der Geschichte von Kultur, Architektur, Design, Kunst und neuen Medien des 20. Jahrhunderts eine besondere Rolle ein. Als eine der ersten Hochschulen für Gestaltung führte es eine Reihe der herausragendsten Architekten und Künstler seiner Zeit zusammen, war neben pädagogisch innovativer Ausbildungsstätte auch Produktionsort und Fokus internationaler Diskussionen. Wie kaum eine andere Institution hat sich das Bauhaus innerhalb einer krisenhaften Situation der Industriegesellschaft der Frage nach der Beherrschbarkeit des Modernisierungsprozesses mit den Mitteln der Gestaltung gestellt. Die Meister und Studierenden des 1919 in Weimar gegründeten Bauhauses setzten sich zum Ziel, die Trennung von Kunst und Produktion in einem Zurück zum Handwerk als Grundlage allen künstlerischen Schaffens aufzuheben und durch vorbildliche Gestaltungen Gegenstände und Räume für eine künftige humanere Gesellschaft zu schaffen. Unter seinem Gründer und ersten Direktor Walter Gropius (1883-1969) vollzog das Bauhaus 1923 in einem inneren Klärungsprozess eine Hinwendung zur Industrie.
http://www.bauhaus-dessau.de/

 

Deutsches Architekturmuseum
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main
Tel. 0 69-2 12-3 84 71
http://dam.inm.de/

Die Lange Nacht vom Bauhaus - Weg von Dessau und zurück

Literatur zum Weiterlesen:

  • Alberecht Bangert / Peter Ellenberg: Thonet Möbel. Buchholz-Klassiker von 1830 -1930.Ein Handbuch für Liebhaber und Sammler. München (Heyne) 1993 und 1997
  • Gerda Breuer: Die Erfindung des Modernen Klassikers. Avantgarde und ewige Aktualität. Ostfildern-Ruit (Hatje Cantz Verlag) 2001
  • Sigrun Caspar: Bleib, Vogel. Tübingen (Konkursbuchverlag Claudia Gehrke) 2000 Darin die Erzählung: Die Japaner machen es mit Stühlen
  • Documenta 11. Katalog. Ostfildern-Ruit (Hatje Cantz Verlag) 2002
  • Hajo Eickhoff: Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens. München (Hanser Verlag) 1993
  • Hajo Eickhoff: Sitzen. Eine Betrachtung der bestuhlten Gesellschaft. (Ausstellungskatalog Deutsches Hygiene-Museum, Dresden) Frankfurt am Main (Anabas-Verlag) 1997
  • Rolf Fehlbaum: Chairman. Baden/Switzerland (Lars Müller Verlag) 1997/1999 in englisch
  • Peter Frank: Meine Reise nach Jerusalem mit 36 Stühlen und einer Hängematte. Ein anderes Design-Buch. Frankfurt am Main (Anabas-Verlag) 2002
  • Erich Göngrich: Sitzen im Ausland. Berlin (Eigenverlag goengrich@gmx.net) 2000
  • Sonja Günther: Design der Macht. Möbel für Repräsentanten des 'Dritten Reiches'. Stuttgart (Deutsche Verlags Anstalt) 1992
  • Sonja Günther: Die fünfziger Jahre. Innenarchitektur und Wohndesign. Stuttgart (Deutsche Verlags Anstalt) 1994
  • Thomas Heider/Markus Stegmann/René Zey: Lexikon Internationales Design. Designer Produkte Firmen. Reinbek (Rowohlt) 1994
  • Eugéne Ionesco: Die Stühle. Der neue Mieter. Reclam Verlag (Stuttgart) 1962
  • Michael Palin: Hemingways Stuhl. Zürich (Haffmanns Verlag) 1996
  • Ilja Ilf, Jewgeni Petrow: Zwölf Stühle. Berlin (Verlag Volk und Welt) 2000
  • Paul Maenz: Art is to chance… Skizzen aus der Umlaufbahn. Regensburg (Verlag Lindinger + Schmid) 2002
  • Werner Möller / Otokar Mácel: Ein Stuhl macht Geschichte. München (Prestel Verlag) 1992
  • Thomas Müller / Romana Schneider: Das Klassenzimmer. Schulmöbel im 20.Jahrhundert. München (Prestel Verlag) 1998
  • Barbara Mundt u.a,: Architekten als Designer: Beispiele aus Berlin. München (Hirmer Verlag) 1998
  • Heinz und Bodo Rasch: Der Stuhl. (Reprint und Supplement Hg. von Alexander Vegesack) Weil am Rhein (Vita Design Museum) 1992
  • Arthur Rüegg: Schweizer Möbel und Interieurs im 20.Jahrhundert. Basel, Bosten Berlin (Birkhäuser Verlag) 2002
  • José Saramago: Der Stuhl und andere Dinge. Erzählungen. Reinbek (Rowohlt Taschenbuch Verlag) 1997 Darin die Erzählung "Stuhl"
  • Peter Sulzer: Jean Prouvé Highlights 1917 - 1944. Basel, Bosten, Berlin (Birkhäuser Verlag) 2002 auf englisch
  • Alexander von Vegesack, Matthias Klein (Hg.): Mies van der Rohe - Möbel und Bauten in Stuttgart, Barcelona, Brno. Weil am Rhein (Vitra Design Museum) 1998
  • Michael Wolf. Sitting in China. Göttingen (Steidl Verlag) 2002 auf englisch, eine deutsche Ausgabe ist in der Planung

 

 

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